Jugend ohne Club

Brandenburg Ralph Hammerthalers „Kurzer Roman über ein Verbrechen“ erzählt von der Gewalt in der Provinz
Angelo Algieri | Ausgabe 41/2016

Ein Abiturient, fünf Jugendliche und ein mittelalter Mann drehen Pornos im Keller eines Hauses am Rande eines Städtchens in der brandenburgischen Provinz. Bis es zu einem tödlichen Vorfall kommt. Das sind die Zutaten des schmalen, 136-seitigen Bands Kurzer Roman über ein Verbrechen des in Berlin lebenden Schriftstellers Ralph Hammerthaler, Jahrgang 1965. Nun ist sein vierter Roman im Verbrecher-Verlag von Jörg Sundermeier erschienen, der gerade mit dem K.-H.-Zillmer-Verlegerpreis ausgezeichnet wurde. Diesen Preis hat er sich auch mit der Publikation von Hammerthalers Buch verdient. Aber der Reihe nach.

Den namenlosen Ich-Erzähler, Abiturient und Sohn von Akademikern aus Berlin-Kreuzberg verschlägt es an Wochenenden zu seiner Geliebten, einer ehemaligen Englisch-Lehrerin, nach Brandenburg. Ohne ihr Wissen lernt er dort die Jugendlichen Anna, Til, Arben und die zwei Schwestern „Pfirsich“ und „Mücke“ kennen, sie drehen alsbald Pornos fürs Internet. Später kommt noch der joviale, knapp 40-jährige Gerhard hinzu. Die Filme entstehen im Keller des Hauses der nicht anwesenden Großmutter des 16-jährigen Til, der in freien Nazikameradschaften verkehrt.

Die Pornoseite wird gut geklickt. Die Bande professionalisiert sich, entwickelt Drehbücher. Ihr Markenzeichen: Spucke. „Spucke vermischt sich gern. Sie ist die Essenz des Vorspiels. Sie ist die Sprache der Sexualität.“ Nicht nur der Speichel vermischt sich in diesem Keller, sondern auch die Darsteller, die aus verschiedenen Milieus kommen: Der Jungnazi Til, die Linksaktivistin Mücke, die Borderlinerin Pfirsich, die in der Schule gemobbte Anna, der musisch begabte Arben, der im Kosovo geboren wurde, und Gerhard, der der Working-Poor-Schicht angehört.

Allerdings spielen diese individuellen Unterschiede beim Dreh keine Rolle. Im Keller sind alle gleich, arbeiten konzentriert und ohne Berührungsängste, wenn es etwa um Gruppensex und auch mal um homosexuelle Szenen geht. Alles für die Klickzahlen. Und noch ein Effekt stellt sich ein: Der Abiturent aus Berlin braucht die Gruppe, und die Gruppenmitglieder brauchen ihn und ihre Tätigkeit. Sie verschafft ihnen im doppelten Sinn Befriedigung, vor allem aber gibt sie ihnen ein wenig Selbstbewusstsein und dankbare Abwechslung. Es entwickeln sich sogar Liebesgeschichten zwischen den Darstellern.

Keine Einhandlektüre

Doch Anna, die Favoritin des Ich-Erzählers, denkt sich immer drastischere Szenen aus. Am Ende kommen Masken für die männlichen Darsteller zum Einsatz, sodass sie hemmungsloser und brutaler vor der Kamera in Aktion treten, bis es auf entsetzliche Weise schiefgeht.

Wer nun an Einhandlektüre mit expliziten Hardcoresexszenen denkt, liegt ganz falsch. Auch kommen keine brandenburgische Nabokov-Lolitas vor. Selbst das Wort Porno taucht – anders als in dieser Besprechung – im Text kein einziges Mal auf. Dem promovierten Soziologen Hammerthaler geht es erkennbar um etwas anderes. Zuerst einmal um eine dichte Beschreibung der sozioökonomischen Verhältnisse in der Provinz. Aber auch um Schuldfragen, die hier besonders schwer zu beantworten sind, weil der simple Gegensatz zwischen „Die Gesellschaft ist schuld“ und „Der Einzelne ist schuld“ um den Faktor Gruppendynamik erweitert wird. Last, but not least handelt es sich auch um eine Kritik an der Literatur und ihren Plots.

Das Thema der abgehängten, gewalttätigen Provinz liegt in diesen Tagen als Sujet ja nahe. Und folgender Satz aus dem Roman könnte an vielen Orten gesprochen werden: „Es gibt ’ne Menge Probleme bei uns. Kino zu. Club geschlossen, alles weg.“ Hier fehlender politischer Wille, dort leere öffentliche Kassen, dort drüben demografischer Wandel. Für Jugendliche sind solche Städtchen ein Ort der Perspektivlosigkeit, der reinen Langeweile.

Dass rechtsextreme Kameradschaften und die NPD solche vom Staat aufgegebenen Gebiete dann besetzen, verwundert nicht. Das zeigen auch die Reportagen der vergangenen Monate, etwa aus der Sächsischen Schweiz, Südostbrandenburg oder Vorpommern. Eine bittere Realität, die Autor Hammerthaler im Verlauf seiner Literaturstipendien in Brandenburg und Sachsen selbst beobachtet hat und die in diesem Text klug eingeflossen ist. Zur starken Wirkung trägt bei, dass er einen lakonischen Stil pflegt, dass ihm starke Bilder gelingen („Hass muss ausbluten“); Ralph Hammerthaler ist auch Opernlibrettist und Stückeschreiber.

Und dann malt er in die trostlose Landschaft eine Ungeheuerlichkeit. Die letzte Filmaufnahme verkauft der Ich-Erzähler für teures Geld einer US-amerikanischen Snuffvideo-Plattform. Snuffvideos sind Filme, bei denen vor laufender Kamera eine Person ermordet wird, um den Zuschauer aufzugeilen.

Hammerthaler ist nicht der Erste, der sich diesem Thema widmet. Man denke an Bret Easton Ellis mit Unter Null oder den Regisseur Mladen Đorđević und seinen Film Leben und Tod einer Pornobande. Oder an die Tatort-Folge „HAL“ von Niki Stein, die im August ausgestrahlt wurde.

Man fragt sich indessen, ob dieser Snuff in Kurzer Roman über ein Verbrechen wirklich sein muss. Ist das nicht ein unnötiger Effekt? Warum müssen so viele Plots heutzutage immer noch einen draufsetzen, immer brutaler werden? Weil die Währung des Internets (und Literaturbetriebs) schnelllebige Aufmerksamkeit ist? Aber diese Fragen evoziert Ralph Hammerthaler bewusst, er führt uns unser eigenes Medien- und besonders Literatur-Konsumverhalten vor. Je schockierender, je mehr Sozialporno, desto elender.

Info

Kurzer Roman über ein Verbrechen Ralph Hammerthaler Verbrecher Verlag 2016, 136 S., 19 €

06:00 26.10.2016

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