Kaliningrad is alive

Fühlt euch wie zu hause Ein Reisebericht von Karsten Laske (Text) und Max Penzel (Bild)

Es ist abends halb zehn, auf dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg fahren die Rolltreppen leer vor sich hin, es herrscht kaum Verkehr. Wie jeden Tag geht auch heute von hier ein Zug nach Minsk. Zeitig wird er bereitgestellt, noch zeitiger finden sich die Fahrgäste mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig ein. Der Zug rollt herein und mit ihm, auf den Trittbrettern bei offenen Türen, die Schaffner. Ein jeder von ihnen begibt sich dann vor seinem Waggon in Stellung, um die Fahrgäste in Empfang zu nehmen und gründlich ihre Tickets zu prüfen. Der Schlafwagen am Ende des Zuges ist ein Kurswagen nach Kaliningrad. Die Fenster sind mit Gardinen behangen und von Stoff umrahmt: Golden auf Blau ein geflügeltes Rad, Symbol der Russischen Eisenbahn. Wir begeben uns auf Recherche-Tour. Unser Ziel ist, das moderne Kaliningrad zu entdecken, soziales und ökologisches Engagement vor Ort aufzuspüren.

Sand auf dem Gleis, der Zaun unter Strom

Eine Reise nach Kaliningrad ist eine Reise nach Russland. Abgeschnitten vom riesigen Mutterland liegt das Kaliningrader Gebiet, das insgesamt so groß ist wie Schleswig-Holstein, mit seinem Kurischem Haff und der Kurischen Nehrung als Exklave zwischen Litauen und Polen. Bis 1991 war die Kaliningradskaja Oblast, wie die Region auf Russisch heißt, für ausländische Besucher gesperrt. Heute ist es einfacher für uns Deutsche, in das Gebiet hinein-, als für die Kaliningrader hinauszukommen. Das angrenzende Litauen zum Beispiel erteilt den Russen kein Transitvisum. Wir Deutschen brauchen, wie für jede andere Russlandreise, ein Visum, eine Auslandskrankenversicherung und unseren Pass natürlich. Später werden wir erfahren, dass auch noch innerhalb von drei Tagen ein Stempel auf ein Papier muss, eine amtliche Registrierung, die natürlich auch mit einer Bearbeitungsgebühr verbunden ist. Ohne diesen Stempel gibt es Ärger bei der Ausreise. Es herrscht also eine Art Meldepflicht für Touristen.

Für zehn Euro ist Königsberg/Kaliningrad bereits in Deutschland von der Firma Rautenberg zu haben, und ein flüchtiger Blick auf diesen Stadtplan erteilt schon zu Hause eine erste Lektion in Sachen Kaliningrader Gegenwart und Königsberger Geschichte. Die Russen, sieht man, halten auch 20 Jahre nach der Perestrojka und 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion tapfer an alten Straßennamen fest. Ein Wohngebiet im Osten Kaliningrads heißt weiterhin Leningradskij Rayon, obwohl es längst keine Stadt Leningrad mehr gibt, es ist eine Proletarskaja ulitza verzeichnet, eine ulitza Tschekistov und ein Stadtpark zu Ehren des 40. Jahrestages des Komsomol.

Doch auch das deutsche Gedächtnis scheint in Tradition verfangen, zeigt die Karte. Eine Legende ist ihr beigefügt, die heutige und einstige Straßennamen aufführt und einander zuordnet. Da finden sich all die schönen deutschen Straßennamen einer Stadt, die 750 Jahre preußischer - oder waren es doch nur zwölf Jahre nationalsozialistischer? - Geschichte auf dem Buckel hat. Besagte ulitza Tschekistov hieß Gustloffstraße, die Horst-Wessel-Straße ist heute ein Prospekt Kalinina, die Hermann-Göring-Straße ist nach dem Kosmonauten Gagarin benannt und der Adolf-Hitler-, vormals Hansaplatz, musste einem Platz des Sieges weichen. (Wir werden noch auf ihn zu sprechen kommen, auf diesen Platz.)

Das alles weist die Karte aus. Sie will suchen helfen. Das Zerstörte. Das Verlassene. Das Verlorene. Die alte Heimat. Wer sich als Deutscher für Kaliningrad interessiert, meint die Firma Rautenberg, muss ein Vertriebener sein.


In Vorbereitung auf die Fahrt habe ich mir einen Film angesehen: Königsberg is dead. Er zeichnet das Sterben jenes in Trümmer und Tod gesunkenen Ortes nach, an dessen Stelle heute eine andere Stadt steht. In den Mauern von Königsberg, das 1945 zur Festung erklärt und dadurch der Schlachtung preisgegeben wurde, fanden mehr als 80 Prozent der Bevölkerung den Tod. Die überlebten, wurden in den folgenden Jahren ausgesiedelt. Russen kamen, bauten sich ein anderes Leben, eine neue Stadt.

In dem Zweierabteil, das wir gebucht haben, gibt es für jeden eine kleine Verpflegungsration, Bettwäsche und ein Handtuch liegen in Folie geschweißt bereit. Es gibt Tee, Kaffee oder Bier beim Schaffner. Es ist ein bisschen, als würde man nach Australien fliegen: Die Fahrt dauert 14 Stunden, und wir reisen ähnlich ausgerüstet - dicke Socken, um unterwegs die Füße hochlegen zu können, einige Flaschen Mineralwasser im Gepäck. In Sachen Geschwindigkeit verläuft die Fahrt allerdings alles andere als im Flug. Zwischenzeitlich hat man den Eindruck, dass der Zug nicht über 40 Stundenkilometer hinauskommt. Es gibt viele Aufenthalte, unser Wagen wird mehrfach ab- und wieder angekoppelt, es wird rangiert, die Fahrtrichtung ändert sich. Im Bett des Abteils liegend fühlt es sich an, als würde man in einem Kinderwagen seinem Ziel sanft entgegen schaukeln.

Am nächsten Vormittag passieren wir die polnisch-russische Grenze. Eine Staatsgrenze, wie ich sie lange nicht mehr gesehen habe: ein doppelter, streng bewachter Zaun, dazwischen schmales Niemandsland, ein hoher Grenzturm. Der Zug hält, ein Tor wird geöffnet. Der Zug fährt ein paar Meter. Ein zweites Tor wird geöffnet. Der Zug passiert die Grenze, hält wieder. Ich sehe, da wir uns im letzten Wagen befinden, nach hinten auf das Gleis hinaus. Warum stehen wir, worauf warten wir hier? Ein Soldat glättet mit einem Spaten den Sand zwischen den Grenzzäunen. Er bedeckt sogar die Schienen, die wir eben befahren haben, mit einer Sandschicht. Mir will das zunächst nicht einleuchten. Ein Zug, der die Grenzanlagen durchbräche, würde wohl ein zerstörtes Tor hinterlassen, und man brauchte nicht den zerfahrenen Sand auf dem Gleis zum Beweis. Aber dann dämmert mir, dass der Sand wohl eher Fußspuren sichtbar machen und also verhindern soll, dass todesmutige Schmuggler hinüber oder herüber balancieren.

Dass es Todesmut bräuchte, diese Grenze unerlaubt zu queren, zeigt sich, als der Soldat das Tor schließt. Behutsam drückt er es mit seinem Spaten zu, darauf bedacht, nur den Holzstiel in Händen zu halten: Der Zaun steht unter Strom.


Da sind wir nun also auf russischem Gebiet. Und schnell in Kaliningrad. Die Stadt hat etwa 400.000 Einwohner, das ganze Kaliningrader Gebiet etwa eine Million. Der Gouverneur, hört man, möchte die Bevölkerung gern aufstocken auf vier Millionen. Die von EU-Ländern eingeschlossene Insel soll ein prosperierendes Stück Land werden. So der Plan. Russland will seine Exklave nicht im Stich lassen, zumal die Ehefrau Präsident Putins aus Kaliningrad stammt - vielleicht die beste Versicherung gegen das Vergessenwerden.

Pommerland ist abgebrannt, Ostpreußen auch

Wir haben uns mit Jürgen Leiste im Foyer des Hotel Kaliningrad verabredet. Jürgen ist ein Mann Mitte 50, seine Frau stammt von hier. Er ist Koordinator des deutsch-russischen Kinderhilfswerks Anthropos e.V., einer NGO, die sich in Sachen Umweltschutz und für die Rechte von Kindern stark macht. Schon kurz nachdem das Gebiet zugänglich geworden war, kam Leiste zum ersten Mal nach Kaliningrad, damals noch als Firmenvertreter in Sachen Fußbodenbeläge. Als sein Arbeitgeber pleite ging, entschloss sich der Berliner, den Umweltschutz und die Hilfe zur Selbsthilfe zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen - hier, am Rande der Oblast. Er kennt das Kaliningrader Gebiet aus dem Effeff und ist vor Ort, wie wir noch sehen werden, eine große Nummer. Mancher erkennt ihn und grüßt, wenn er durch die Dörfer fährt. Wo er anklopft, öffnen sich ihm und uns die Türen. Alle zwei Wochen fährt er die 650 Kilometer von Berlin hierher. Die Gegend ist zur zweiten Heimat geworden. Über den Verein kann er, was ihm sonst als Ausländer unmöglich wäre, Grundstücke erwerben, umbauen, renovieren, sich engagieren.

Diesmal sitzen in seinem VW-Bus mit der Berliner Nummer - es wird übrigens das einzige ausländische Nummernschild bleiben, das ich während einer Woche Aufenthalts hier sehe - noch drei weitere Männer. Sie sind allesamt Jahrgang 1945, Westberliner, kennen sich seit langem, wohl bereits aus Schultagen. Nennen wir sie Wim, Wum und Wendelin. Sie blicken mit einer Mischung aus Interesse und Entsetzen hinaus auf das Land. Sie unternehmen eine Herrenpartie. Eine Plastikflasche mit irgendeinem Rotweingemisch geht von Mann zu Mann. Dazwischen wird auch noch ukrainischer Wodka verkostet, der hier so wunderbar billig ist. Im Auto ist die Luft zum Schneiden, und man muss fürchten, dass der Fahrer allein vom Atmen besoffen wird.


So gelangen wir von Kaliningrad Richtung Nordosten, Richtung Tilsit, das heute Sowjetsk heißt, fast bis zur litauischen Grenze. Unser Ziel ist das Jagdhaus Pait im Slavskij Rayon. Seinen Namen hat das Jagdhaus nach dem Flüsschen, das in seiner Nähe fließt.

Wim, ein "Feingeist", wie er selber glaubt, der gern jagen geht und die Gegend daraufhin in Augenschein nimmt, stellt fest, dass die früheren Kolchosen verwaist sind. Tatsächlich stehen die meisten großen Ställe leer, die wir vom Auto aus sehen, und die Felder werden nicht gepflügt, nicht beackert, stattdessen brennt man sie ab. Wir sehen allenthalben Rauchfahnen übers Land ziehen, flache Flammen fressen züngelnd das trockene Gras oder es breitet sich schwarzer, bereits verbrannter Boden neben der Straße aus. Es ist die bequemste und billigste Art der Rodung, dennoch bleibt unklar, was sie bringen soll - außer Umweltdreck und der Zerstörung der oberen Erdkrume und der Lebewesen, die darin ihr Biotop haben - der Boden wird anschließend nicht bewirtschaftet. Eine absurde Assoziation an deutsche Wehrmachts-Gepflogenheiten kommt auf, Russland als verbrannte Erde zurückzulassen. Freund Wim bringt der Anblick des unbestellten Lands dazu, alle fünf Minuten vorwurfsvoll auszurufen: "Alles verkarstet hier! Alles verkarstet!"

Dann ist da Wum, ein kleiner Mann mit gefärbtem Haar und Schnauzer, der wohl gern ein General wäre, stattdessen aber als Beamter seine letzten Dienstjahre ableistet. Er hat sich, obwohl noch nie auf einer Jagd, in grünes Zeug gekleidet und einen alten NVA-Tarnrucksack dabei. Niemals wird man von ihm einen russischen Ortsnamen hören, er bleibt bei den guten alten deutschen Bezeichnungen. Außerdem vertritt er die Meinung, der russische Mensch sei für körperliche Arbeit zu schwach gebaut. Diese originelle These erwähnt er mehrfach, und zwar immer, wenn Wim wieder neues verkarstetes Land entdeckt hat.

Wendelin schließlich, um das Trio voll zu machen, ist ein schon etwas seniler, aber ansonsten gemütlicher Großvater, der sich das Wort Buschwindröschen zum Beispiel nicht merken kann. Er liebt diese Pflanze und will ständig, dass wir unterwegs anhalten, damit er ein paar pflücken kann. Nur mit der Benennung der geliebten Pflanze, wie gesagt, damit hapert es.

"Alles verkarstet!", ruft Wim. "Der russische Mensch ist für körperliche Arbeit einfach zu schwach gebaut!", kräht Wendelin. "Halt mal, da stehen Wuschbind ... - wie heißen die?"

Was unsere Agrarexperten nicht wissen oder wissen wollen: Das Land gehörte den Kolchosbauern nicht. Anders als zum Beispiel in den LPGs der DDR war es nicht ihr in eine Genossenschaft eingebrachtes, sondern Staats-Eigentum. Jetzt, nach der Auflösung der Kolchosen, müssten sie die Felder vom Staat erst einmal kaufen oder pachten, um sie zu bestellen. Aber von welchem Geld? Die Arbeitslosigkeit auf dem Lande liegt offiziell bei 18 Prozent, in Wahrheit dürften es eher 80 sein.

Jetzt haben die Männer in unserem Wagen entdeckt, dass "der Russe" gern Audi fährt, und jedes Mal, wenn uns ein solcher überholt oder begegnet, rufen sie: "Audi!" Es ist, als wenn man mit kleinen Kindern eine lange Strecke fährt und sie sich langweilen.

Also kein Elch, nur ein paar Spuren. Auch von Wilhelm II.

Wir passieren den Ort Jasnoje. Ehemals hieß die kleinstädtische Gemeinde Kaukehmen, bis die Nazis 1939 diesen und viele Orte im Umkreis "eindeutschten" und zu Kuckerneese machten. Heute ist von der alten Bausubstanz bestenfalls noch ein Viertel vorhanden, der Rest steht leer, verfällt oder ist bereits abgetragen. Am Rande des Marktplatzes protzt ein überdimensionales Siegerdenkmal, in einem kleinen verwilderten Park ist eine Leninbüste vergessen worden. Die Kirche ist Lagerhalle. An einem Haus kann man noch deutsche Schrift lesen: Kurz-, Weiß- und Wollwaren gab es hier, nebenan Porzellan.

Niemand von den Einheimischen, werde ich in den nächsten Tagen erfahren, ist gut auf Gorbatschow zu sprechen. Mit ihm kam, wenn nicht der Untergang, so doch eine rasante Talfahrt. In der Nachfolge von Glasnost und Perestroika wurden die Menschen in eine Freiheit ohne Geld und Sicherheiten entlassen. Anstelle staatlicher Strukturen, die sich auflösten, wuchsen keine neuen. Löhne wurden nicht gezahlt. Die Armee, die hier stark war, entließ Offiziere. Die alten Parolen hatten ausgedient, die neue hieß: Seht selbst, wo ihr bleibt! Aber jeder schien vor der Verantwortung zu fliehen. Die neunziger Jahre brachten dem plötzlich nach allen Seiten offenen, quasi befreiten Kaliningrader Gebiet Armut und Verfall. Wir durchqueren stille Dörfer, sehen eine aufgegebene Käserei; es ist die Gegend des Tilsiter Käses, früher jedenfalls.

Allmählich umgeben uns immer mehr und schließlich nur noch Erlenbruchwälder. Die Bäume stehen dicht an dicht im Wasser, und nur im Winter, wenn Frost herrscht, kann man die Wälder überhaupt betreten. Es ist die Gegend, in der sich Elche aufhalten.

Je näher wir dem Jagdhaus Pait kommen, desto öfter höre ich Wim, Wum und Wendelin von "S.M." sprechen. Auf meine Frage hin werde ich aufgeklärt, dass es sich hierbei um keine Sexualpraktik, sondern den letzten - Gott hab ihn selig - deutschen Kaiser handelt, "Seine Majestät". Dieser nämlich requirierte einst das Jagdhaus Pait. Später wurde es von Hermann Göring heimgesucht. Dann verarbeitete man in den Zimmern die Felle aus einer nahe gelegenen Zobelfarm. Das stattliche Gebäude verfiel. Nun wird es gerettet.

Noch steht es jedoch nach allen Seiten offen, und wir übernachten nebenan in einem bereits renovierten Haus, in dem vormals der Förster lebte. Das nächste Dorf ist sechs Kilometer entfernt, der nächste Bäcker 40. Das Wasser ist hier überall moorig schwarz. Auch im Jagdhaus kommt es, trotz eingebauter Filteranlage, immer noch gelbbraun aus dem Hahn.

Der Abend kehrt ein. In den Erlenwäldern, die - von flachen Fließen durchzogen - das Grundstück umgeben, hört man die Bekassine meckern, eine Sumpfschnepfe, deren Flug einen merkwürdig flatternden, aufsteigenden Laut schlägt. Über ihr und um sie her in den Ästen zwitschern und tschilpen Vögel, die dem Städter, der ihre Stimmen nicht kennt, aber doch eines sagen: Du bist angekommen, mitten in der Natur! Wir setzen uns zum Abendessen, dass Sergej und seine Frau, die das Haus hüten und bewirtschaften, bereitet haben.

Anderntags gehen wir auf die Pirsch. Vielleicht werden wir einen Elch sehen? Um es vorweg zu nehmen: Wenn sechs Mann raschelnd und knisternd durch den Erlenwald stapfen, hat der Elch wenig Lust, sich zu zeigen. Also kein Elch. Aber ein paar Fährten von ihm, tiefe Tritte im feuchten Boden, daneben frische Losung. Im Fließ taucht ein Biber ab, als er uns bemerkt, die Bäume zeigen seine Nagespuren, im Wasser hat er sich aus Ästen eine Burg aufgetürmt. Eine Wildsau hat mitten im Weg eine Suhle gewühlt, eine Dreckbadewanne, eingelassen im Waldboden. Dann stoßen wir auf Spuren eines Wolfs - in Jägersprache: "wir spüren ihn". Und plötzlich, fernab jedes Dorfs, ein alter, verlassener Friedhof. Die einzige kleine trockene Anhöhe weit und breit, die Grabschriften deutsch. Hierher hat man auf Kähnen - sie wurden durch die Fließe gestakt - die Särge gebracht. Jürgen Leiste entdeckte vor ein paar Jahren den Platz und beseitigte mit Freunden das Gestrüpp, das die Grabmale überwuchert hatte.

Soll man der Region wünschen, fragen wir uns, dass bald mehr Touristen kommen? Oder soll man ihr weiter jene Ruhe und Abgeschiedenheit gönnen, die wir hier gerade genießen? Den Menschen sicher das eine, der Natur das andere. Oder könnte es gelingen, einen Öko-Tourismus aufzubauen? Jürgen Leiste arbeitet daran.

New wave Bordell. Tag der Pioniere. Tag des Sieges

Zurück in Kaliningrad, wir sind jetzt allein unterwegs, ohne Jürgen und endlich auch ohne Wim, Wum und Wendelin. Wir übernachten in einer Neubauwohnung im Süden der Stadt. Man fühlt sich wie in Berlin-Hellersdorf.

Kaliningrad ist hässlich. Königsberg soll schön gewesen sein, heißt es, aber das ist Geschwätz von gestern. Königsberg ist tot. Kaliningrad lebt. Es herrscht Betriebsamkeit an allen Ecken, der Verkehr auf den Straßen ist dicht, Busse, Straßenbahnen, O-Busse, Taxis drängeln sich. Es gibt Biergärten und Restaurants, es gibt westliche Markenartikel zu kaufen. Internet-Cafés gibt es nicht, aber die Postämter haben Räume bereitgestellt, in denen man für wenige Rubel ins Netz kann. An einer Straßenecke stehen Geldhändler mit dicken Euro-Bündeln. Es gibt Diskos, es gibt Spielcasinos, Drogen, es gibt Aids.

Wir essen am Abend im noblen Restaurant Walensija am Platz des Sieges. Auf der Karte steht nicht eine russische Speise, aber man kann hervorragend italienisch oder französisch essen. Im Nebenraum ist eine Bar, und obwohl dort um diese Zeit - es ist neun Uhr abends - noch keine Gäste sitzen, singt eine blonde Schöne live ein paar Evergreens. Außer uns tafelt nur noch ein betrunkener, dicker Russe mit zwei Frauen im Lokal. Als er die Kellnerin zu sich zieht und sie zu küssen versucht, lässt sie die Gläser fallen - wohl die einfachste Art, seiner Anmache zu entkommen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes prangt ein riesiges Plakat. Ein Rotarmist mit wehender Fahne verkündet in Breitwand: Wir siegten! Der 9. Mai, Tag des Sieges und hier noch immer Feiertag, steht unmittelbar bevor. Der Platz ist bereits beflaggt und wird tagsüber mit Musik beschallt, es wird eine Tribüne gezimmert. Für welche Parade? Wer wird da an wem vorbei marschieren? Vor dem Fenster des Restaurants eilen Passanten vorüber, auf dem Platz treffen sich Jugendliche, die noch gemeinsam ausgehen wollen. Kaum einer da draußen könnte sich ein Essen hier drin leisten. Die Mindestrente liegt bei 80 Euro im Monat, fast so viel kostet das Essen für zwei hier im Restaurant. Wir siegten! - Ist das so?

Später gehen wir in den Club Amsterdam. Zunächst waren die Partys dort schwul, dann entdeckten die Heteros den Laden, jetzt geht es gemischt zu. Das Thema heute Abend: New wave Bordell. Mir ist nicht ganz klar, was ich mir darunter vorstellen soll. An der Garderobe werden wir von zwei "leichten Mädchen" empfangen, die uns vorspielen, sie seien scharf auf uns und uns in den Club hinein begleiten. Dort werden wir von einem "Zuhälter" mit kumpelhaftem Handschlag begrüßt. Wenn wir Wünsche hätten, kein Problem, sagt er, er könne alles besorgen, fühlt euch wie zu Hause ... Der Laden hat etwas von einem Studentenclub. Vergleichsweise teuer kostet ein kleines Bier an der Bar 1,50 Euro, ein Wodka-Redbull das Dreifache.

Auf den Tischen liegen schon die Flyer fürs nächste Mal. Am 20. Mai ist Tag der Pioniere. Sowjetskoje Retro. Dresscode: weißes Hemd, schwarze Hose, Pionierhalstuch. Auch heute laufen einige verkleidet herum, und ein Fotograf ist die ganze Zeit hinter ihnen her. Eine im weißen Kleid hat eine Babypuppe auf dem Arm. Soll es Rosemary´s Baby sein? Einer trägt eine Pelzmütze, ein anderer hat eine Billy-Idol-Perücke auf. Später spielt eine Live-Band, wohl die Hausband hier, ziemlich gekonnt einige Achtziger-Titel. "I wear my sunglasses at night" von Corey Hart zum Beispiel. Der Gitarrist spielt schwitzend mit freiem Oberkörper, der Sänger röhrt ins Mikro, er trägt ein blau-weiß gestreiftes Shirt. Auf der Tanzfläche springen alle herum, als sei es ein Pogo-Titel, und setzen ihre dunklen Gläser auf. "I wear my sunglasses at night / So I can so I can / See the light that´s right before my eyes ..."

Auf der Gemeinschaftstoilette geht es sehr metrosexuell zu. Zwischen den Pinkelbecken stehen die Frauen und rücken sich gegenseitig ihre Kleider zurecht, am Spiegel zieht ein junger Typ seinen Lidstrich mit einem Kajalstift nach.

Später kriegt die Party den Charakter eines durchgeknallten Kindergeburtstags. Erst wird das beste Kostüm prämiert, dann gibt es auf der Bühne ein Wettessen. Vier Kandidaten knien sich hin, die Hände auf dem Rücken, vor ihnen stehen Metallschälchen mit je einer Hand voll Katzenfutter drin. Sie schlecken die Schalen aus. Siegerin ist eine junge Frau. Als ihr der Moderator gratuliert, kaut und schluckt sie noch und hält sich eine Serviette vor den Mund. Dann werden braune Bohnen verstreut und in Unterhosen nehmen die nächsten Kandidaten Platz. Allein mit ihren Pobacken sollen sie ergründen, auf wie vielen Bohnen sie sitzen ...

Ich unterhalte mich mit Maxim, der gut Englisch spricht und mir erklärt, er sei bisexuell. Er mag seine Stadt Kaliningrad überhaupt nicht, er will weg hier. London ist cool, Petersburg ist auch okay. Aber selbst Moskau ist Mist, zu dreckig, zu voll. Ich frage ihn, ob es schwierig ist, seine Bisexualität hier auszuleben. Nein, meint er, kein Problem. Die Musik ist ohrenbetäubend laut. Plötzlich wird sie abgestellt, es herrscht Stille, nur das Wort, das eben gesagt wird, schreit man noch in den Raum.

Buchstabe für Buchstabe, der Klang der Stille

Letzter Tag unseres Aufenthalts. Tatjana und ihre Kollegin Ludmila holen uns in Kaliningrad ab. Wir fahren knapp 30 Kilometer nach Norden. Dort, in der Nähe von Zelenogradsk (dem früheren Seebad Cranz nahe der Kurischen Nehrung), liegt das Dorf Sosnowka, und dort gibt es eine Gehörlosenschule, die Tatjana leitet. Sie spricht perfekt Deutsch, denn sie lebte mit ihrem Mann, der Offizier war, viele Jahre in der DDR und unterrichtete an der Garnison die sowjetischen Kinder. Später machte sie eine Ausbildung zur Gehörlosenpädagogin.

Auch hier in Sosnowka hilft ein deutscher Verein, der evangelische Brückenschlag e.V., auch hier heißt die Devise: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Niendorfer Kirchengemeinde in Hamburg suchte bereits 1991 den Kontakt, jährlich fahren Hilfstransporte hinüber, bringen Lebensmittel, Kleidung, Sport- und Spielsachen, Farbe für den Innenanstrich, Waschmittel, Wandtafeln, Unterrichtsmaterial. Im Keller hängt ein Sandsack zum Boxen. Zuletzt wurden neue Fenster in Polen in Auftrag gegeben. Seit zehn Jahren beteiligt sich auch die staatliche Internatsschule für Hörgeschädigte in Schleswig an dem Projekt, es gibt Schülerfahrten in beide Richtungen.

Wir werden mit großer Herzlichkeit empfangen. Das Haus ist ein kleines Schloss, von einem Park umgeben. Im Krieg war es Lazarett, seit 1950 ist es Gehörlosenschule. Auf dem Dach nistet ein Storch. Es klingelt zum Unterricht - was mich wundert, denn die Kinder können es nicht hören. Tatjana zeigt ihnen mit der Hand: ein Glöckchen läutet.

Bereits in der zweiten Klasse können alle lesen und schreiben. Es werden Chemie, Biologie, Mathematik, Sport, Hauswirtschaft unterrichtet. Keines der Kinder ist vollkommen taub, jedes verfügt über mehr oder weniger geringe Hörreste, trägt deshalb ein Hörgerät. Viele kommen aus sozial schwachen Familien, deshalb bleiben manche auch übers Wochenende hier im Internat, zwei von ihnen sogar in den Sommerferien. Wenn die Kinder von Geburt an gehörlos und vielleicht auch ihre Eltern taub sind, muss die Schule das Verstehen und Sprechen von Grund auf lehren. Zu ihrem Sprechen gebärden die Schüler jedes Wort, das sie sagen, Buchstabe für Buchstabe in Zeichensprache, damit die Lehrer sie kontrollieren können. Ein Schüler singt die Vokale fast und vergisst dabei gelegentlich die Konsonanten. Ein Mädchen dagegen stößt die Konsonanten überscharf hervor, mit starkem Glottisschlag, und man muss die Vokale erraten. Untereinander verständigen sich die Kinder und Jugendlichen in Gebärdensprache, es werden also nur ganze Worte und Sinnzusammenhänge gezeigt. Tatjana berichtet, dass sich deutsche und russische Kinder schneller als die Erwachsenen verstehen, die Gebärdensprachen sind zwar nicht gleich, aber doch so ähnlich, dass eine Verständigung keines Dolmetschers bedarf. Wir benötigen allerdings Tatjanas Hilfe, weder ist unser Russisch wirklich gut, noch können wir "gebärden". Deshalb bleiben die Gespräche mit den Schülern immer diszipliniert und etwas "offiziell" - welches Kind würde in Anwesenheit seiner Direktorin, die alles übersetzt, frei heraus sagen, was ihm hier vielleicht nicht gefällt?

Die Lehrerinnen scheinen angehalten, sich für den heutigen Tag etwas Besonderes einfallen zu lassen. Wir sehen Mädchen mit weißen Kochhauben in der Hauswirtschaftlehre Teig kneten und Kekse backen, von denen wir später gemeinsam essen. Der Sportlehrer lässt die Schüler Fahrrad fahren. Es gibt tatsächlich Mountainbikes und Fahrradhelme für die Hälfte der Schüler. Sie drehen zwei, drei Runden durch den Schlosspark, der Lehrer nimmt die Zeiten; gelegentlich werden wohl auch Ausflüge mit den Rädern unternommen. Dann werden Fahrräder und Helme getauscht. Es wird Tischtennis gespielt, im Chemieunterricht ein Experiment gezeigt. In Biologie sind die einen das rote, sauerstoffreiche Blut, die anderen spielen das sauerstoffarme, venöse Blut und alle gemeinsam den Blutkreislauf des Menschen. Später wird mit farbiger Kreide vor dem Haus gezeichnet. Heutiges Thema: das politische Plakat, die Vorlagen, die von den Kindern zum Nachzeichnen benutzt werden, sind allerdings eher aufdringlich ideologische Sowjetposter. Ich erkenne das Ehrenmal aus dem Treptower Park in Berlin, allerdings fehlt das Hakenkreuz, das der Soldat zertritt, dafür zeigt er auf der Zeichnung eine verwegene Comicfrisur.

Wowa Milusch geht in die dritte Klasse, er ist elf, trägt heute einen dunklen Anzug. Wir sehen ihn zunächst in seiner Klasse und später beim Einzelunterricht. Hier widmet sich die Lehrerin eine ganze Unterrichtsstunde lang einem einzigen Kind; jedes erhält drei solcher Stunden pro Woche. Das ist natürlich teuer. Aber wie uns Tatjana versichert, klappt es seit zwei, drei Jahren wieder mit den Gehältern für die Lehrer, auch die Schulverpflegung ist gesichert.

Im Einzelunterricht übt Wowa Hören, Lippenlesen und Artikulieren. Er trägt Kopfhörer, die Lehrerin spricht in ein Mikrofon. Nach einer Weile verstehe ich ihn recht gut und höre auch, dass er das S noch nicht sprechen kann, stattdessen spricht er immer einen verschwommenen Zischlaut. Die Lehrerin nimmt seine Hand, spricht gegen seinen Handrücken, dass er den scharfen Luftzug spürt. Sie zeigt ihm die Position der Zunge im Mund, so gut man das eben zeigen kann, spricht ihm vor, wieder und wieder: "Ssssss". "Shhhh". Und wieder: "Ssssss". "Shhhh". Nein, noch hat er´s nicht. - Lehrerin und Schüler sind gleichermaßen erschöpft nach der Stunde. Sie lobt ihn, streicht ihm über den Kopf. Man sieht, wie gut es ihm tut. Es gibt, so weit von den Eltern fort, nicht viel Gelegenheit zum Kuscheln und Liebhaben.

Auf unserer Rückfahrt passieren wir die Grenze, als eben hinter dem Wachturm die Sonne untergeht. Wir haben nicht alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Wir waren nicht mit Jürgen Leiste im "Großen Moosbruch", einem einzigartigen Hochmoor. Wir haben der Aids-Hilfe keinen Besuch abgestattet. Der Schaffner bringt Tee. Wir könnten auf Gehörlosen-Russisch "Danke" sagen, das haben wir gelernt. Und "Auf Wiedersehen" auch. Wir werden wohl wiederkommen.

Die Recherche wurde gefördert mit Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung als ein Grenzgänger-Projekt. Ein Programm, das die Bosch-Stiftung gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin auflegt.


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00:00 19.05.2006

Ausgabe 38/2020

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