Jeder auf seinem Platz

Kommentar Scharping und Schröder

Musste man enttäuscht oder verstimmt sein, weil Rudolf Scharping, als diese Zeitung in Druck ging, noch immer im Amt war? Oder sollte man dankbar sein, weil der Kanzler diese Personalkrise so beeindruckend unbeeindruckt zu meistern verstand? Immerhin hat er ein weiteres Mal die Möglichkeiten eines Moderators voll ausgeschöpft. Mehr ist unter diesem Kanzler beim besten Willen nicht möglich, um uns Scharping für den Rest der Legislaturperiode zu ersparen. Andernfalls hätte sich der Moderator in die Statur eines Politikers begeben müssen. Aber in diesen Gefilden ist Gerhard Schröder seltener unterwegs - er will ja Moderator sein. Schließlich hätte ein Politiker Schröder, der 1998 einen Amtseid auf das Grundgesetz leistete, den Minister Scharping schon entlassen, als der vor Horrorgeschichten über serbische Gräuel im Kosovo zu bersten drohte und mit seiner Erfindung vom »Hufeisenplan« im Frühjahr 1999 den Deutschen jede Kriegsmüdigkeit auszutreiben gedachte. In jener Zeit rangierte Scharping in der nach oben offenen Skala politischer Tollheit gleich hinter Außenminister Fischer mit seinem unsäglichen Kosovo-Auschwitz-Vergleich. Aber in der Not heiligt der Zweck bekanntlich die Mittel und Vergleiche, besonders die historischen.

Rudolf Scharping gab den Überzeugungstäter, als die NATO das Völkerrecht wie einen toten Hund behandelte. Er musste sich nur hier und da milden Tadel gefallen lassen, wenn seine fanatisch-plumpe Verstiegenheit allzu peinlich wurde (Stichwort: KZ im Sportstadion von Prishtina). Aber er war ein guter Patriot, der sich schon damals seiner Emotionen nicht schämte. Als ihn eine ARD-Dokumentation (»Es begann mit einer Lüge«, Freitag vom 9.3.2001) vor etlichen Monaten überführte, wissentlich gelogen zu haben, schäumte sofort geharnischte Empörung. Die WDR-Journalisten Angerer und Werth wurden im FAZ-Feuilleton und anderswo als unsichere Kantonisten stigmatisiert. Sie hatten sich an der Staatsräson vergangen, als sie nachwiesen, dass in Deutschland nach wie vor - und nun unter Rot-Grün - Kriege herbeigelogen werden. Sie hatten es riskiert, mit Scharping einen Mann anzugreifen, der sich so verbissen mühte, den vermeintlich humanen Anspruch des Inhumanen mit viel moralischer Inbrunst zu garnieren. Sie hatten den Überzeugungstäter mit schlichten Fakten gestellt. Doch erneut ließ der Kanzler eine glänzende Gelegenheit verstreichen, den Minister zu entlassen.

Warum? Weil auf Lichtgestalten dieses Kalibers nur dann ein Schatten fällt, wenn die Person die eigene Politik nicht nur demontiert, sondern karikiert? Wenn sich Privat- und Truppenbesuch, Amouren und Abendland die Waage halten, wenn der Privatier dem Patrioten das Wasser reicht, wenn Lächerlichkeit der Staatsräson zusetzt - wird es erst dann wirklich kritisch? Nein, man muss nicht verstimmt sein, sollte Rudolf Scharping im Amt bleiben. Man muss schon entsetzt sein.

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00:00 14.09.2001

Ausgabe 41/2021

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