Italiens Fußball

Sachbuch II Der Nationalstaat als Ordnungsprinzip mag obsolet geworden sein, wenn alle Welt das Wort "global" im Munde führt. Für die Emotions- und ...

Der Nationalstaat als Ordnungsprinzip mag obsolet geworden sein, wenn alle Welt das Wort "global" im Munde führt. Für die Emotions- und Diskussionsmaschine Fußball wird er selbst als Anachronismus unabdingbar bleiben zur Versicherung kultureller Identität, selbst wenn Arsenal London nie mehr mit einem Engländer in der Startaufstellung um die englische Meisterschaft spielen wird. In der KiWi-Reihe Ball und Welt widmet sich die Journalistin Birgit Schönau, die seit 1992 in Italien lebt und mittlerweile als Korrespondentin für die Wochenzeitung Die Zeit arbeitet, dem besonderen Verhältnis der Italiener zum Fußball. Calcio heißt ihr gut lesbares, kenntnisreiches Buch, in dem liebevolle Porträts großer Spieler wie des mäusezähnigen und mozartbezopften Robert Baggio den geringsten Teil ausmachen. Schönaus Blick gilt der nicht selten kriminellen Politik und der nicht minder dubiosen Ökonomie des italienischen Fußballs. Im Rückgriff auf die Geschichte erscheinen Silvio Berlusconis skandalöses Engagement bei AC Mailand ("ein Mosaiksteinchen im gigantischen Konzern" des "Dottore"), und seine ungenierten Versuche, Fußballbegeisterung für politischen Stimmenfang zu instrumentalisieren (der Name seiner Partei "Forza Italia" ist bekanntlich ein Schlachtruf aus dem Stadion), als Fortschreibung einer alten Praxis. Die frühe Dominanz Italiens im Weltfußball der dreißiger und vierziger Jahre beanspruchte Mussolini bereits als Erfolg seines Faschismus´.

Dass die faschistische Geschichte über die Fankurven heute wieder salonfähig wird, ist ein weiterer Schwerpunkt des Buches. Birgit Schönau legt dar, wie sich Gewalt und Rassismus auf den Rängen der Stadien eingerichtet haben, vor den Augen ignoranter Trainer und Clubbesitzer und einer überforderten Polizei. Ein Grund liegt auch in der Macht der Tifosi, deren Zahl etwa über die Verteilung der Fernsehgelder entscheidet. Das die Autorin angesichts solch deprimierender Zustände keine Anklage verfasst hat, sondern eine von kritischer Sympathie getragene Liebeserklärung, ist bemerkenswert.

Birgit Schönau: Calcio. Die Italiener und ihr Fußball,.Kiepenheuer Witsch, Köln 2005, 224 S., 7,90 EUR


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00:00 19.05.2006

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