Jeder Abgrund ist komisch

Die Peinlichkeit des Daseins Der Büchnerpreisträger des Jahres 2004, Wilhelm Genazino, findet das Bedeutsame im Alltag

Angestelltenromane schriebe dieser Autor, habe man ihm gesagt, äußerte sich einmal der bekannte Fernsehkritiker, wobei er das "r" bei Roman auf die ihm eigene Weise rollte. Und Angestelltenromane seien ja wohl das Langweiligste überhaupt. Der bekannte Fernsehkritiker hatte zugeben müssen, dass er den Schriftsteller Wilhelm Genazino, geboren 1943 in Mannheim, nach Abbruch des Gymnasiums zunächst freier Journalist, dann Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt bei Pardon, auch Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Träger renommierter Literaturpreise, nie so recht wahrgenommen habe. Und gleichzeitig, ohne es auszusprechen, ahnungslos möglicherweise, gab er doch damit einen Kommentar zu Franz Kafka ab, jenen Angestellten der Königlich-Böhmischen Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt, der - als ihr Schutzheiliger sozusagen - die Bürokräfte häufig in seinen schönen und rätselhaften Texten umhergehen ließ.

Des Großkritikers Diktum fiel im Jahr eins des neuen Jahrtausends. Der Schriftsteller Genazino hatte bis dahin unermüdlich Bücher geschrieben und veröffentlicht, unter denen die Abschaffel-Trilogie, besagte "Angestelltenromane", die im bedeutsamen Jahr 1977, im Jahr von Bubacks und Schleyers Ermordung, eine genaue Phänomenologie des tristesten Alltags der Wirtschaftswunder-Republik lieferten und berühmt und gelesen wurden. Nun, da sein neuer Roman Ein Regenschirm für diesen Tag erschien, jubelten die Rezensenten, stiegen die Auflagen, obwohl die traurigschöne Geschichte vom Testgänger für Luxusschuhe, Flaneur und Schwadroneur sich von den zuvor veröffentlichten wenig unterschied. Vielleicht lockte das abgemilderte Licht, dessen Schein Genazinos bevorzugte graue Vorstadtlandschaften, ranzige Trödelmärkte und die Fußgängerzonen mit ihren Imbissstuben und trostlosen Menschenansichten weicher zeichnete?

Mag sein, dass durch die Städte der deutschen Gesamtrepublik täglich mehr und mehr liefen, die sich die eigene Ähnlichkeit mit dem wahrnehmungssüchtigen Protagonisten, einem Lebensverweigerer, Nichtstuer und Räsonneur, nicht nur nicht verhehlen mochten. Sondern mit Begeisterung Daseinsbeschreibungen wie diese auf sich selber münzten: "Meiner Bildung nach könnte ich bedeutend sein, meiner Stellung nach nicht. Wirklich bedeutend sind nur Personen, die ihr individuelles Wissen und ihre Position im Leben haben miteinander verschmelzen können. Außenstehende wie ich, die nur gebildet sind, sind nichts weiter als moderne Bettler, denen niemand sagt, wo sie sich verstecken sollen." Da ist einer, der Wahrnehmungslust und Lebensverweigerung verbindet, der die "Gesamtmerkwürdigkeit" des Lebens schlicht zur Kenntnis nimmt und sich der Sinn- und Bedeutungssuche entzieht. Aber er lebt, "ohne sich die Genehmigung zu diesem Leben erteilt zu haben". Er ist auf der Flucht vor sich selbst und vor der "Verschwindsucht". Er geht und geht, um sich nicht zu erinnern. Am liebsten würde er sich ein Schild anstecken: "Bitte keine Gespräche über die Kindheit."

An Abschaffel hingegen klebt die Kindheit zäh wie ein alter Kaugummi unterm Schuh, den der alleinstehende, 30-jährige Speditionsangestellte verzweifelt loszuwerden versucht. Seine Streifzüge durch Kaufhäuser, seine Imbissbuden-, Kneipen- und Restaurantbesuche sind Fluchtversuche, gleichzeitig Zwang. "Abschaffel ärgerte sich, weil er immerzu etwas beobachten mußte. Es war, als müßte er die Welt durch Beobachtung zerkleinern, weil sonst alles zuviel für ihn war." Der Junggeselle Abschaffel kauft sich in der Bahnhofsbuchhandlung ein Buch des Junggesellen Kafka, wagt es im Zug aber erst nicht aufzuschlagen, um den Bildzeitung lesenden, mitreisenden Arbeiter nicht zu demütigen. Eine anrührende Reminiszenz an die Studentenbewegung, ein wenig ironisch getönt, so könnte man heute lesen, wenn nicht der nächste Satz sofort verzauberte: "Während des Lesens vereinsamte Abschaffel rasch." Er fährt zu seinen Eltern und muss diesen deprimierenden Besuch mit einem Bordellbesuch kompensieren. Er, der notorische Bordellgänger, kann den Hass auf seine Mutter nur im missmutigen Traktiertwerden durch schlechtgelaunte Prostituierte abarbeiten.

Als eine der Frauen ihm eine Geschichte erzählt und er sofort das Ausziehen verzögert, muss er hören: "Du, wir sind nicht zum Geschichtenerzählen hier. Ich schon, sagte er. Jetzt bringen wir es erst, und dann sag ich dir´s, aber vorher krieg ich noch´n Fünfziger von dir." Mit schmerzender Genauigkeit werden diese niederschmetternden, meist misslingenden Versuche, Sex einzukaufen, beschrieben. Die toten Ränder der Städte, das muffige Ambiente der Zimmer, die Geschäftsgespräche und Aktivitäten, Abschaffels Empfindungen, das alles wird konzentriert und peinigend genau wiedergegeben. Bei dieser Lektüre bewegt den Leser ein eigentümliches Gefühlsgemisch aus An- und Abstoßung. Auch er gehört zu den Beobachtern, die selbst nicht beobachtet werden wollen. Der Autor hat ihm die Last dieser Beschreibung abgenommen und dafür ist er ihm dankbar.

Der verstorbene Romanautor und Literaturkritiker Reinhard Baumgart hat Genazino einmal einen tristen Meister hilfloser Paarungsszenen genannt. Wie alle anderen Dinge wird auch der Geschlechtsverkehr in seiner ganzen Gewöhnlichkeit und Merkwürdigkeit dargestellt. Es ist genau der gleiche mitleidlose Blick, der Abschaffels Versuchen zuteil wird, den körperlichen Umgang mit Frauen zu pflegen. Es ist ein nie wertender Blick, gekennzeichnet durch einen erstaunlichen Mangel an Frauenfeindlichkeit. Als Abschaffels Geliebte Margot ihm im Bett erklärt, wie grob er zu ihr ist, sagt sie: "Du hast zum Beispiel drei Arten, mir an die Brust zu greifen. Die erste geht so, dass du eine Brust in deiner Hand liegen haben willst. Wenn du das möchtest, greift du einfach hin und umschließt eine Brust mit deiner Hand und drückst daran herum. Die zweite Art geht so, dass du mit Zeigefinger und Daumen an meiner Brustwarze zupfst. Ich weiß nicht, ob das schön für dich ist, wahrscheinlich denkst du, es sei für mich schön. Es ist aber nicht schön für mich, es tut mir manchmal sogar ein bißchen weh, sagte sie. Und die dritte Art ist die blödsinnigste von allen; dann legst du deine Hand flach auf meine Brust und machst kreisförmige Bewegungen, immer im Kreis herum drehst du deine Hand mit meiner Brust darunter, ein richtiges herumrühren ist das. Ich weiß nicht, wie das gekommen ist bei dir, sagte sie; vor einem halben Jahr war es nämlich noch ganz anders."

Die Leserin von heute, würde doch zu gern wissen, wie diese Sätze in der Zeit der Frauenselbsterfahrungsgruppen gelesen wurden. "Peinlichkeit ist etwas Authentisches und zutiefst Humanes, weil sie die Menschen aus ihren angelernten Rollen wirft", äußerte der Schriftsteller in einem Gespräch. Die Peinlichkeit des Daseins in Poesie aufzulösen, gehört zum Metier des Desillusionisten Genazino: Erst wird vor dem gaffenden Publikum die Jungfrau ausgezogen, dann zersägt. Und doch wird sie zu guter Letzt schweben.

Dass er mit seinem letzten Buch Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman seinen bisher größten Erfolg bei Kritik und Publikum feiern konnte, verbucht Wilhelm Genazino beiläufig unter die "Gesamtmerkwürdigkeit" des Lebens. "Er verblüfft mich. Ich habe dafür keine Erklärung, außer der gewöhnlichen, dass man mich im ›Quartett‹ besprochen hat. Das ›Quartett‹ hatte ja weniger eine literarische Kompetenz als eine ökonomische. Manchmal lief das möglicherweise parallel, wie vielleicht in meinem Fall. Ich sehe diesem Erfolg mit großer Verwunderung zu. Ich meine, ich habe da nichts dagegen. Ich verkaufe auch gern mal 20.000 Bücher. Das ist mir in meinem Leben noch nicht passiert. Aber es wirkt nicht außerordentlich in meine Existenz hinein. Ich mache alles wie zuvor. Ich will auch weiter so leben."

Es ist aber in der Tat so, wie es Helmut Böttiger in seiner Laudatio zur Verleihung des Fontane-Preises 2003 formuliert hat, dass Genazino "die Gratwanderung zwischen Schmerz, Melancholie und der Freude am Augenblick" immer virtuoser zu beschreiben versteht. Das kalte Neonlicht der frühen Jahre ist warmem, gedämpftem Lampenschein gewichen. Schrecken und Trostlosigkeiten des Daseins werden immer traumwandlerischer in Literatur aufgelöst. Weigand, der 17-jährige Protagonist muss sich nicht mehr unter Qualen dem Zwang zum Beobachten unterziehen. Er befreit sich vom Zwang zum Blick durch das Wort. Für ihn, der wegen schlechter Noten das Gymnasium verlassen muss, ist ohne jede Frage die Existenz als Schriftsteller die angestrebte Lebensform. Er weiß, dass er anders ist als andere Menschen. Er wirkt wie ein Tölpel, ein dumpfer Klotz, den seine Mutter verzweifelt versucht, nach dem Rauswurf in irgendeiner Lehre unterzubringen. Jede neue Demütigung einer fehlgeschlagenen Bewerbung lässt seine Mutter noch mehr verstummen, während der junge Kafkaleser Weigand längst die Entdeckung gemacht hat, dass die verabscheute Banalität der Welt besser zu ertragen ist, wenn er über sie schreibt, die Worte sich wie ein Filter zwischen ihn und die alltäglichen Zumutungen schieben lassen.

Nach einem unangenehmen Zusammenstoß mit einem Postbeamten, der zweiten scheußlichen Anmutung des Tages, geht der verstörte Einzelgänger sprachlos umher "und schaute danach, was auf den Rücksitzen geparkter Autos herumlag. Nach einiger Zeit fing ich an, die von mir gesehenen Gegenstände beim Namen zu nennen. Zeitschrift. Straßenkarte. Einkaufsnetz. Pelzmütze. Orangen. Wolldecke. Handschuhe. Babyschnuller. Pfeife. Sonderbarerweise verlor ich durch die Aufzählung der Dinge das Gefühl des Ausgeliefertseins. Ich ging durch drei Straßen, sah am Straßenrand in die Autos und sagte halblaut vielleicht zweihundert Wörter auf. Dann kippte meine Stimmung, ich fühlte mich wieder obenauf."

"Kunst heißt Fehlschlägen nachschauen", sagte Genazino einmal. Er habe im Gegensatz zu seinem Protagonisten leider erst spät erkannt, dass sich seine vielen, kleinen, mittleren und ein paar größere Niederlagen insgesamt vorteilhaft auf sein Leben ausgewirkt hätten. Denn "das Unverstandene an meinen Niederlagen hat einen inneren Text hervorgebracht, ohne den ich heute nicht leben möchte". Mit Beckett meint er, "Künstler zu sein heißt scheitern, wie kein anderer zu scheitern wagt". Dies ist ein Künstlerroman, ein Bildungsroman in der westdeutschen Kleinbürgerwelt der frühen sechziger Jahre. Weigand findet eine Lehrstelle in einer Speditionsfirma. Fast gleichzeitig beginnt er, als Lokalreporter zu arbeiten. Er geht zur Einweihung von Minigolf-Anlagen, der Eröffnung von Italienischen Wochen. Er wird zu Rentnern geschickt, die Kunstwerke aus Streichhölzern nachgebaut haben. Unentwegt muss er die Armseligkeit des Lebens beschreiben und zugleich verhüllen. Er muss beschönigen und verfälschen, weil es nicht die Aufgabe einer Zeitung ist, die Wahrheit zu schreiben. Wie es Redakteur Herrdegen zu formulieren beliebt. Weigand entscheidet sich für die Wahrheit. Beim samstäglichen Frühstück sitzt er da, zweifelt nicht, dass er sich in einem ungeschriebenen Roman bewegt und dass er diesen Roman schreiben wird.

Zum Lob des Scheiterns gehört auch das Lob auf das im Überwinden des Scheiterns Gelungene. In diesem Herbst erhält Wilhelm Genazino, der Dekonstrukteur pathologischer Sehnsüchte, die wichtigste Auszeichnung für einen deutschsprachigen Schriftsteller, den Georg-Büchner-Preis.

Wilhelm Genazino: Der gedehnte Blick. Hanser, München 2004, 192 S., 17,90 EUR


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00:00 22.10.2004

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