Jeder Konzern sucht Mitarbeiter aus

Im Gespräch Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen) zur aktuellen Debatte um die Abschaffung der Wehrpflicht

FREITAG: Die Debatte um die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht spaltet die SPD. Die kleinen Parteien sind sich eher einig. Wie sieht die Zukunft der Bundeswehr aus?

WINFRIED HERMANN: Für mich ist klar, dass die Bundeswehr in ihrer jetzigen Form völlig überholt ist. Rein friedenspolitisch gesprochen stammt sie noch aus dem Kalten Krieg. Sie hat jetzt zwar Elemente einer modernen Armee, die international einsatzfähig ist, aber es dominieren immer noch alte Strukturen. Als Pazifist spreche ich mich für ein Konzept aus, die Bundeswehr immer weiter abzubauen. Sie hat erheblich zu viele Soldaten, waffenmäßig und von der Ausbildung her ist sie immer noch darauf eingestellt, einen Angriff aus dem Osten mit großen Panzerarmeen abzuwehren. Das ist einfach unzeitgemäß. Gleichzeitig wird gerade mit viel ideologischem Aufwand die moderne Armee, die an internationalen Friedenseinsätzen teilnimmt, propagiert. Dafür sind die Soldaten aber einfach nicht ausgebildet und die technischen Ausrüstungen fehlen.

Also müsste man erst eine effektive schlagkräftige Armee schaffen, die an den Auslandseinsätzen teilnehmen kann?

Das ist jetzt nicht misszuverstehen. Aus meiner Perspektive brauchen wir die Bundeswehr gar nicht mehr, weil wir die UNO als die einzige Ordnungsmacht aufbauen sollten. Eine sinnvoller Schritt wäre jetzt erst einmal die Abschaffung der Wehrpflicht und die Reduktion der Armee auf maximal 200.000 Mann. Diese Armee soll dann aber nicht nur aus Berufssoldaten bestehen, sondern es sollen vor allem Zeitsoldaten in Fluktuation eingesetzt werden, damit die Armee nicht zum Staat im Staate wird, mit einem militaristischen Eigenleben.

Soll Ihrer Meinung nach der Abrüstungsgedanke weiter ein Hauptgedanke bei der Reform der Bundeswehr sein?

Genau. Es muss aber vor allem sichergestellt werden, dass die Armee kein abgeschlossenes System ist, sondern dass weiterhin Menschen auf Zeit aus dem zivilen Leben in die Armee eintreten. Die Perspektive muss sein, dass sie trainiert werden, um unter dem Dach der UNO friedenssichernde Maßnahmen zu unterstützen. Dafür bräuchten wir eine andere Ausbildung. Auch ich sehe, dass man mit Panzern keine Friedenseinsätze fliegen kann, dafür braucht man Transportflugzeuge, aber nicht gleich so viele wie jetzt angeschafft werden sollen.

Eine Umstellung, wie Sie sie vorschlagen, könnte natürlich auch enorme Kosten verursachen.

Heutezutage ist die Bundeswehr vor allem so teuer, weil viele nicht einsehen, dass man nicht beides haben kann. Man kann nicht eine moderne Armee fordern, die auch gleichzeitig an internationalen Missionen teilnehmen kann und dann andererseits auf alten Strukturen beharren. Das ist nicht zu finanzieren. Eine Verkleinerung ist deshalb unabdingbar. Natürlich sehe auch ich als Pazifist ein, dass die Bundeswehr moderne Computer braucht und nicht mit Radargeräten aus den siebziger Jahren arbeiten kann. Aber man kann nicht alles gleichzeitig wollen: Moderne Panzer, moderne Flugzeuge und so weiter.

Als Mitglied der NATO ist die Bundesrepublik Bündnisverpflichtungen unterworfen. Ist es nicht realistisch, dass eine moderne effiziente Berufsarmee kommt?

Ich will die Gefahr ja gar nicht bestreiten, dass so eine Armee kommt. An den USA sehen wir ja, dass sie fast ungeschminkt ihre Rohstoffinteressen getarnt als Antiterrorkrieg durchsetzen. Irgendwann werden Interessen auch in der deutschen Außenpolitik eine größere Rolle spielen können. Umso mehr ist eine Friedenspolitik gefragt und zivile Kritik gegenüber diesem Reformprozess der Bundeswehr. Scharping und seine Mannen wollen momentan alles: Sie wollen bei der UNO dabei sein, bei der NATO mitheulen und das auch noch eigenständig, nicht zu abhängig von den USA.

Die Zahl der sogenannten Problemfälle unter den Wehrdienstleistenden steigt. Könnte ein Berufsheer dies fördern, indem es beispielsweise zum Auffangbecken für Radikale wird?

Die Soldaten, die ich kennen gelernt habe, sind keine Rambos. Die meisten haben wohl das Konzept des Staatsbürgers in Uniform verinnerlicht. Wir müssen zukünftig natürlich dieses Konzept erneuern. Dazu gehört, dass endlich eine vernünftige politische Bildung durchgeführt wird. Jeder Konzern sucht sich seine Mitarbeiter aus, und je kleiner die Armee ist, desto höher müssen die Anforderungen an die Soldaten sein. Dazu gehört auch eine sprachliche Ausbildung und die Kenntnis anderer Kulturen. Das sind alles Anforderungen, die ein dumpfer, ungebildeter Radikaler nicht bringen kann.

Aber welcher junge Mensch mit solider Ausbildung möchte sich denn ernsthaft beim Militär verwirklichen?

Wenn denn nicht so viele junge Menschen zum Militär wollen? Für mich stellt sich da kein Problem.

Wie könnte man die Kosten kompensieren, die anfallen würden, wenn der Zivildienst wegfällt?

Die Grünen fordern ja schon seit längerer Zeit die Abschaffung eines Zwangsdienstes und wissen natürlich auch, dass das den Zivildienst betreffen würde. Das finanzielle Volumen, das man für den Zivildienst ausgegeben hat, muss im Sozialsystem verbleiben und in hauptamtliche Stellen investiert werden. Außerdem müssen die freiwilligen Dienste rechtlich und finanziell besser gestellt werden. Perspektivisch könnte ich mir aber auch vorstellen, dass junge Leute nach ihrem Schulabschluss ein freiwilliges Jahr ableisten und damit gleichzeitig der Gesellschaft einen Dienst erweisen und einiges für ihre Persönlichkeitsbildung tun.

Wird das denn wirklich auf eine große Resonanz stoßen?

Es hängt entscheidend davon ab, ob die Gesellschaft so ein soziales Jahr positiv bewertet. Wenn ich Unternehmer wäre, wüsste ich doch ganz genau, dass ein junger Mensch, der ein freiwilliges soziales Jahr absolviert hat, gut im Team arbeiten kann und soziale Kompetenzen aufweist.

Teilen Sie also den Vorschlag von Ministerpräsident Gabriel, ein soziales Pflichtjahr einzuführen?

Ich selbst habe mal vor zehn Jahren einen ähnlichen Vorschlag gemacht. Unsere Gesellschaft bietet jungen Menschen extrem viel, ohne dass sie etwas leisten. Ich finde es da nicht unangemessen, auch einen gewissen Beitrag der jungen Menschen einzufordern.

Das Gespräch führte Henning Jeß

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00:00 12.04.2002

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