Kalligrafie der Vorstadt

Nicht in Berlin Pixação ist der wütende kleine Bruder des Graffitis. Rund 5.000 Schwarzmaler soll es in São Paulo geben
Marcio Siwi | Ausgabe 13/2016

Wenn Brasilien „nichts für Anfänger“ ist, wie der Komponist Antonio Carlos Jobim einmal sagte, dann ist São Paulo erst recht nichts für schwache Nerven. Nicht nur wegen des Lärms, des sozialen Gefälles, der verlassenen Gebäude und der Drogenabhängigen, die durch das berüchtigte Cracolandia ziehen, sondern auch wegen der Schrift an den Wänden. Auf so gut wie jeder Häuserwand oder Fassade steht etwas in dicker schwarzer Farbe. Besucher denken meist, es handle sich um Graffiti. Aber es sind keine Graffitis – es ist Pixação.

Auf den ersten Blick ist es schwer, die Stile auseinanderzuhalten. Aber bei Graffitis sind die Buchstaben runder und stilisierter, außerdem gilt meist: Je leuchtender die Farben, desto besser, was auch für Bilder und Figuren gilt. Im Gegensatz dazu arbeiten Pixadores nur mit Buchstaben. Ihre Kalligrafie setzt sich aus geraden Linien und scharfen Ecken zusammen, die den Pixos ein gezacktes, schroffes Aussehen verleihen. Sie sind vorwiegend schwarz – das Wort „pichar“ bedeutet im Portugiesischen „mit Teer bedecken“. Nur weil Pixos einfarbig und weniger stilisiert sind, heißt das aber nicht, dass sie keine Geschichte oder soziokulturelle Bedeutung hätten.

Heavy Metal

Der Stil, den wir heute als Pixação bezeichnen, tauchte in São Paulo in den 1980ern auf. Das Land war schrittweise auf dem Weg zur Demokratie, doch Politik war nicht das Einzige, was die Jugend beschäftigte – sie stand auch auf Heavy Metal. Die brachiale Gewalt von Bands wie Iron Maiden, Judas Priest, AC/DC und Metallica faszinierte sie ebenso sehr wie deren Alben-Cover – insbesondere die von Runen-inspirierte Typografie der Logos und Bandnamen.

In echter brasilianischer Manier verleibten sich die jungen Paulistanos diese Praxis ein. Es war der Anfang der Pixação: diese Form des Urban Writing inspirierte viele, ihre eigene Variante dieser Kalligrafie zu entwickeln. Heute soll es allein in São Paulo über 5.000 aktive Pixadores geben.

Auf der basalsten Ebene geht es um Eitelkeit, Ruhm und Eigenwerbung. Ruhm ist hier in erster Linie eine Frage von Quantität – erfahrene Pixadores rühmen sich damit, ihre Zeichen an nahezu jeder Wand der Stadt hinterlassen zu haben.

Neben Anerkennenung und Adrenalin ist der wichtigste Motor der Pixadores ihre Wut – und die richtet sich in erster Linie gegen die Stadt. Anders als Graffiti, das viele Pixadores als „zu kommerziell“ ablehnen, versucht Pixação den urbanen Raum regelrecht abzuwerten. Ein Pixador nannte es einmal einen „Angriff auf die Stadt“. Begriffe wie malen oder sprühen verwenden sie nie, sie sprechen stattdessen von „arrebentar“, „detonar“ oder „escancarar“ („zertrümmern“, „sprengen“ und „zerstören“).

Ihre Wut auf die Stadt ist nicht nur jugendliche Kraftmeierei. Das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit ist untrennbar mit der ungleichen Stadtentwicklung verknüpft, die in den 1940ern ihren Anfang nahm und sich bis heute fortsetzt. Bei dem Versuch, São Paulo in eine moderne Stadt zu verwandeln, setzten die Eliten damals auf ehrgeizige Stadterneuerungsprojekte. Neben Verbesserungen der Infrastruktur und dem Bau des gewaltigen Stadtparks Parque Ibirapuera war ein wesentliches Element der Bau modernistischer Wolkenkratzer.

Drakonische Strafen

São Paulo erfuhr unmittelbar nach dem Krieg einen noch nie dagewesenen Bauboom. Den wohlhabenderen Paulistanos, die im Zentrum lebten und arbeiteten, kamen diese Projekte zugute, auf das Leben der Arbeiterklasse aber hatten sie den gegenteiligen Effekt. Um São Paulo in die Stadt zu verwandeln, die den Reformern vorschwebte, wurde viel abgerissen, insbesondere aus der Mode gekommene Gebäude in der Innenstadt, in der die arme Arbeiterbevölkerung lebte. Da sie danach keinen erschwinglichen Wohnraum mehr im Zentrum finden konnten, blieben ihnen nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie gingen in eine der wachsenden Favelas der Stadt oder mussten sich in die Peripherie zurückziehen. Die meisten wählten den Stadtrand.

Das Leben dort war hart und ist es noch heute. Weit von der Innenstadt entfernt, fehlte es hier an der grundlegenden Dienstleistungsinfrastruktur, die man mit dem Leben in einer modernen Stadt assoziiert – ordentliche Müllentsorgung, fließendes Wasser, Straßenreinigung, Elektrizität, Krankenhäuser und Schulen. Ein bekannter Pixador formulierte es einmal so: „Pixação ist eine Spiegelung der Abwesenheit des Staats im Leben desjenigen, der sich entschließt, zum Pixador zu werden.“ Es ist kein Zufall, dass ihre bevorzugten Ziele modernistische Bauten im Stadtzentrum sind – insbesondere die prominenter Architekten wie Oscar Niemeyer.

Viele Pixadores sehen das, was sie machen, politisch. Für die städtischen Behörden und die „Opfer“ sind Pixadores Vandalen und ihre Gebilde „eine Stadtplage“, die vollständig ausgemerzt werden muss. Sie wehren sich mit allen Mitteln, doch trotz Hightech-Überwachungskameras, Bürgerwehren und drakonischen Strafen sind die Pixação heute verbreiteter denn je.

Graffiti-Künstler aus São Paulo wie Os Gêmeos haben internationale Bekanntheit erlangt und wurden mit Ausstellungen in der Londoner Tate und anderswo geadelt. Die lokalen Politiker sind seitdem toleranter gegenüber Graffiti, ja sogar stolz auf seine Wurzeln. Pixação hingegen bleibt illegal und Pixadores gehen ins Gefängnis, wenn sie erwischt werden. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass die Marktkräfte, die Graffiti vereinnahmt und akzeptabel gemacht haben, nun hoffen, ihnen könnte dasselbe mit Pixação gelingen. Pixação – und das Image des Pixadors als subersive Figur – wurde von internationalen Marken wie Puma bereits adaptiert, um Werbung für Sportartikel und Mode zu machen. Die von Pixação inspirierte Schriftart Adrenalina kann im Internet für 25 US-Dollar heruntergeladen werden.

Marcio Siwi schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 13.04.2016

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