Kampagne

Linksbündig Und der Gewinner ist ...

Über die international wohl bedeutendsten Auszeichnungen, die in der Filmbranche vergeben werden, über die so genannten Oscars, entscheiden keinesfalls Filmkritiker. Nein, die Oscarvergabe ist eine Mehrheitsentscheidung, die durch Abstimmung herbeigeführt wird. Das funktioniert fast wie in einer richtigen Demokratie: Der Bekanntgabe der Nominierungen gehen zwei Monate intensiver Kampagnenführung voraus, in denen die jeweiligen Produzenten mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln versuchen, die Aufmerksamkeit der knapp 6.000 abstimmungsberechtigten Mitglieder der Academy zu erregen.

Zu diesem Zweck werden Partys und Empfänge abgehalten, Anzeigen geschaltet und großflächige Plakate in ganz Los Angeles aufgehängt. Wie so mancher Provinzpolitiker hierzulande, der die ihm ergebenen Parteimitglieder mit eigens gemieteten Bussen von den Dörfern einsammelt, um sie zur entscheidenden Kampfabstimmung zu fahren, so sollen die besonders gewieften Filmproduzenten in Hollywood den "älteren Herrschaften" unter den Akademiemitgliedern Besuche abstatten, um sie mit Zuwendung gnädig zu stimmen. Aber das ist ein immer wieder dementiertes Gerücht. Ob etwas dran ist, ob gar als Bestechung auslegbare Geschenke gemacht werden, sei dahingestellt, es wird ohnehin klar: die Empfänge, die Anzeigen, die Plakate - das alles kostet Geld. Leisten können sich also die Oscarkampagne nur die sowieso schon wohlhabenden Kandidaten. Oder solche, die wohlhabende Gönner im Hintergrund haben. Auch das also wie im richtigen Leben.

Die Investitionen werden denn auch nicht nur wegen des künstlerischen Prestiges getätigt, den ein Oscar so mit sich bringt. 78 Jahre Praxis - am 25. Februar findet die Verleihung zum 79. Mal statt - haben zur Genüge bewiesen: Sowohl die Nominierung als auch der gewonnene Oscar lassen sich in bares Geld umrechnen. Die bedachten Filme, die noch in den Kinos laufen, bekommen mehr Zuschauer, die DVDs der Werke, die bereits abgelaufen sind, werden besser verkauft. Natürlich ist auch das wie im richtigen Leben: mit dem bloßen Einsatz von Geld ist es nicht getan. Der Kandidat sollte schon auch ein gewisses Charisma besitzen. Im Bezug auf die Oscars heißt das konkret: Rein kommerzielle Spaßfilme haben in der Regel keine Chance, ein bisschen Inhalt beziehungsweise künstlerischer Gehalt muss schon dabei sein. Die diesjährige Nominierungsliste, die als Kandidaten für den besten Film Alejandro Iñárritus Film Babel, Martin Scorseses Unter Feinden, Stephen Frears´ Die Queen, Clint Eastwoods Letters from Iwo Jima und dazu noch die Independent-Komödie Little Miss Sunshine aufführt, ist für das Akademie-Verhalten beispielhaft. So undurchsichtig und lobbyistenhaft die Kampagnen auch geführt werden, so ausgeglichen ist am Ende das Ergebnis: Die großen Blockbuster wie DaVinci Code und Fluch der Karibik II sind aus dem Rennen, bedacht wurde jener Mainstream des "guten Films", an dessen Fortexistenz die Hollywood-Produzenten, auch wenn sie damit nicht ihr Hauptgeschäft machen, doch sehr interessiert sind, weil er das Image der Filmindustrie als einer aktuellen und sich am Puls der Zeit befindenden stärkt. Das Ganze macht im Übrigen einen Teil der weltweiten Attraktivität der Oscars aus und gleicht auch darin ein wenig der gesamten US-amerikanischen Demokratie: Was für die einen nach einer korrupten und elitengelenkten Entscheidungsfindung aussieht, gilt anderen als der Inbegriff des fairen Ausgleichs von Interessen im Spiel der Mächte.

Auch ein deutscher Film hat es mal wieder geschafft, in die Vorschlagsliste des "besten fremdsprachlichen Films" zu kommen: Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck. Und man geht sicher nicht falsch in der Annahme, dass sich dieser schöne internationale Erfolg einer effektiven Lobby-Arbeit verdankt. Im Los Angeles fernen Deutschland wettert derweil ein Produzent gegen die Branche der deutschen Filmkritik, die an ihren Lesern vorbei schrieben, Publikumserfolge wie Das Parfüm abschätzig bewerteten und Filme wie Valeska Griesebachs Sehnsucht, die außer einer erlesenen Schar von 24.000 keiner gesehen habe, in den Himmel lobten. Die Empörung von Produzentenseite kann eigentlich nur verwundern, liefert er doch mit diesen Zahlen den besten Beweis dafür, dass die deutsche Filmkritik, was die Beeinflussung von Zuschauerzahlen und Kinobesuchen angeht, eine völlig machtlose Lobby ist. Was im echten Leben auch ein Stück Freiheit bedeutet.


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00:00 26.01.2007

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