In Medea res

Linksbündig Debatten 2005 und was aus ihnen wurde. Heute: Kindermord

Was macht eigentlich die Vogelgrippe? Kürzlich wurde ein Fall aus Rumänien gemeldet, aber Rumänien, wo liegt das, gehört das überhaupt zur EU? Vorbei die Zeiten, da wir nach dem Frühstück mit sorgenvoller Miene die Routen der Zugvögel studierten, um uns ein Bild vom stetig näher rückenden Frontverlauf der Infizierung zu machen. Dann gab es diesen ominösen Zwischenfall an einem Weiher in Rheinland-Pfalz - zwei Dutzend verendetes Federvieh! -, der unsere finstersten Erwartungen zumindest anfangs zu bestätigen schien. Ein paar Tage später brannten die ersten Autos in Paris. Seitdem jedoch, muss man in aller Strenge sagen, hat die Vogelgrippe wenig getan, um ihre Führungsposition im Kampf ums Gelbe Trikot unserer Aufmerksamkeit zu verteidigen.

Zum Glück! ruft der Paranoiker in uns und stellt all die gegen den Expertenrat gehorteten Medikamente bei ebay ein. Ist eh´ egal, seufzt unsere defätistische Hälfte, seit bekannt ist, dass auch Vogelfleisch krank machen kann, das einen Großteil seines Daseins nicht an der frischen Luft zwischen China und hier verbracht hat, sondern - eingefroren, aufgetaut, wieder eingefroren - im Kühlfach des Supermarkts.

Brennen eigentlich noch Autos in Paris? So könnte das jetzt munter weitergehen. Das Jahresende naht, die Zeit der Rückblicke ist angebrochen, und wir mischen kräftig mit: Debatten 2005. Nur wird dann rasch offenbar, dass wir vielem, was uns als Debatte den Atem verschlug, am Ende wahlweise die Vorsilbe "Schein-" oder den Suffix "chen" anhängen wollten. Nichts ist so langweilig wie die Zeitung von gestern, lautet ein Gesetz aus dem Innern der Aufmerksamkeitsindustrie. Ein anderes ist das Gesetz der Serie. Wo zwei brennende Autos vermeldet sind, springt der Funke leichter über. In der Kriminalistik würde man von Nachahmungstätern sprechen. In unserem Fall gilt es darüber hinaus zu bedenken, dass der Trittbrettfahrer zu einem Gutteil medial gelenkt ist. Die Suchmaschine unserer Wahrnehmung kennt den Begriff oder das Bild, nach dem sie fahndet.

Wenn es interessant bleiben soll, müsste unsere kleine Rückschau also "Debatten 2005 und was aus ihnen wurde" heißen. Beachtung verdient dann vor allem die Diskussion um Kindermorde. Die hat zwar an Brisanz verloren, kommt aber immerhin noch vor: auf den "vermischten" Seiten. Unserer kulturpessimistischen Brust möchte angesichts der dort aufgeführten Zahl von Grausamkeiten ein Seufzer entfahren, wie schlecht doch das Leben auf der Erde geworden ist. Das aber wäre ein Fehler, der aus der medialen Wahrnehmung resultiert. Im Gegensatz zur Vogelgrippe und brennenden Autos hat es tödliche Gewalt gegen Kinder immer gegeben. Die Literatur (Medea) legt Zeugnis davon ab, und die Philologie lehrt uns - wie im Falle der Frankfurter Kindsmörderin Susanna Brandt, die als Vorbild für Goethes Gretchen gilt -, dass solche Verbrechen immer ein Gegenstand der öffentlichen Erregung gewesen sind. Der Sinn von Medien in unserer globalisierten und urbanisierten Welt besteht ja zuerst einmal darin, jenes Informationsdefizit zu füllen das entsteht, wenn nicht mehr jeder jeden im Dorf kennt. Da verwundert dann am ehesten, dass sie Diskussion meistens tatsächlich so altbacken geführt wird, wie sie ist. Allen Bemühungen um Gleichstellung zum Trotz liegt die Verantwortung für das Grauenhafte allein bei der Frau, während die Jasons unserer Tage schemenhaft im Hintergrund nach einem neuen Bier verlangen oder mit Trennung drohen.

Beachtung verdient die Kindermord-Debatte zum zweiten, gerade weil sie an Brisanz verloren hat. Den Ausgangspunkt der aktuellen Fortsetzungsmeldungen bildete im August die Aufdeckung des neunfachen Mordes in Frankfurt/Oder. Damals war als Handlanger der monströsen Tat rasch die untergegangene DDR überführt. Heute kräht selbst beim Großreinemachen in der CDU nach der nur knapp gewonnenen Wahl kein Hahn mehr nach Jörg Schönbohm, der die ostdeutschen Wähler dereinst gewinnen wollte mit der These von der "Proletarisierung" der DDR, die den groß angelegten Infantizid begünstigt habe. Die Zeiten sind, atmen wir mit Schönbohm durch, Gott sei dank vorbei. Und sind beruhigt darüber, dass die Misshandlungen und Tötungen von Kindern in Hamburg oder Köln unkommentiert unter "Vermischtes" durchgehen. Sonst müssten wir uns womöglich fragen, was an unserer christlich-bürgerlichen Gesellschaft dem grausamen Verbrechen Vorschub leistet. A propos: Was macht eigentlich die Vogelgrippe?


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00:00 09.12.2005

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