Ja, aber was will man denn?

Parallelaktion Das Werk der Büchnerpreisträgerin Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer, die morgen in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis erhält, ist eine ziemlich einzigartige Erzählerin. Von Beginn an trat ihre künstlerische Arbeit in ein Parallelverhältnis zur ästhetischen Reflexion. Im Bemühen um rationale Grundlegung des eigenen Erzählens sind die Klappentexte, die sie für ihre ersten beiden Prosa-Bücher schrieb, Instrumente der Selbstvergewisserung, Verhandlung der getroffenen ästhetischen Entscheidung und Einspruch gegen eine gängige Form des Geschichtenerzählens, die ihr Rohmaterial rigoros lichtet, um wider besseres Wissen das Vertrauen des Lesers in die Erkennbarkeit der Welt zu bestätigen.

Die Parallelaktion von Praxis und Theorie, von Erzählen und kulturphilosophischer Reflexion wiederholt sich in den zuletzt erschienenen Essays, die mit Berufung auf Spinozas absoluten Naturbegriff den Ausverkauf der beiden zentralen Begriffe traditionellen philosophischen Denkens kritisieren, Natur und Subjekt. Gemeint ist die Rede vom Tod der Natur, mit der die Unterscheidung zwischen hervorbringender und hervorgebrachter Natur entfällt, und gemeint ist die Rede von der Abdankung des Subjekts, womit Rationalität in verkürzter Form ins Zentrum rückt und Natur als ihren Besitz beschlagnahmt. In denselben Zusammenhang gehört die Bildmeditation, die vom Nachdenken über Literatur zum Nachdenken über Malerei führt, vor Matthias Grünewalds Isenheimer Altar in Colmar, speziell den Auferstehungsteil. In Brigitte Kronauers Lesart zeigt das Bild das physikalisch präzise gemalte Sekundenschauspiel der Umwandlung organischen Lebens in anorganische Energie. Ein ungeheurer Evolutionssprung, in dem nicht fassbare unsterbliche Substanz im Menschen seinen Ausdruck findet.

Dieselbe Bewegung zwischen Natur und Geist vollzieht sich in der Metaphorik und den metamorphotischen Vorgängen der Literatur: nämlich ein "ungeheurer Sprung vom Sinnlichen als Zeichen ins Unsinnliche als Bezeichnetes". Der Satz entstammt Jean Pauls Vorschule der Ästhetik. Seite an Seite mit ihm schreibt Brigitte Kronauer: "Satz für Satz entstammt der Realität und wird Satz für Satz, ohne den geringsten Lebensverlust, Bestandteil eines organischen Bauwerks aus einer ganz anderen, in der Natur nicht vorkommenden, aber dem Vergleich mit ihr standhaltenden atmenden Substanz". Das Vertrauen in die organisierende Kraft der Sprache und die Einheit des Ich, das aus diesen Sätzen spricht, sind die Werte, auf denen der große Stil der Autorin gründet.

Die Figuren ihrer kleinen Poesien, Menschen von nebenan, Karin Tanck, Charlotte Schmidt, Ludwig Vogler, Ernst Kupfer, füttern Enten, harken Laub und schlagen sich mit Problemen wie verlorenen Knöpfen, dem Quelle-Katalog und kaputten Taschen herum. Es ist in seiner Alltäglichkeit beispielhaftes Leben, das seine Größe, Würde, ja seine Heroik und wunderbare Komik gewinnt, wenn es auf der Innerlichkeitsbühne zur unausweichlichen Konfrontation mit der menschlichen Verfasstheit zwischen Leben und Tod kommt und Gericht gehalten wird über die eigene Seele. Eine große kleine Erzählwelt, deren reizvolle Kipplage zwischen Winkel und Weltalltag sich dem Zusammenspiel von verengter Perspektive und totalisierender Sinngebung verdankt.

Die Erzählungen Die Tricks der Diva, die im letzten Herbst als Reclamheftchen erschienen sind, Kalendergeschichten ähnliche Gebilde von manchmal nur drei, vier Seiten, führen in soziale und kulturelle Randzonen. Dort entdecken sie die vermeintlich gesprengten Fesseln, die den Menschen nach wie vor an die Natur binden, menschliches Leben nicht als identisches, sondern exzentrisches in Momenten des Vergessens, der Demenz, der Kindheit, der Liebe und in der Grenzerfahrung des Sublimen, Leben zwischen Humanität und Animalität, das, was Freud als "inneres Ausland" bezeichnet hat.

Die Wertschätzung der Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts bei spürbarer Distanz zur Klassik teilt Brigitte Kronauer mit Arno Schmidt, der in seiner Wahlverwandtschaften-Parodie Goethes Grafen, Barone, Offiziere und Pensionatszöglinge in LKW-Fahrer, Hausfrauen und Flüchtlingsmädchen verwandelt hat. Brigitte Kronauers frühe Erzählungen und Romane sind Legenden, Liebeserklärungen an mittelmäßige Menschen, Lehrerinnen, Buchhändlerinnen, Apotheker.

Ihr erster Roman, Frau Mühlenbeck im Gehäus (1980), ist die Geschichte einer sinnstiftendenden Sprengung und verwandelnden Überschreitung der Schwelle zwischen zwei Seinszuständen. Frau Mühlenbeck, die Titelfigur, ist die idealtypische Verkörperung der traditionellen Romanheldin, die der jungen Volksschullehrerin nach und nach ihr Leben erzählt, das heißt das Erlebte auf das Wesentliche reduziert, in die Einheit einer Bedeutung zwingt und zur Geschichte formt. Im bedrängenden Gegenüber mit der immer aufgeräumten, immer aufräumenden, von Zweifeln nie heimgesuchten Figur autobiographischer Gewissheiten treibt die Krise der Ich-Erzählerin auf den Höhepunkt des Romanschlusses zu, wo sie die verzweifelten Versuche, ihr Leben zu ordnen, aufgibt und ins Offene aufbricht.

Der Aufbruch der Romanfigur verdoppelt sich im Aufbruch der Autorin in ein Erzählen, das objektiv vorhandene und zugleich subjektiv wahrgenommene Wirklichkeit darstellt, widersprüchliche, chaotisch vielfältige Wirklichkeit und die Sichtweise einer Erzählfigur, die ihr Präparat durchzusetzen versucht. So sind Meisterwerke organischer Vieldeutigkeit zwischen gegossener Form und flüssig überfließender Sinnfülle entstanden. Seit dem Roman Berittener Bogenschütze (1986) kommt das grenzauflösende Spiel mit Binnentexten hinzu. Integraler Bestandteil des Erzählens werden nun Geschichten erzählerischer Produktivität, die vom Glanz und Elend der Einbildungskraft handeln, vom Schein als Schatten, Blendwerk und Nichtigkeit des Wesens, aber eben auch von der Weisheit des Scheins, von symbolischem Handeln. Das schöne alte Spiel mit der Illusion ist um so uneingeschränkter möglich, je penibler es reflexiv überwacht wird.

Damit war der Weg frei hin zum großen philosophischen Gesellschafts- und Zeitroman, der in Panoramen innerer Befindlichkeit die politisch-gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Zeit nach dem Ordnungsschwund, nach der Verwandlung der großen Denk- und Glaubenswahrheiten in Hypothesen besichtigt und die Frage stellt nach den leitenden Ideen, die der in die Freiheit entlassene Einzelne, zum Demiurgen der Selbstbestimmung geworden, seinem Handeln zugrundelegt. Das ist die Frage nicht nach einer Utopie, sondern nach der Utopie des nächstbesten Schritts.

Teufelsbrück, der zuletzt, vor fünf Jahren erschienene kunstphilosophische Roman (Freitag 42/2000), ist ein erzählerischer Kosmos, der sich zeitlich und räumlich ins Unendliche dehnt, bis hin zu Memlings Weltgerichtsaltar in Danzig, in die flämische Renaissance Pieter Breughels, ins Heidelberg der Romantiker, das dämonische Alte Land der Grimmschen Märchen, ins arkadische Italien der Klassik, in die hochalpinen Zauberberg-Regionen und die Dresdner Kulisse von E.T.A. Hoffmanns Märchen vom Goldenen Topf. Die Keimzelle des Romans ist das dramatisch in Szene gesetzte Gegenspiel von Herrn Specht und der von Frostbeulen geplagten Maria Fraulob, beide nicht mehr jung. Er beklopft den Unrat der Zeit in kulturpessimistischen Tiraden; sie entdeckt die Literatur als Möglichkeit, das eigene Leben derselben geistigen Operation zu unterziehen, die der Schriftsteller auf exemplarische Weise vorführt.

Das jüngste Buch, der Roman Verlangen nach Musik und Gebirge, ist eine Reise auf den Spuren jener legendären Reisenden, deren Aufbrüche nach Venedig, Davos, Deauville oder ans Schwarze Meer umfassende Mobilisierungen des Daseins waren, womöglich gar die Probe aufs Exempel eines Lebens, das den Tod in sich aufnimmt. Eine Nachreise also, die nach Oostende führt, in das belgische Seebad, das seine große Zeit in der Belle Epoque hatte und nach den Zerstörungen durch die Deutschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg unwiderruflich "erledigt" ist. "Erledigt", das war der erste, später revidierte Eindruck der Besucherin, die vor zehn Jahren in dem Band Die Lerche in der Luft und im Nest ihre Reise in die Stadt des Malers James Ensor beschrieb. Betty, die Fischerstochter und Reinemachfrau im Ensor-Museum in Oostende, und Paul Colin, ein Freund oder Biograph Ensors, kehren als Figuren im Roman wieder. Den Einband schmückt ein Bild Ensors, das eine Gesellschaft von Maskierten zeigt, voran ein schräger Tango-Napoleon mit schaukelnden Pfauenfedern am Hut.

Im Roman ist er der zunehmend mephistophelisch geschminkte Spielmacher einer bunt zusammengewürfelten Feriengesellschaft aus aller Herren Länder, Italien, Deutschland und Belgien. In die Ferne entrückt und die absolute Freiheit entlassen, könnten die Romanfiguren nun den fundamentalen Mangel des Daseins beheben, könnten den Lockzeichen ihrer Träume und Sehnsüchte folgen, die im Alltag zurückgewiesen werden, und der Last des Faktischen mit dem Willen zu gesteigerter Erfahrung zu begegnen. Scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann sich der Strandprospekt und der Frühstücksaal im Hotel Malibu, sei es in eine metaphysische Bühne zwischen Zeit und Ewigkeit, sei es in ein barockes Welttheater, Hollywood-Studio oder die Große Oper verwandelt. Mephisto ist zur Stelle, nebenan probt die mitspielende Sängerin Läufe. Und zum Ensemble gehört Frau Fesch, die Erzählerin und Gegenspielerin des Regie führenden Pfaufedermenschen, eine maliziöse Person, die mit einem Gewimmel von Einwürfen, Vorbehalten und Fragen die Evidenz dessen, was vorgeht, untergräbt. Eine innererzählerische Inszenierung, deren aufs Meer hinauswandernde Gegeninszenierung den Moment erfasst, in dem die zum Grossbürgertum mutierende bürgerliche Gesellschaft ihr geistiges Erbe dem Geld opfert.

Auch dieser kunstphilosophische, Legitimitätsfragen unserer Zeit erörternde Roman, der nach dem Selbstbezug und der Selbstbegründung unserer pluralistischen pragmatischen, auf den Kompromiss setzenden Gesellschaft fragt, nach unserem Möglichkeitssinn, dem Imaginären als dem Punkt, an dem Gemeinschaften auf sich selbst einwirken -, auch dieser große europäische Roman ist ein Weltspiel, komplementär erzählt, doppelpolig. Das leuchtend farbige Erzählgemälde einer mit der Leere, der Einöde des Meeres konfrontierten satten, saturierten, auf armselige, ja schmähliche Weise reichen Zivilisation.

Das Buch ist der jüngste Baustein eines Erzählkunstwerks, das seinen Platz neben dem Kafkas, Thomas Manns, Musils und Arno Schmidts hat. Lebten wir noch in Zeiten von Dichterkrönungen, der Lorbeer gehörte Brigitte Kronauer, die im Begriff ist, im 21. Jahrhundert Quartier zu machen für die Große Erzählung, den klassischen philosophischen Roman.


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00:00 04.11.2005

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