Jetzt brauche ich dich

Interview Heuer wäre Thomas Bernhard 80 Jahre alt geworden. Sein Halbbruder und Nachlassverwalter Peter Fabjan hat sich bisher kaum geäußert. Nun bricht er sein Schweigen

Der Freitag: Herr Fabjan, war es der ausdrückliche Wunsch von Thomas Bernhard, dass Sie den Nachlass verwalten?

Peter Fabjan: Ja, im Testament steht, ich soll mit Dr. Siegfried Unseld oder seinem Nachfolger – unwiderruflich gemeinsam – den literarischen Nachlass verwalten.

Als Sie davon erfuhren, war es da für Sie klar, dass Sie das machen wollen? Sie praktizierten seinerzeit ja noch als Arzt in Gmunden.

Ich praktizierte nach seinem Tod noch über ganze zwölf Jahre. Das war für mich nicht unproblematisch. Aber ich habe mich eben, wie wenn man jemandem am Sterbebett etwas zusagt, darauf ganz selbstverständlich eingelassen. Schließlich hat mich Thomas über die vielen Jahre, die wir zusammen waren, in seine gesellschaftliche Welt eingeführt, mich auch zu den Premieren und manchen Preisverleihungen mitgenommen. Er hat ja zunächst noch versucht, das Erbe anders zu regeln. Einfach weil er gewusst hat, dass mich das übermäßig fordern muss. Aber zu guter Letzt bin ich übrig geblieben. Ich bin, wie man sagt, wie die Jungfrau zum Kind gekommen (lacht). Nein, ich habe das auch als eine grandiose Herausforderung verstanden. Natürlich habe ich Menschen gefunden, die mir mit Rat und Tat dabei zur Hand gegangen sind.

Und sind Sie zufrieden?

Ich glaube, das Ganze ist bis heute in seinem Sinne gelaufen. Heute bin ich im 74. Lebensjahr. Was noch nicht geklärt ist, versuche ich jetzt mit der Republik Österreich und den in den Stiftungsstatuten angesprochenen Bundesländern auch für die Zeit nach mir fest­zulegen. Der Fortbestand der Thomas-Bernhard-Privatstiftung, die seit 1998 Bernhard im Land und im Ausland repräsentiert, ist mir dabei wichtig.

Thomas Bernhard verfügte in seinem Testament, dass in Österreich nach seinem Tod nichts mehr von ihm gedruckt, vorgetragen oder aufgeführt werden dürfe. Wie kam es zu dieser radikalen Verfügung in seinem Testament?

Da war wesentlich ein emotionales Moment beteiligt. Er war in der Zeit davor krankheitsbedingt schon sehr reizbar. Am Tag vor der Erstellung seines Testaments stieß er in seinem Haus in Obernathal nochmals auf die Belege der, wie er es sagen würde, Niedertracht und Missachtung seiner Person als Künstler im eigenen Land. Übrigens: Er hat zu mir immer gesagt, er mache kein Testament und wir würden sehen, was da alles auf uns noch einmal hereinbricht. Und dann das. Ich habe noch gemeint: Muss das wirklich sein? Da hat er gesagt: Da hast du dann halt eine zweite Karriere. Und weil mir das immer noch keine Erklärung war, hat er weiter gemeint: Weil ich glaube, dass dir Geld nicht so wichtig ist. Es waren schließlich drei Liegenschaften, zwei Wohnungen, der Umgang mit seiner literarischen Hinterlassenschaft usw., worum es ging. Eine nicht einfache Sache für jemanden, der als Arzt eine Facharztpraxis in einer Stadt mit damals ca. 13.000 Einwohnern und einem größeren Einzugsgebiet geführt hat und immer wieder hier und ins Ausland zu Fortbildungsveranstaltungen gefahren ist. Das Testament ist ein Fanal gegen den Staat, ein letzter einziger Vorwurf, kein in Ruhe zustande gekommener letzter Wille.

Konnte diesen testamentarischen Verfügungen überhaupt entsprochen werden?

Es steht manches darin, das in seiner Radikalität nicht durchzusetzen ist. Sie können von keinem Verleger erwarten, dass er für 70 Jahre auf das Verlagsgeschäft in Österreich verzichtet. Der Verleger von Suhrkamp, Dr. Unseld, hat sich zunächst für einen Zeitraum von einigen Jahren dazu bereit erklärt, das ihn betreffende Legat zu übernehmen, das heißt, dem Wunsch Bernhards zu entsprechen. Verpflichtet war er dazu ja nicht. Ein Testamentwunsch hebt einen Verlagsvertrag nicht auf. Dann, nach immerhin – und hier gebührt ihm größter Respekt – fast zehn Jahren, hat er die Zustimmung zu diesem Legat zurückgenommen. Und auch ich habe eingesehen, dass hier gemeinsam eine andere Regelung getroffen werden muss, wobei elf von zwölf Stiftungsbeiräten aus ganz Europa und den USA mich unterstützt haben. Der Residenzverlag hat seinerseits blockiert. Im Nachlass lag

Im Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden wird der literarische Nachlass Bernhards gesammelt und verwaltet. Wie umfangreich ist der Nachlass rein quantitativ?

Der Umfang ist mit den Lyrikbändchen, 30 Prosawerken und 17 Theaterstücken sicher nicht gering. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit. Der des Großvaters (gemeint ist der Heimatschriftsteller Johannes Freumbichler, die Red.) – zum großen Teil unveröffentlicht – ist umfangreicher. Es gibt an Un­ver­öffentlichtem bei Bernhard wenig bis sehr wenig.

Zum Nachlass gehört ja eben nicht nur der literarische Teil. Wie steht es um den nichtliterarischen Nachlass wie beispiels­weise um die Immobilien?

Die drei Landwirtschaften, die heute noch alle als solche in Betrieb sind, werden bis heute von mir und meiner Frau über eine eigene Verwaltungsgesellschaft instand gehalten. Das bedeutet enormen finanziellen und Energieaufwand. Obernathal, das Haupthaus, mit dem sich Bernhard praktisch sein Denkmal geschaffen hat, ist das prächtigste. Das allein hat er erhalten wissen wollen. Ein Hamburger Architekturmagazin hat es vor Jahren in seine Serie „Die schönsten Häuser der Welt“ aufgenommen. Es ist nach dem Erstling

Wir haben eben in der Scheune ein schwarzes Fahrrad gesehen. Ist dies das berühmte Rad aus der Suhrkamp-Werbung?

Nein. Auf dem berühmten Foto sitzt er auf einem später, zur Zeit der Ölkrise erworbenen Rad. Das Fahrrad hier in der Scheune ist tatsächlich noch das, mit dem er sich mit sechs oder sieben Jahren von Traunstein nach Salzburg aufgemacht hat. Ein Bekannter in Salzburg hat es gehabt und mir gebracht.

Ein wiederkehrendes Motiv in Bernhards Prosa ist der Kleidungskauf. So beispielsweise in „Gehen“, „Meine Preise“ oder auch in den Peymann-Dramo­letten. Stimmt es, dass Bernhard eine ausgeprägte Vorliebe für Kleidung und Schuhe hatte?

Ja, sie hat seinem Bedürfnis nach einer gewissen Eleganz und damit wieder Distanz entsprochen. Dabei konnten sie ihm auf dem Land im Lodengewand und mit der Hirschledernen, in Wien und im süd­lichen Ausland hochelegant be­gegnen. Er hat zuletzt tatsächlich Hunderte Paare Schuhe besessen. Ein ausgelebter Tick! Es war wohl auch eine Kompensation der frühen bitteren Armut.

Und die existieren auch noch hier im Vierkanthof, in Bernhards persönlichem „Museum“?

Nicht alle. Meine Schwester und ich – meine Frau habe ich damals noch nicht gekannt – haben zur Zeit des Bosnienkrieges die Idee gehabt, dass wir dieser Gegend, die mein Bruder sehr geliebt hat, etwas zukommen lassen. Er war ja viel dort, um zu schreiben. Und so haben wir dann eine Ladung Schuhe und Bettwäsche dorthin auf den Weg gebracht. Wir dachten, das wäre in seinem Sinn.

Obernathal, wo sich der Vier­kanthof befindet, ist ja nun ein kleines Dorf. Wie war das Verhältnis von Bernhard zum ländlichen Leben?

Naja, da war ihm die herbe Landschaft und seine Bewohner und ihr herbes Leben ein Milieu, das ihn angezogen hat, zum Teil wohl auch die Erinnerung an seine Zeit als Kind auf dem Bauernhof, wo er absolut glücklich war. Die Bevölkerung hat ihn interessiert, teils abgestoßen, teils angezogen und war ihm Material für seine Literatur geworden. In den späten Jahren aber, als er schon sehr krank war und er auf seine Spaziergänge weitgehend verzichten musste, einfach dort nicht mehr alleine sein hat können, da war ihm das Land mit den drei Liegenschaften zur Belastung geworden. Es sei ja auch völlig kulturlos, war dann sein abschließendes Urteil. Er hat sich von mir kurz vor seinem Tod in das Obernathaler Haus bringen lassen, um es noch einmal zu sehen.

Wie gab sich Thomas Bernhard denn innerhalb der Familie? War er dort auch der Bernhard der Übertreibung, wie man ihn aus Krista Fleischmanns Filmporträts wie „Die Ursache bin ich selbst“ und aus seinen Texten kennt?

Er war für uns nahe Verwandte oft von einer großen Unheimlichkeit, was Vereinnahmung, Verlangen nach Respekt und Zuneigung, dann wieder eisige Kälte und Hass betrifft; ich muss Ihnen sagen, ein Dämon ist gar kein Ausdruck. Trotz allem haben wir ihn geliebt. Es ist ja dieser ganze wilde, verrückte, kleine, in sich geschlossene Haufen von Herrschern und Beherrschten, dieser Freumbichler-, Bernhard-, Fabjan-Clan gewesen, der noch in seinen paar Überbleibseln irgendwie eine schützenswerte Spezies ist (lacht). Heute noch mit seiner Hinterlassenschaft völlig ausgefüllt, träume ich gelegentlich von ihm, dem Bruder, wundere mich, dass er noch unter uns ist und bin Kritik oder Anerkennung ausgeliefert. Das meint der Ausdruck „Dämon“. Er hatte diese Kräfte, Menschen für sich einzunehmen. Nicht jeder hat diesen Zuchtmeister in ihm unbeschadet überstanden.

Sie haben vorher kurz darüber gesprochen, dass Sie Ihren Bruder in den letzten Lebensjahren ärztlich behandelt haben. Wie gestaltete sich Ihre Beziehung? War sie familiär oder eher ein Arzt-Patient-Verhältnis?

Es war ein Verhältnis unter sehr unterschiedlichen Brüdern, gleichzeitig ein Arzt-Patient-Verhältnis, natürlich. Er hat sich mir einerseits ausgeliefert, mir damit eine extreme Verantwortung über­tragen, damit wohl auch gemeint, mich zu fordern. Als Allgemein­internist habe ich dann öfters meinen Doktorvater und Spezialisten hinzugezogen. Sehr oft war es meine Aufgabe, einfach da zu sein. War sehr früh der Großvater seine Zuflucht, sein „Lebensmensch“, war es später die alte Dame (gemeint ist Hedwig Stavianicek, die Red.) aus der großbürgerlichen Wiener Gesellschaft. Als sie dann fünf Jahre vor ihm verstorben ist, hat er zu mir gesagt: Jetzt brauche ich d i c h, sonst halte ich das nicht aus. Die letzten Jahre waren wir immer mehr, zuletzt fast täglich, zusammen.

In Bernhards Nachlass wurde ein nur wenige Zeilen starkes Romanfragment namens „Neufundland“ entdeckt, das das Verhältnis zweier Brüder zum Inhalt hat. Es war offensichtlich ein Roman geplant, der sich dem Verhältnis von Bernhard zu Ihnen widmen sollte.

Er hat immer wieder in der Literatur die Beziehung von Brüdern beschrieben. Ein auch nur halbwegs entsprechender Bruder habe ich ihm wohl nie sein können, ein lieber Gefährte in all seinem Kranksein schon. Die Hommage an den Arztbruder, die sich in der kleinen Skizze zu

Haben Sie sich in anderen Bruderfiguren wiedergefunden?

Ja, aber ich war nur immer an­satzweise eine dieser Figuren. Bei manchen kommen Eigenschaften von mir vor, die er meinte zu spüren. Er beschreibt aber auch Schwestern, beispielsweise in Korrektur oder Auslöschung. Andererseits hat er dann einen Arzt nach dem schlimmen Klischee gezeichnet, das zu mir überhaupt nicht gepasst hat.

Waren Sie denn in die Pläne von „Neufundland“ eingeweiht?

Nein. Über Literatur haben wir nie gesprochen. Wenn er gesagt hat, der Johannes (Bruderfigur aus


Peter Fabjan (geb. 1938 in Traunstein/Bayern) praktizierte als Facharzt für Innere Medizin in Gmunden (Oberösterreich). Dort starb sein Halbbruder Thomas Bernhard am 12. Februar 1989. Das Gespräch führten Max Beck und Nicholas Coomann. Eine Langfassung des Interviews wird in der Dezemberausgabe der Zeitschrift Literaturkritik.de erscheinen

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14:00 10.11.2011

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