In einer ausweglosen Trommel

Zeitriss Lenka Reinerovás Erinnerungsband »Alle Farben der Sonne und der Nacht«

Zu lange war ich nicht imstande, die Ideale meiner jungen Jahre, die Hoffnung nach so viel Unglück aufzugeben, zu lange wünschte ich inständig, daß die Farben der Sonne die Farben der Nacht überstrahlen. Ein Traum, der ohne Gnade verjagt wurde.«

Lenka Reinerová, Prager Jüdin, einzige Überlebende einer zweisprachig lebenden deutsch-tschechischen Familie, suchte nach dem faschistischen Krieg die hellen Seiten des Lebens dort, wo sie in ihrer Jugend zu sein schienen: Bei denen, die sich den herkömmlichen Gewohnheiten widersetzten, die den Nationalisten entgegen traten, bei den Antifaschisten, ihren Genossen eben. Sie hatte sich als junge Frau zu den »endlich richtigen Regelungen menschlicher Angelegenheiten« hingezogen gefühlt. Und es in diesem Umfeld zu einer Arbeit bei der von F.C. Weiskopf seit 1933 in Prag edierten Arbeiter-Illustrierten-Zeitung gebracht. Sie galt nach der Machtübernahme der Nazis als gefährdet, ging ins Exil. Das rettete ihr das Leben. Alle anderen Familienmitglieder kamen um. Und dennoch wurde aus diesem Umstand nach dem Sieg über die Faschisten ein Alptraum. Nicht sie selbst fragte, warum habe gerade ich überlebt. Mit dem unüberhörbaren Unterton: Nur Kollaborateure, Verräter kamen durch, fragten andere - Genossen. Die Paranoia von Potentaten in Stalins Gefolge begann, Antifaschisten nach der eben überwundenen Diktatur neue brennende Wunden und Demütigungen zuzufügen.

Krieg und Gerechtigkeit sind unversöhnliche Pole, auch im Lager derer, die ihr Land verteidigen. In solchen Zeiten scheint es Gründe zu geben, die Welt nur in schwarz oder weiß zu teilen. Aber im Sog des Stalinismus überzog die Tschechoslowakei ihr Gemeinwesen auch nach 1945 mit Säuberungen, es fand sich keine Instanz, die Herren über das neue Leben zu mäßigen. Die Slansky-Prozesse präsentierten sich auf der ständigen Suche nach Verrätern, Spionen, »Diversanten« als Einschüchterungsschau. Die Nachkriegzeit als eine makabre Art des Misstrauensvotums gegenüber jedermann, bis in die Basis der »führenden« Partei hinein. Nur Jugoslawien verteidigte seinen Anteil an der eigenen Befreiung und fiel bei den Sowjets in Ungnade. Tito war nicht nur Name, er wird zum Synonym für Feind. »Die Sache« genießt höchste Priorität, obwohl niemand weiß, was die Sache sein könnte, wenn nicht das Wohl der arbeitenden Bevölkerung. Menschen sind Meister im Verdrängen, Lenka Reinerová macht da keine Ausnahme. Sie kehrte mit ihrem jugoslawischen Mann als deutsch schreibende Jüdin aus dem Exil in Mexiko in dieser Zeit nach Prag zurück.

Ein Kind. Ein neues Leben, Glück. Sie blendet aus, was durch die Prager Gassen wabert, Gerüchte von Verhaftungen derer, die, wie sie, in der westlichen Emigration waren. Sie wird auf der Straße aufgelesen, verhaftet und verschwindet für 15 Monate in Einzelhaft. Aus der kleinen Frau, die Gedichte und Artikel schrieb, wurde eine »Zuträgerin der Imperialisten«, eine »Mata Hari«, die gegen den tschechischen Sozialismus arbeitete. Sie erlebt keine körperliche Gewalt. Sie ist allein, ausgeliefert den Unterstellungen und Verdächtigungen forscher Untertanen, die dieselben Ideale im Munde führen, denen sie bislang gefolgt war. Und die in kalter Glätte sozialistische Vorstellungen mit Hohn überziehen. Sie gönnen ihr weder Decken, noch ausreichend Nahrung, noch Ruhepausen, noch Nachrichten von der Familie. Die kleine, zarte Frau zermartert sich den Kopf, warum das alles geschieht. »Wir können mit Ihnen machen, was wir wollen«, wird ihr gesagt, »nach Ihnen kräht kein Hahn mehr, gestehen Sie Ihre Verbrechen, sonst kommen Sie hier nie wieder raus«. Und dann die heuchlerische Frage »warum geben Sie prinzipiell eine falsche Nationalität an, sie sind doch Jüdin, nicht?«

Das Ausmaß einer solchen Tragödie ließe sich nicht ertragen, die Anzahl der Fragen, die keine Antwort finden, würde wie Blei auf den Füßen liegen und jede Bewegung unmöglich machen, wäre da nicht das, was in der Medizin Amnäsie heißt. Gesellschaftliche Amnäsie, ausgeknipste Zeiten. Kapitel der menschlichen Entwicklung, nicht vergessen, aber ausgeblendet. Fällt Licht darauf erscheinen sie als Feuerball, der grell auf Umstände und Auswege fällt.

Lenka Reinerová hatte diesen Teil ihres Daseins in einem in tschechischer Sprache geschriebenen Text, der »gerade noch durchrutschte« wie sie heute sagt, verarbeitet, das Schwergewicht aber auf das Schicksal ihres jugoslawischen Mannes gelegt, der als Arzt in die Provinz verbannt wurde und dort als Laborant arbeiten musste. Die zermürbenden eigenen Erfahrungen spielen eine Rolle, mehr nicht. Dass sie damals durchhält, ist eher Verdrängen als Überlegung geschuldet. Die bohrenden Verhörfragen nach deutschen und tschechischen Antifaschisten kann sie nicht deuten, sie versteht nicht, was die Bekanntschaft mit Egon Erwin Kisch, mit F.C. Weiskopf, Anna Seghers, mit Steffi Spira, mit der Weigel oder mit Brecht und die von einer sozialistischen Regierung angedrohte ewige Dunkelheit miteinander zu tun haben könnten. Sie läuft durch ihre Zelle, fünf Schritte hin, fünf zurück, erschöpft von Demütigung und eintöniger Bewegung. Als sie diesen Text Ende der neunziger Jahre noch einmal bearbeitet, fügt sie Überlegungen hinzu, reproduziert das Gefühl, Teil des »Gewimmels von menschlichen Eichhörnchen in einer gigantischen, ausweglosen Trommel« zu sein. Artikuliert ihre Wut, Willkür als Schutz des »Sozialismus ausgeben zu wollen, ... dessen Ziel es doch sein sollte, die Erniedrigung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen«, fragt: Ist das der »Anfang einer Generation ohne Ende«? Sie versucht den Denkfehler zu finden, der ihnen, den alten Sozialisten, unterlaufen war, als sie ihre Ideen mit einem menschenwürdigen Dasein verknüpften. Sie findet ihn nicht. Und hält sich, Trost suchend, an die Rituale der Bewegung - 1. Mai, Erinnerungen an die schönen Momente.

Das Buch vergleicht: Internierung in einem Land wie Frankreich, die Vernichtungsdrohung der Nazis im Rücken. Dennoch, weggeschlossen sein durch die, die man als Verbündete betrachtet hat, kann sie weit weniger verarbeiten. Das klare Feindbild der Nazis erzeugte physische Angst, die ständigen Demütigungen in Prag zermürbten, stellten die Ideale in Frage. Die Pein, nichts von sich selbst bewahren zu können, gefährdete das Leben von innen, wie eine schwere Krankheit. Ihre Haft endet so abrupt wie sie begann. Irgendwo wird sie aus einem Auto auf die Straße gesetzt, Stalin ist tot. Die Götter im eigenen Land geschrumpft. Sie hält ihre Erlebnisse fest. Mehr ist ihr nicht möglich. 1964 wird sie rehabilitiert, um schon 1968 als Dubceks Getreue erneut in Ungnade zu fallen.

Diese Zeitrisse sind wie Sprossen einer Leiter, die in die Desillusionierung, nicht aber die Depression führen. Im Gegenteil, Lenka Reinerová hat sich ihren Lebenstälern bewundernswert selbstkritisch genähert. Wenn der Leser nicht nur Urteile bestätigt wissen will, sondern bereit ist, sich und die eigenen Werte kritisch zu prüfen, ergibt sich, über die Beschreibung eines historischen Dramas hinaus, europäische Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in ihrer Verbundenheit und Bedingtheit. Ideale und Irrtümer gewinnen in den Erinnerungen der inzwischen hoch geehrten letzten deutschsprachigen Vertreterin der Prager Schule trotz allem eine faszinierende Dimension.

Es gehört zu den fragwürdigen Mythen jeder Politik, die Motive des Handelns bestrickend frisiert zu präsentieren. Das Sozialismus-Verständnis im 20. Jahrhundert hat diese Kunst zur Blüte gebracht. Das eigene Credo, die direkten und weniger direkten Handlungsantriebe sollten nicht durch Zweifel beschädigt werden. Was ein halbes Jahrhundert nach den Prozessen gegen deutsche, tschechische, polnische Antifaschisten beschrieben wird, ist eine Hypothek, deren Höhe durch das, was wir jetzt tun, beglichen werden müsste.

Aber setzen Regimes heute eigene Interessen weniger rigoros durch? Lehnt sich der einzelne - vorausgesetzt er hat sein Mögliches getan - nicht auch zurück und konstatiert, mehr ging nicht? Es gibt keinen Grund zum Durchatmen, es gibt keine anderen, schon gar keine besseren Menschen, nur die Umstände wandeln sich. Gegenwärtige Weltpolitik vermittelt eine bedrängende Ahnung von fortwährenden Unzulänglichkeiten, bei allen Unterschieden. Fünfzig Jahre werden auch im neuen Jahrhundert eine kurze Zeit sein.

Lenka Reinerová: Alle Farben der Sonne und der Nacht, Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 200 S., 15 EUR

00:00 21.03.2003

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