Irgendwie irre kreativ

Architektur Auf dem Berliner Holzmarkt entsteht ein ganzes Dorf aus bestem Holz: ein Symbol für netten, leichten Kapitalismus
Lennart Laberenz | Ausgabe 37/2014 1
Irgendwie irre kreativ
Das „System für sukzessives Wachstum“: wirklich gute Absicht, Kitsch oder Sandkastenspiel?

Abb.: Hütten & Paläste Architekten

„Wir sagen gerne, dass wir ein bisschen naiv sind.“ Ein seltener Satz unter Berliner Bauherren, zumal bei größeren Projekten. Der Mann, der so etwas sagt, heißt Andreas Steinhauser, „Steini“, schiebt er beim Händeschütteln nach. Steinhauser sitzt im provisorischen Büro der Holzmarkt-Baustelle, einem ziemlich großen und ziemlich interessanten Bauvorhaben.

Draußen auf dem Grundstück, das Ex-Bar-25-Leute und viele neue Holzmarkt-Genossenschaftler in einem Bieterverfahren von der Stadt für einen „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“ gekauft haben, werden Getränke angeliefert. Das Geld für das Gelände selbst lieferte die Schweizer Pensionskasse Abendrot. Die S-Bahn fährt auf einer Hochtrasse quer durch, darunter Bögen, in denen gerade ein Restaurant eröffnet, am Wasser ist Pampa, ein sandiges Gelände mit Holzbasteleien als Bar, Zeltplanen, Sandgrube. Wer an einem sonnigen Wochenende herkommt, kann denken: Hier machen Erwachsene ziemlich dick auf jugendlich. Sie tragen schlabbrige Unterhemden, Ledersandalen und schicke Sonnenbrillen. Manche sitzen allein im Sand, andere haben schicke Kinder dabei.

Man sieht sofort, wenn jemand zum Beispiel aus Bückeburg kommt: Die Familie schaut ganz interessiert, Mutter fährt mit der Hand über einen wiederverwerteten Fensterrahmen. Die am Sandkasten schauen gelassen und nirgends anders hin als auf sich selbst. Sie würden vermutlich niemals mit der Hand über Fensterrahmen streichen. In Berlin ist das eine Marotte: Bloß nicht naiv wirken.

Die Start-upler sind …

Vom Sandkasten zum Büro von Steinhauser kommt man durch einen Geländeteil, der noch Baustelle werden will. Der märkische Sand ist grau, in einem länglichen Aushub liegt allerlei Zeug, Dämmwolle, Baustreben, Rohre. Hier soll das „Dorf“ entstehen; Holzbauten um einen Platz, abzweigende Gassen; was so geplant ist, kann man im Internet sehen. Bäcker, Friseure, Mode- und Weinhandel sollen sich ansiedeln. „Keine Ketten, kein Supermarkt“, sagt Andreas Steinhauser, „wir wollen Manufakturen.“ Im Netz steht, dass hier auch „Designer, Werber und andere Entrepreneure“ arbeiten sollen. Die sollen aber nicht nur backen, frisieren und gestalten, sondern „Netzwerke knüpfen, aus denen neue Konzepte und Innovationen erwachsen können”. Klingt eher nach einem Hochleistungszentrum als nach einer ländlichen Idylle. Und damit sind wir dann – schnell noch an einem Club vorbei (natürlich aus Holz), durch das Restaurant (aus Holz) auf den Hof – auf jeden Fall bei Andreas Steinhauser und dem Satz mit der Naivität.

Bei Steinhauser sieht es ein bisschen aus wie in der Elektrobastelecke des Hausmeisters. Er macht „alles Mögliche mit IT“. Aufgewachsen in Langenselbold, politisch sozialisiert in der Punk- und Hausbesetzerszene in Hanau, wollte er immer schon „Subkultur mit Spaß“ verbinden. Was in seinen Kreisen schwierig war, Hedonismus klinge ja wie ein Vorwurf, sagt er. Seit 1994 lebt er in Berlin, macht weiter mit IT, gründet Firmen, eine verkauft er an Nokia. Jetzt sitzt er ehrenamtlich im Aufsichtsrat des Holzmarkts, kümmert sich um Energie und Technik und manches mehr. Vor allem ist er Geschäftsführer des Eckwerks, das hier entstehen soll, wo jetzt noch Leihtransporter herumstehen. Das Eckwerk, so hat es einer der Architekten formuliert, ist das ökonomische Rückgrat des Holzmarkts.

Für das Projekt haben sich namhafte Architekten gefunden. Wolfram Putz von Graft hat mit Brad Pitt nach dem Hurrikan Katrina Projekte in New Orleans gestemmt, Jan Kleihues hat zwar das BND-Gebäude gebaut, gehört aber zu den Architekten, die schon vor vielen Jahren über Naturmaterial als Form des gesünderen Bauens nachdachten. Tom Kaden ist aus der kleinen, feinen Holzbauszene. In Berlin-Prenzlauer Berg hat er den bundesweit ersten Siebengeschosser aus Holz errichtet. Wenn man sie fragt, sagen alle in etwa dasselbe. Sie hätten zwischen „Heidenangst“ und „Respekt“ davor gehabt, mit einer Genossenschaft zu arbeiten, waren aber überrascht, wie klar und entscheidungsfreudig die Genossen ihre Vorstellungen vortragen konnten.

In der Tat. Das Eckwerk als ökonomisches Rückgrat zu bezeichnen, sei falsch, meint Steinhauser: „Es geht hier um eine Balance.“ Meint, im Dorf soll etwas lockerer gebaut werden, etwas flüchtiger, am Eckwerk dafür höher und dichter. Und weil der Bebauungsplan beide Seiten der S-Bahn-Bögen betrifft, kann, was drüben gespart wird, hier an Bruttogeschossflächen dazukommen. Etwa 35.000 Quadratmeter werden es, zusammengesetzt aus einem Sockel, der sich auf die Höhe der S-Bahn schwingt, darauf fünf Türme. Luftig, viel Glas und Grün. Auf dem Dach sollen Fische gezüchtet werden, dazu noch Gemüse. Das gibt es dann unten im Restaurant zu essen. Vor allem aber sollen die Türme aus Holz sein.

Steinhauser schließt einen Überseecontainer beim Pampa-Eingang auf, darin sind ein paar Plastiktanks mit Goldfischen. „Wir probieren das hier mal aus, damit uns keiner Blödsinn verkauft.“ Im Gewächshaus nebenan laufen Bewässerungssysteme, einige Tomaten recken sich schon – nur der Ebbe-Flut-Tisch ist kaputt, nein, da hat jemand den Stecker gezogen, das Grün ist matt. „Steini“ flucht. So treiben sie hier die Dinge am Holzmarkt voran. Mit Versuchen, Basteln, Lernen.

„Wir haben uns erst einmal hingesetzt und überlegt, was Erfolg bedeutet“, sagt Steinhauser. Und? „Ökonomisch, ökologisch, sozial, fair und nachhaltig.“ Weil im Büro recht viel „gefundraised“ oder „crowdgefundet“ wird, weil jemand von „commitment“ spricht, heute noch „E-Bikes“ angeliefert werden, Steinhauser auch gern ein „you name it“ einstreut, wundert man sich etwas: Wirklich nur ein Anglizismus in dieser Aufzählung?

Konkret sollen im Eckwerk Studierende und junge Unternehmer, die vielleicht Start-upler genannt werden müssen, in einem Bau zusammenkommen, der am Ende wohl mindestens 60 Millionen Euro gekostet haben wird. Gleichzeitig wollen die Betreiber nicht die höchste Rendite, sondern den niedrigsten am Markt noch vermittelbaren Mietpreis verlangen. Mehr noch, „wir wollen das Grundstück wertlos machen“, sagt Steinhauser und schaut dabei etwas seltsam. Dass das nicht wirklich geht, ist ihm vermutlich auch klar, aber er will sagen, dass sie nicht am Wiederverkaufswert interessiert sind, sie kauften, um zu bleiben: „Wir wollen nicht fette Kohle mit Real Estate machen.“ Deshalb nehmen sie auch eine millionenteure Rückbauverpflichtung für den Uferstreifen in Kauf, sie wollen einen Strand. Steinhauser sagt das zum Beleg dafür, wie sehr sie gegen die Logik eines klassischen Investors handeln können, Pensionskasse Abendrot erlaubt’s.

… very inspiriert

Überhaupt Geld: Steinhauser pustet ein wenig verächtlich durch die Lippen. Ein „Zahnrad“ sei das, ein „Transfermedium“. Er sagt nicht „Warenäquivalent“, an Marx denkt hier keiner. Genossenschaftler beim Holzmarkt wird man mit einer Einlage von 25.000 Euro plus fünf Prozent Agio, im Eckwerk-Prospekt steht: „Es geht um den Austausch zwischen Kreativität und Kapital.“ Für das Jahr 2013 hat die Pensionskasse Abendrot eine Bilanzsumme von 1,23 Milliarden Schweizer Franken ausgewiesen, das Areal am Holzmarkt vermietet sie an die Genossen. Das Wort „nachhaltig“ taucht auch in ihren Unterlagen häufig auf.

Man kann es so sagen: Das Eckwerk soll ein Symbol des irre kreativen, irgendwie netten Kapitalismus werden. Auf Berlin bezogen könnte man also auch sagen: ein Denkmal für das Wowereit-Berlin. Oder: das Gegenstück zum Stadtschloss. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat die Verschiebung in den vergangenen 30 Jahren als Wechsel von der „schweren Moderne“ hin zur „leichten“ beschrieben. In einer „Softwarewelt“ unbegrenzter Möglichkeiten dürfe sich nur keine zur dauerhaften Realität verdichten. „Jede hat ihr Verfallsdatum, muss streichfähig und flüssig bleiben, sonst verdirbt sie das zukünftige Vergnügen.“ Dieses Vergnügen sei Arbeit und Leben gleichermaßen – und beides soll am Holzmarkt eine Heimstatt finden. So steht das Eckwerk unter der Maßgabe, „flexibel“ zu sein. Zwei Jahre, schätzen sie, werden Eckwerk-Mieter im Schnitt bleiben.

Auch bei den Gebäuden kann nicht alles, aber vieles flexibel sein. Die Türme halten ihre Grundrisse weitgehend offen, mindestens alle sechs Meter muss ein hölzerner Stützpfeiler her, dazu ein Schacht für Treppen und Versorgungskanäle. Der Rest, Fassaden eingeschlossen, sollen auswechselbar sein. Viel gemeinschaftlicher Raum, wenig Platz für Privates. Wenn man nur auf die Architekturpläne schaut, ist, was da entsteht, gar nicht schlecht.

Oder: Zu den vielen schlechten Möglichkeiten, die im Berliner Städtebau ansehnlich vorangetrieben werden, gehört der Holzmarkt nicht. Sie betreiben hier keine Alternative zum Kapitalismus, sondern eher alternativen Kapitalismus. Statt der renditeorientierten Investorenkästen von Mediaspree treiben sie etwas voran, das zwischen Hedonismus und Kreativitätsdispositiv pendelt. Am Eingang prahlt ein Schild: „Hier prägt der freie Mensch den Ort ...“ Das Eckwerk-Prospekt will eine „inspirierende und hochproduktive Mischung aus Gewerbeflächen für junge Unternehmen und Wohnraum für Studierende und Forscher im weitesten Sinne.“ Da spürt man die kalte Hand im Nacken des Bahnwärters: Schauder. Vor guten Absichten, Kitsch und einem Vollwaschgang Kreativitätsindustrie. Immerhin ist der Sandkasten jetzt öffentlich, für die Bar 25 musste man noch Eintritt bezahlen.

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06:00 24.09.2014

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