Keksreste, Tee trinken

Politische Fastenzeit Der Ausnahmezustand hinterlässt Resignation und Apathie. Ein Stimmungsbild aus Ankara
Achim Wagner | Ausgabe 25/2018
Keksreste, Tee trinken
Ankara liegt in der Steppe, die Stadt wächst, und sie hat den Platz, sich auszudehnen

Foto: Zuma Press/Imago

Im Zentrum von Ankara, in Kızılay, liegt der Güvenpark, der in den frühen Jahren der türkischen Republik nach Plänen des österreichischen Architekten Clemens Holzmeister gestaltet wurde. Die Anlage ist eine von zahlreichen städtebaulichen Hinterlassenschaften europäischer Ingenieure, Städtebauer und Bildhauer, die im Auftrag von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und seiner Regierung am Aufbau der neuen türkischen Hauptstadt beteiligt waren. Hier bin ich mit Hüseyin, einem befreundeten Bauingenieur, verabredet. Hüseyin kommt mit der Metro von einer Baustellenbegehung an der Peripherie der Innenstadt zurück.

Ankara liegt in der Steppe, die Stadt wächst, und sie hat den Platz, sich auszudehnen. Trabantenstädte für den neuen türkischen Mittelstand entstehen mit modernen Hochhäusern, Grünanlagen, kleinen künstlichen Seen, Einkaufszentren und Sicherheitsdiensten. „Ich könnte dort selbst nicht leben“, erzählt Hüseyin, „mir ist das alles zu glatt, zu unpersönlich, aber es gibt tatsächlich Leute, die das genau so haben wollen, die genau in einer solchen Nachbarschaft leben möchten.“

Wir verlassen den Park durch eine Unterführung und geraten in eine Routinekontrolle der Polizei. Ein Hinweis auf den Ausnahmezustand, der nach dem misslungenen Putschversuch vom 15. Juli 2016 verhängt und seitdem noch nicht wieder aufgehoben wurde, auch wenn Staatschef Recep Tayyip Erdoğan während des Wahlkampfes angedeutet hat, dass nach dem Votum eventuell damit zu rechnen sei – nach einer kurzen Überprüfung unserer Ausweise dürfen wir weiter.

Parolen von gestern

Wir schlendern nach Tunalı, einem wohlhabenden Stadtviertel Ankaras, in dem die westlichen Einflüsse unübersehbar sind. Hüseyin wohnt hier mit seiner Frau Derya und dem Sohn Özgür, in einem Haus, das seinen Schwiegereltern gehört.

Bei unserem Spaziergang fällt mir auf, dass der öffentliche Raum weit weniger für politische Agitation genutzt wird, als das noch in den vorangegangenen Jahren der Fall war: ein kopierter A6-Zettel einer linken Gruppierung an einem Laternenpfahl mit dem Hinweis auf eine anstehende Lesung revolutionärer Gedichte, ein paar Straßen weiter gerät eine ältere gesprühte Parole gegen die Regierung an einer Mauer in den Blick. Ein konkreter Bezug zu den bevorstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am 24. Juni findet sich nicht.

Noch im Vorfeld des Verfassungsreferendums, bei dem am 16. April 2017 über die Einführung eines Präsidialsystems abgestimmt wurde, waren die Wände und Straßen voll mit „Nein“-Aufklebern, mit den Plakaten und Schriften der Gegner des Präsidialsystems. „Ich denke, selbst die hartnäckigsten Aktivisten werden irgendwann müde, wenn sie keine Erfolge erzielen“, meint Hüseyin, als ich ihn auf die Diskrepanz anspreche. „Überhaupt hat sich bei vielen Linken und auch Liberalen eine Art Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Umständen eingestellt, ebenso bei mir, ich spreche kaum noch über Politik. Das Gleiche gilt für mein Umfeld. Wir sind immer noch keine Freunde der Regierung, aber wir versuchen uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren.“ – „Also legt ihr, legst du auch keine Hoffnungen oder Erwartungen in die anstehenden Wahlen?“, frage ich.

Hüseyin wiegt den Kopf. „Ich weiß nicht, ob der Ausgang der Wahlen wirklich relevant für unsere Zukunft ist. Ich glaube, dass hier jeder weiß, dass unser Land eine existenzielle Zeit erlebt und dass selbst die nahe Zukunft nicht vorhersehbar ist, egal wer die Wahl letztendlich gewinnt. Schau dir einfach an, was allein in den vergangenen Jahren alles passiert ist, du hast das meiste ja selbst miterlebt. Die Proteste 2013, die Terroranschläge, der Putschversuch, der Krieg in Syrien, die Flüchtlinge. Dazu kommen die wirtschaftlichen Turbulenzen, der Verfall der Lira, die Probleme im Bildungssystem. Und viele Schwierigkeiten und Konflikte entspringen der Vergangenheit, den 1980er, den 1990er Jahren, der Zeit vor der AKP. Es reicht nicht, nur gegen Erdoğan und die AKP zu sein. Es fehlt schlicht an einer alternativen Vision, besonders an konkreten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Ideen.“ Hüseyin unterbricht sich und lacht: „Jetzt rede ich doch wieder über Politik. Komm, lass uns einen Tee trinken ...“ – „Und abwarten, was passiert“, ergänze ich. Hüseyin nickt: „Genau das, abwarten, was passiert.“

Notration für den Tag

Wir gehen zu einem kleinen Café, das Freunde von Hüseyin betreiben, und bestellen zwei Tee. Hüseyin zieht eine angebrochene Tüte mit Keksen aus seiner Tasche und hält sie mir hin. „Nimm, es sind noch ein paar da. Das sind die Reste einer Notration, um durch den Tag zu kommen“, sagt er. „Es war ja gerade Ramadan und Derya packte mir morgens immer was Kleines ein. In meinem Büro fasteten alle anderen. Dadurch fielen auf der Arbeit das gemeinsame Frühstück und das Mittagessen für eine Weile aus.“

Nach einem weiteren Tee verabschiedet sich Hüseyin zu Derya und Özgür.

Ich streife weiter durch die Straßen, die Sonne ist untergegangen, junge Paare schlendern Hand in Hand, die Lokale füllen sich mit Familien. An einem Kiosk, dessen Besitzer ich seit mehreren Jahren kenne, hole ich mir einen türkischen Kaffee in einem Pappbecher. Ein paar Meter weiter sitzt ein Roma-Mädchen auf einem Plastikhocker vor einem Schaufenster und spielt auf einem Akkordeon.

Achim Wagner ist Schriftsteller und lebt in Ankara sowie in Berlin

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