Kein Ruck vor dem Schluck

Tarifrunde Mit harten Bandagen treten die Gewerkschaften jedenfalls nicht an

"Die Wirtschaft brummt, profitieren wieder nur die Bosse?" Mit dieser populistischen Formulierung reklamiert selbst der stramm neoliberale Wirtschaftssender n-tv eine Teilhabe der Lohnarbeiter am gefeierten Konjunkturaufschwung. Dagegen signalisiert das Management, für die anstehenden Tarifverhandlungen in Schlüsselbranchen wie Metall und Chemie seien höchstens drei Prozent möglich - nicht mehr als beim Metall-Abschluss 2006.

Ein Teil des IG-Metall-Vorstands wollte diesmal gar sieben Prozent verlangen. Beschlossen wurden schließlich 6,5 Prozent. Offenbar sollte die Differenz zum späteren Abschluss nicht überhand nehmen. Angesichts steigender Arbeitszeiten, sinkender Reallöhne, wachsender Leistungshetze und zahlloser Konzessionen etwa beim Weihnachts- und Urlaubsgeld in den zurückliegenden Jahren wäre eine überdurchschnittliche Lohnerhöhung zwar überfällig - die Frage ist nur, wie steht es um die gewerkschaftliche Kampfkraft?

Der strukturelle Wandel im Lohngefüge könnte abermals einen Strich durch die Rechnung machen, denn die Flächentarife sind längst durchlöchert. Besonders in Ostdeutschland haben viele Betriebe den Tarifverbund verlassen. Auch innerhalb der Tarife gibt es zusehends die Konzentration auf Kernbelegschaften. Durch befristete Leiharbeit bleiben viele Beschäftigte jenseits des Branchentarifs, auch wenn sie im gleichen Unternehmen arbeiten. Außerdem haben nicht nur die großen Konzerne mittels "Outsourcing" ganze Belegschaftsteile in wesentlich niedriger bezahlte Dienstleistungsbranchen einsortiert. Nach überstandener Arbeitslosigkeit finden sich viele ehemalige Industriearbeiter in prekären Beschäftigungen außerhalb von Sozialversicherungspflichten wieder. Der oft beklagte Mitgliederschwund der Gewerkschaften ist auch darauf zurückzuführen - die aus den Tarifreservaten Verstoßenen fühlen sich nicht mehr vertreten.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren war es integraler Bestandteil von Tarifforderungen, besonders die unteren Lohngruppen anzuheben. Heute gilt die Devise: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die zuletzt mageren Tariferhöhungen ziehen das allgemeine Lohnniveau nicht mehr mit, stattdessen reißt die gewollte Lohnspreizung stets tiefere Gräben auf.

Ohnehin grassiert auch unter tariflichen Vollzeitarbeitern die Angst, wie sich das gerade bei Airbus und in der Autoindustrie zeigt. Ganz unabhängig von der konjunkturellen Oberfläche wirken Rationalisierung und Globalisierung ungebremst weiter. Warum ist in allen Branchen der Krankenstand auf das niedrigste Niveau seit Einführung der Lohnfortzahlung gefallen? Weshalb schleppen sich selbst Grippekranke noch an ihren Arbeitsplatz?

Die gewerkschaftliche Ausrichtung auf schrumpfende Kernbelegschaften geht mit einer schwindenden Durchsetzungsfähigkeit einher. Von einem Durchbrechen der Branchengrenzen, einem resoluten Aufbegehren in Sachen Mindestlohn - gar einer gesellschaftlichen "Massenstreik"-Debatte ist natürlich nicht die Rede. Zu groß scheint die Furcht vor Kontrollverlust.

Wenn jetzt die leicht abgegriffene Formel vom "Schluck aus der Pulle" kursiert, verweist die Begründung auf den allseits beschworenen Aufschwung. Es ist ein altes Problem der Gewerkschaften, dass sie ihre Forderungen nicht an die Lebensbedürfnisse, sondern "volkswirtschaftlich" an die Akkumulationsfähigkeit des Kapitals binden. Dennoch gab es in der Vergangenheit - wie vage auch immer - im Hintergrund die Frage nach der sozialen Alternative. Nach dem Untergang des Staatssozialismus gähnt auf dieser Baustelle nur noch ein schwarzes Loch. Was aber, wenn sich der weitgehend von globalen Defizitkreisläufen (etwa der einseitigen chinesischen Exportindustrialisierung) abhängige Konjunkturfrühling abermals als wetterwendisch erweisen sollte? Mit harten Bandagen treten die Gewerkschaften jedenfalls nicht an. Es wird sich zeigen, wie weit die alten Rituale noch tragen.


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00:00 23.02.2007

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