Keiner kann an etwas anderes denken

Im Gespräch Edward Muallem, Künstlerischer Leiter der Theatergruppe ASHTAR in Ramallah über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer Theaterarbeit in Palästina

Theaterspielen in Palästina muss mehr sein als reiner Kunstgenuss - das zumindest haben sich die beiden Schauspieler Edward Muallem und Iman Aoun vorgenommen, als sie 1991 das Theaterzentrum ASHTAR gründeten. Das erklärte Ziel ASHTARs ist es, durch Theaterarbeit zur Stärkung des kulturellen Bewusstseins beizutragen. Edward Muallem ist einer der Pioniere und Iman Aoun eine der prominentesten weiblichen Darstellerinnen der palästinensischen Theaterbewegung, für die es bis heute keine institutionalisierte Ausbildung gibt. Außer mit der Inszenierung von Stücken für ein zahlendes Publikum, beschäftigt sich ASHTAR, seit letztem Jahr in staatlichem Auftrag, mit dem Aufbau von Theaterkursen an Schulen (ein Novum in der arabischen Welt) und dem sogenannten "Forumtheater", einem von Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" inspirierten Erarbeitung von Inszenierungen mit Betroffenen, bei der Lösungsstrategien für soziale Probleme entwickelt werden. Das Interview mit dem künstlerischen Leiter von ASHTAR, Edward Muallem, fand Ende Februar in Ramallah statt.

FREITAG: Wie ist die Situation für ASHTAR seit Beginn der Intifada?

EDWARD MUALLEM: Wir hatten zuvor sechs richtig gute Jahre, in denen wir unser Programm als Theatergruppe entwickeln konnten, auf Tournee gegangen sind, in der Region und weiter weg. Seit dem Ausbruch der Intifada sind wir nun auf Ramallah beschränkt. Heute zum Beispiel war geplant, einen Workshop außerhalb von Ramallah zu geben, nur zehn Kilometer entfernt, aber wir mussten ihn wegen der politischen Situation absagen. So etwas passiert inzwischen fast jeden Tag. Wir hätten in Bir Zeit auftreten sollen, aber die Schule wurde geschlossen, weil alle Lehrer von außerhalb kommen und heute nicht durchgelassen worden wären. Das Gleiche passiert mit unseren Mitarbeitern, wir sind normalerweise 13 Personen, heute nur vier; neun kamen nicht hierher.

Will zur Zeit ü berhaupt jemand Theater sehen, geschweige denn Geld dafür bezahlen?

Unsere Zielgruppe sind die Jugendlichen; wir gehen in die Schulen und spielen dort. Vor der Intifada sind wir in die Flüchtlingslager gegangen, in Frauenzentren, jetzt können wir das nicht mehr, wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Letztes Jahr haben wir eine Art Zertifikat von der Regierung bekommen, mit dem wir in den staatlichen Schulen auftreten können. Wir arbeiten hautsächlich in der Region Bethlehem, Ramallah und El-Bireh.

Was für eine Art Theater machen Sie?

Im Moment machen wir hauptsächlich "Forum-Theater" nach Augusto Boal. Wir entwickeln jedes Jahr eine Aufführung mit Themen, die die palästinensische Gesellschaft bewegen, politische und soziale Probleme. Dieses Jahr geht es um die Jugendlichen. Wir wollen das Leben unter der Intifada zeigen, wie alles davon beeinflusst wird, in der Schule oder zu Hause. Was passiert zum Beispiel mit einem kleinen Jungen, dessen Vater arbeitslos ist, der die Schule verlassen muss, um auf der Straße Zeitungen zu verkaufen, weil die Familie kein Geld hat. Er verliert seine Schulausbildung, seine "Kindheit" und zum Schluss versuchen auch noch die Israelis, ihn auf ihre Seite zu bringen. Er wird zum Kollaborateur.

Das ist eines Ihrer Hauptthemen: die Kollaboration mit den Israelis, die die Kinder benutzen, um an Informationen heran zu kommen.

Wir versuchen diese Problematik auf die Bühne zu bringen. Beim zweiten Durchgang kann das Publikum eingreifen und Anregungen oder Lösungen zu dem Problem vorschlagen.

Welche Vorschläge gibt es da?

Das ist schwer zu sagen, wir arbeiten mit verschiedenen Ausgangssituationen. Eine davon spielt im Gefängnis. Manchmal wird vorgeschlagen, dass er (der Junge) die Zusammenarbeit mit den Israelis auf jeden Fall verweigern soll. Oder, falls die Israelis es geschafft haben, etwas aus ihm herauszukriegen, dass er, wenn er entlassen wird, seinen Freunden alles erzählen soll, anstelle zu verheimlichen, dass er zum Beispiel Informationen über ihre Väter weitergegeben hat. Letztlich geht es darum, demokratische Strukturen auf den Punkt zu bringen. Man muss einander zuhören, auch wenn man nicht der gleichen Meinung ist. Das ist praktizierte Demokratie.

In einem anderen Programm erarbeiten wir zusammen mit Kindern ein Stück. Da geht es dann um alles Mögliche, um die Zukunft, darum, dass das Leben schön ist oder wie man es schöner machen kann. Das ist nicht direkt politisch, es geht um die Gestaltungsmöglichkeiten der Kinder, darum, wie sie ihre unmittelbare Umgebung verbessern können.

Benutzen Sie literarische Vorlagen?

Dieses Jahr haben wir eine große Produktion gemacht in Kooperation mit Jordanien und Tunesien. Sie heißt Of Soil and Crimson und beruht auf der Mythologie. Wir haben einzelne Geschichten verwendet und daraus ein Stück gemacht über die "Wurzeln" der Palästinenser. Es ist ein wirklich gutes Stück, in Tunesien haben wir einen Preis dafür bekommen. Allerdings können wir es im Moment nicht aufführen, weil die Schauspieler aus Jordanien nicht hereinkommen. Wir sollen es im Mai in Bethlehem spielen, aber jetzt wissen wir nicht, was daraus wird.

Wie kann man angesichts der aktuellen Lage eigentlich überhaupt Theater machen?

Es ist natürlich schwierig und das Dumme ist: Man beginnt, sich an die Besatzung zu gewöhnen. Und das ist wirklich schlecht. Wir müssen weitermachen, es wird ein langer Prozess werden, dorthin zurückzukommen, wo der Friedensprozess vor zwei Jahren aufgehört hat. Wir müssen also irgendwie weitermachen, wir können nicht mit unserem Leben aufhören.

Gibt es unter diesen Umständen eine künstlerische Entwicklung?

Die stagniert, wir haben keine ausländischen Gäste zur Zeit, die Leute haben Angst vor der ungewissen Situation. Deshalb arbeiten wir im Moment nur für uns, es gibt keinen Austausch mit anderen. Und das ist fatal. Vor einigen Jahren haben wir noch Austauschprojekte mit Schauspielern aus anderen Ländern, aus Deutschland, aus der Schweiz, organisiert. Das hat seit Monaten komplett aufgehört. Es wird immer härter, wir versuchen irgendwie weiter zu machen, Ideen zu entwickeln.

Werden Sie unterstützt?

Von den Schulen bekommen wir kein Geld für unsere Arbeit. Die meisten Auftritte sind kostenlos. Wir haben Mäzene, die unsere Arbeit unterstützen, bis jetzt. Von den Schülern bekommen wir etwa zehn Prozent des Ticketpreises, das ist mehr ein symbolischer Akt.

Wie reagieren die Schüler, mögen sie das Theaterspielen?

Sie lieben es. Die Schüler tragen Vieles in sich, was sie gerne ausdrücken würden. Sie sind sehr aktiv, wollen auf die Bühne und etwas sagen. Darüber sind wir sehr froh.

Geben Sie den Schülern ein bestimmtes Instrumentarium, um sich auszudrücken?

Wir versuchen es. Die Form des Forum-Theaters ist den meisten erst mal fremd. Manche sind geschockt, wenn sie hören, dass sie auf die Bühne sollen, um ihre Ideen darzustellen. Anfangs sind sie ängstlich, aber mit freundschaftlicher Ermunterung gehen sie dann auf die Bühne und entdecken, dass es großen Spaß macht.

Gibt es eine Theaterausbildung in Palästina?

ASHTAR ist bis jetzt die einzige Organisation, die Theatertraining durchführt. Wir haben 20 Lehrer aus verschiedenen Schulen, denen wir zwei Jahre lang mit Intensivkursen beibringen, wie sie an ihren Schulen Theaterarbeit machen können. Das sind Englischlehrer, Arabischlehrer, Mathelehrer, keine Theaterspezialisten, aber sie sind daran interessiert, Theater an ihren Schulen zu machen.

Gibt es eine Theatertradition in Palästina?

Es gibt die alte Tradition der Geschichtenerzähler. Theater hatte es in diesem Land immer schwer wegen der fortdauernden Besetzung, auch gab es keine Möglichkeiten, Theater zu studieren, deshalb kann man sich hier auf keine Tradition stützen. Das einzigartige in Palästina ist heute, dass Theaterarbeit zum ersten Mal in der arabischen Welt überhaupt Bestandteil des regulären Unterrichts geworden ist.

Mit welcher Intention ist das Theaterspiel in den Schulunterricht aufgenommen worden?

Theaterspielen ist Teil eines künstlerischen Programms, das Drama, Musik und Malerei umfasst. Es geht hauptsächlich um eine Sensibilisierung der Sinne, darum, wie man Charaktere in einer Rolle anlegt und um Stücke, auch internationale, Shakespeare, Brecht und andere. Es geht uns natürlich auch darum, den Schülern einen Weg zu eröffnen in Richtung Theater. Bislang haben wir in Palästina vielleicht acht oder neun Leute, die Theater studiert haben, größtenteils in Osteuropa, die anderen sind Amateure.

Könnten Sie sich vorstellen, im Moment zum Beispiel Shakespeare zu spielen?

Im Moment nicht, wir merken, dass es zur Zeit wichtig ist, unsere aktuelle Situation mit einzubeziehen. Wir versuchen, nicht direkt über den Krieg zu sprechen, sondern über die Auswirkungen, die die Okkupation auf unser tägliches Leben hat. Jeder spricht zur Zeit über die Intifada, es ist "die Zeit der Intifada". Die Künstler arbeiten darüber, die Schriftsteller auch, es scheint, keiner kann an etwas anderes denken.

Wäre es nicht wichtig, den Leuten zu ermöglichen, an etwas anderes zu denken?

Das funktioniert aber nur mit den kleineren Kindern, mit denen muss man noch nicht ständig über die Intifada reden. Die älteren würden uns wahrscheinlich für verrückt erklären, wenn wir versuchen würden die Intifada auszublenden.

Das Gespräch führte Andrea Kasiske

00:00 12.04.2002

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