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Ausdrucker Seit der Zeit der Moguln durchkreuzen Postläufer den indischen Subkontinent. Heute stellen sie den Bewohnern von Himalaya-Dörfern ohne Strom und Telefon E-Mails zu

Tashi Tondrup schaut angestrengt den Felshang hinauf. „Jetzt!“, ruft der 63 Jahre alte Mann, greift seinen verrosteten Regenschirm mit der Rechten und flitzt über den schmalen Pfad, als sei er 40 Jahre jünger. Hinter ihm poltert ein fußballgroßer Stein in den Fluss. Es ist gerade noch gut gegangen. Wieder einmal. Die enge Schlucht ist der gefährlichste Abschnitt, den der Postläufer auf seinem Weg zurücklegen muss.

Tondrup ist sozusagen ein Teil der wandernden Internet-Verbindung eines der entlegensten Dörfer in Indiens Himalaya-Provinz Spiti. Sein Ziel ist der Ort Kibberi, der zwar weder Strom- noch Telefonanschlüsse hat, in dem die 12 Bewohner aber dennoch elektronische Post empfangen. Die meisten Nachrichten, die der Postläufer in seiner zerschlissenen Umhängetasche trägt, waren ursprünglich nämlich E-Mails.

Was in Deutschland derzeit zum Beispiel unter dem Namen E-Post-Brief als Innovation gefeiert wird, gibt es im Himalaya schon seit einiger Zeit: elektronische Nachrichten, die auf Papier gedruckt und von Zustellern nach Hause gebracht werden. Eine solche E-Mail wurde mehrere Tage zuvor von der Studentin Dawa in Neu-Delhi abgeschickt. In einem kleinen, noch am Stromnetz hängenden Postamt am Südhang des Himalayas wurde sie ausgedruckt und anschließend per Linienbus im Postsack in die Region geschickt.

In den kleinen Bergdörfern hat sich das Leben seit Jahrhunderten wenig verändert. Auf den windgepeitschten Hochebenen züchten die Bewohner Yaks und Ziegen, Kühe und Schafe. Auf den bewässerten Feldern bauen sie Gerste und Weizen an. Sie beten zu den Göttern der umliegenden Sechstausender und schicken vorzugsweise den zweiten Sohn ins buddhistische Kloster. Das Haupttal der Provinz Spiti öffnet sich der Moderne so schnell, wie sein schroffes Relief es eben zulässt: Seit die ersten westlichen Touristen 1994 in die Provinz kamen, werden die Straßen immer tiefer in die Hänge des Himalayas getrieben. Für die Postläufer, die seit der Zeit der Moguln den Subkontinent durchkreuzen, macht das die Arbeit leichter. 11.000 von ihnen gibt es in ganz Indien. 21 der Indian-Post-Mitarbeiter versorgen die Häuser und Dörfer Spitis mit Nachrichten.

Es braucht eine Staffel von drei Postläufern, um die ausgedruckte E-Mail der Studentin Dawa zu Fuß zu ihren Eltern nach Kibberi, unweit der chinesischen Grenze, zu bringen. Tashi Tondrup ist der letzte Läufer dieser Staffel, der 52 Jahre alte Tsering Targyas war der erste gewesen.

Die erste Etappe:Auf den Spuren des Wassers

„Gewöhnlich fahre ich mit dem Bus“, sagt der 52 Jahre alte Targyas. Er steht breitbeinig im Postamt, in der Hand einen weißen versiegelten Plastiksack, in den ein zahnloser Beamter mit Schirmmütze auch die Nachricht aus Neu-Delhi sortiert hat. Die klare Morgensonne scheint durch vier schmale, rot gerahmte Fenster. „Aber heute muss ich trampen. Der Monsun hat die Straße weggerissen.“ Targyas schultert seine Tasche und macht sich auf seinen 30 Kilometer langen Streckenabschnitt durch das Haupttal von Spiti, das sich hier zu einer breiten, fruchtbaren Ebene ausdehnt.

Über die Hauptstraße wackeln ihm eine Reihe von Männern und Frauen entgegen, beladen mit gelben Weizen-Ballen. Kürzlich hat die Ernte begonnen. Außerhalb der Orte ist die steinige Piste eine einzige Baustelle. Indische Arbeiter hämmern an einer rostroten Metallbrücke über einem Seitenarm des Flusses. Ein Stück weiter hängen drei staubverschmierte Nepalesen mit bunten Kopftüchern und gelben Helmen 100 Meter über der fast zerstörten Straße im Fels. Sie trennen mit dem Schlagbohrer Steinbrocken heraus. Die Kollegen unter ihnen zertrümmern das Material und verteilen es auf dem Weg. „Hier weicht der Monsun jedes Jahr den Hang auf“, sagt Targyas. „Als ich vor 23 Jahren angefangen habe, bei der Post zu arbeiten, mussten wir diesen Abschnitt wochenlang zu Fuß passieren.“

Targyas wandert bis ins nächste Dorf: 3.200 Meter hoch gelegen, eine kleine Siedlung weiß getünchter Bauernkaten. Zerzauste Gebetsfahnen ragen in den inzwischen bedeckten Himmel. Von hier aus könnte es endlich mit dem Auto weitergehen. Der Postläufer versucht, ein Fahrzeug anzuhalten. Erst knattert nur ein Motorradfahrer mit einer Trommel über der Schulter vorbei. Doch schließlich stoppt ein Trecker.

Das langsame Gefährt rumpelt in Richtung Norden durch die inzwischen wüst gewordene Landschaft. Die Bergrücken sind kahl, nur die wenigen Siedlungen sind Oasen. Und allein zwischen den Windungen des Flusses leuchten manchmal grüne Inseln, auf denen Kühe weiden. Am frühen Nachmittag erreicht der Postläufer endlich sein Ziel, ein Dorf, in dem seine Kollegin Dolma Lhadun bereits im Teehaus wartet, um auch die ausgedruckte E-Mail der Studentin Dawa an die Eltern zu übernehmen.

Die zweite Etappe:Wettlauf mit der Dämmerung

Targyas nimmt seine Kollegin fest in den Arm. „Pass auf deine Hände auf“, sagt Dolma Lhadun, „wir Mädchen aus Spiti sind gefährlich.“ 20 Prozent der Postläufer Spitis sind Frauen. Die 28 Jahre alte Frau ist Mutter zweier Kinder und arbeitet seit zehn Jahren als Postläuferin. Sie bekommt dafür umgerechnet 100 Euro im Monat. Wie Tsering ist auch Lhadun nicht fest angestellt. Aber anders als er ist sie dort unterwegs, wo an Trampen nicht zu denken ist. „Die Autopiste ist doppelt so lang wie der Fußweg. Und es fährt selten ein Auto“, sagt sie.

Also stiefelt die schlanke junge Frau in hochhackigen Kunstlederschuhen über die steinige Flanke des Haupttals hinab in eine Schlucht. Im Gehen schält sie zugleich noch einige lange Halme des Shipkya-Strauches, um daraus später einen Schneebesen zu machen. Der Weg schlängelt sich einen Lehmhang hinab in eine Ebene voller Schutt- und Sandhalden. Die Sonne ist hinter der Wolkendecke hervorgekommen, die Luft flimmert. „Dieses Tal ist berühmt für seine Versteinerungen“, sagt Lhadun. „Forscher aus der ganzen Welt kommen hierher.“ Doch deren Theorie, dass die hier gefundenen Schnecken und Muscheln vor langer Zeit in einem Ur-Meer schwammen, bevor dessen Grund zu den höchsten Bergen der Welt aufgefaltet wurde, mag sie nicht nachvollziehen.

Drei Stunden ist Lhadun unterwegs, bevor sie das einzige Dorf, das auf ihrem Weg liegt, erreicht: vier einfache Häuser auf einer schmalen Landzunge. „Dolma, bis du es?“, ertönt es aus einem Hain junger Eichen. Dolma Lhaduns Tante trägt eine rote Mütze, in die mit Großbuchstaben das Wort „HELLO“ gestrickt ist.

„Für mich ist meine Nichte die Verbindung zur Außenwelt“, erzählt die Alte. Und sie beginnt, Fragen zu stellen: über Verwandte unten im Tal, über die Erbsenernte. „Die Händler aus Delhi betrügen, wo sie nur können“, berichtet Dolma Lhadun und nimmt einen Schluck Tee aus der Tasse, die ihr die Tante hingestellt hat. „Kürzlich ist ein Lastwagen einfach verschwunden, ohne dass auch nur ein Bauer bezahlt wurde.“

Sehr lange kann sich die Postläuferin nicht mit solchen Geschichten aufhalten, sie muss noch vor der Dunkelheit ihr Ziel erreichen. Und der letzte Teil des Weges ist der anstrengendste: Bevor Dolma Lhadun die Papier-Mails im nächsten Postamt abgibt, muss sie noch mehrere steile Terrassenfelder hinaufsteigen. Dann verschwindet sie schnell, aber singend in der Dämmerung.

Die dritte Etappe:Mit Schirm im Steinhagel

Am nächsten Morgen hängen die Wolken tief. In der Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Seit zehn Stunden regnet es ohne Unterbrechung. Tashi Tondrup, der dritte der Postläufer-Kette, steht mit einem dünnen Stapel Briefe im Eingang seiner Dienststelle, darunter auch die Nachricht von Dawa. Tondrup will schnell sein, er kennt die Eltern der Studentin persönlich, weiß, was ihnen Post von Dawa bedeutet.

„Es klart bestimmt bald auf“, sagt der drahtige Alte. „Ich werde den kurzen Weg nach Kibberi nehmen.“ Der kurze Weg hat 16 Kilometer und führt am Fluss entlang durch das Tal. Doch er kann gefährlich sein: Der Fluss tritt gelegentlich über die Ufer, von den steilen Wänden droht ständig Steinschlag. „Aber die längere Strecke über die Bergrücken dauert fast einen Tag“, sagt Tondrup – und marschiert unverdrossen mit seinem Regenschirm in der Hand los.

In einer scharfen Kurve hat der Fluss einen Teil des Pfades verschluckt. Der Postläufer balanciert mithilfe des Schirms von einem in die Felswand gestemmten Tritt zum nächsten. Aber die wirklich gefährlichen Stellen stehen noch bevor. Unterhalb eines Hangs voller Geröll zeigt der Postläufer auf tiefe Abdrücke, die Steinschläge in der Nacht auf dem weichen Sandweg hinterlassen haben. „Selten gibt es Vorzeichen, wenn die Brocken fallen“, sagt er und fährt sich mit dem Daumen über die Nase. „Meistens ist nichts zu hören oder zu sehen. Nur plötzlich: Peng!“ Im vorigen Sommer sei eine alte Frau von einem Felsblock am Kopf getroffen worden. „Jetzt ist sie gelähmt.“ Erst als mehrere Gefahrenstellen im Eilschritt passiert sind, macht der Mann unter einem geräumigen Felsvorsprung Pause. Sein Atem rast in der trockenen Höhenluft.

Nach zwei Stunden Marsch wird das Tal breiter, die Hochebene rückt näher. Und dann ist es da: das Ziel. Unter den tiefen Regenwolken wirkt das Dorf Kibberi mit seinen zwei flachen Häusern auf mehr als 4.000 Metern Höhe etwas verloren zwischen Himmel und Erde. „Eigentlich enden hier alle Wege“, sagt Tashi Tondrup. „Nur gelegentlich versucht ein verrückter Ausländer, über die Gletscher zu wandern.“

In Kibberi wird der Postläufer offenbar erwartet. Dawas Mutter steht jedenfalls schon in der Tür des Hauses. „Hast du Nachrichten für uns, Großväterchen?“, ruft sie. Früher sei er in jedem Haus so begeistert empfangen worden wie heute in Kibberi, sagt Tashi Tondrup. „Aber dafür bin ich jetzt öfter hier.“ Weil die Post schneller geworden sei, würden die Menschen einander wesentlich häufiger schreiben. „Allerdings sind die Briefe auch kürzer geworden.“

Endlich überreicht der Postläufer Dawas Mutter den Brief aus Neu-Delhi. Dann setzt er sich zu der kleinen Familie, die eilig zusammenkommt, und hört zu, wie die ersehnte E-Mail vorgelesen wird, die er und seine Kollegen durch Regen und Sonnenschein über Felder, Straßen und Lehmpisten getragen haben, an Flüssen und Steilhängen entlang:

„Liebe Mutter, lieber Vater, ich bin gut in Delhi angekommen. Der Monsun ist immer noch nicht vorbei. Zwei Tage lang hat alles unter Wasser gestanden, und ich konnte nicht zur Universität gehen. Ich vermisse euch. Eure Dawa.“

Achim Pohl ist freier Fotograf und Mitglieddes Journalistennetzwerks Storymacher

09:00 26.06.2011

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