Belfast, du schwierige Heimat

Kino Kenneth Branagh zeigt in „Belfast“ die Stadt seiner Kindheit, wie er sie als Junge wahrnahm. Die „Troubles“ werden so zu einer Art Western

Da gibt es diesen herrlichen Moment nach etwa einer Stunde von Belfast, in dem sich die Liebe für das Kino ebenso manifestiert wie der Taumel der im Zentrum stehenden Familie. Wir sind mit dem neunjährigen Buddy (Jude Hill), seinen Eltern (Caitriona Balfe, Jamie Dornan), der Granny (unschlagbar: Judi Dench) und seinem älteren Bruder (Lewis McAskie) im Kino, in Ken Hughes Musical-Fantasyfilm Tschitti Tschitti Bäng Bäng. Und in jener Szene, in der ein Auto über eine Klippe rast, kippt die Familie selbst mit großen Augen nach vorne, ein immersiver, freier Fall, bis das Auto im Film, ein magischer Moment, Flügel bekommt und über das Meer und die Klippen hinwegfliegt.

Der Abgrund, in den Buddy, seine Schwester und seine Eltern blicken, ist ein brutaler: In ihrer Heimatstadt Belfast brechen Ende der 1960er Jahre die „Troubles“ aus, der Nordirlandkonflikt mit bürgerkriegsartigen Kämpfen zwischen Protestanten und Katholiken. Wie in einer Stadt leben, in der plötzlich Molotowcocktails durch die Straßen fliegen und Panzer auffahren? Zugleich: Wie, allen Widrigkeiten zum Trotz, die über alles geliebte Stadt verlassen, in der jeder jeden kennt, in der die Kinder auf der Straße spielen, in der die gesamte Identität fest verankert ist?

Genau in diesen Konflikt wirft Kenneth Branagh, der die Regie und das Drehbuch verantwortet hat, die Familie hinein. Vor allem aber wirft er ein großes Stück seiner eigenen Geschichte hinein. Er selbst stammt aus einer protestantischen Arbeiterfamilie, die Belfast zu Beginn der Ausschreitungen 1969 in Richtung England verließ. In Interviews erzählte Branagh, Belfast sei sein bisher persönlichster Film. Er ist eine liebevolle Hommage an seine Heimatstadt geworden, die der Schauspieler und Regisseur unter anderem als einen „Akt der Dankbarkeit“ der Stadt gegenüber, die viel für ihn getan habe, empfindet.

Belfast ist damit ein weiterer Film in dieser Zeit des großen kinematografischen Erinnerns. Erst Ende 2021 erschien mit Die Hand Gottes Paolo Sorrentinos Auseinandersetzung mit dem Lebensgefühl seiner Jugend im Neapel der 1980er Jahre, Paul Thomas Anderson erzählte in seinem erst kürzlich gestarteten Licorice Pizza eine Boy-meets-Girl-Geschichte in seiner Heimat San Fernando Valley zwischen Erinnerungen, Fiktion und realpolitischem Zeitkolorit. Mit beiden hat Belfast Oscarnominierungen gemein, Branaghs Film ist für sieben Goldstatuen nominiert, unter anderem als bester Film, für die beste Regie und das beste Originaldrehbuch.

Hafen, Kräne, Kreuzfahrtschiffe

Der Film beginnt wie ein aktuelles, vor Farben leuchtendes Postkartenmotiv der nordirischen Hauptstadt: Die Kamera fliegt über den Hafen, Kräne, Kreuzfahrtschiffe, türkis schimmerndes Wasser, die Sonne scheint; ein Flug über die Stadt, die Gebäude spiegeln sich in Fenstern. Dann eine Wand, darauf ein Mural mit neun Dockarbeitern und dann dahinter: eine Welt in Schwarz-Weiß, eine lebendige Straße im August 1969.

Damit sind wir mittendrin in diesem Film, den Branagh aus der Perspektive von Buddy erzählt. Er ist sein Alter Ego, dieser Junge mit den großen Augen, durch die die Welt von Belfast etwas Kindlich-Entrücktes erhält: einen Filter, genährt aus Branaghs eigenen Erinnerungen, die zu einer bewusst subjektiv zugespitzten Erzählung voll zelebrierter Nostalgie werden, zu der der nordirische Musiker Van Morrison den Soundtrack liefert. Die Figuren sind liebevoll-idealistisch bis an die Grenzen der Karikatur gezeichnet: die starke Mutter, der schuftende, vorbildliche, beschützende Vater, die exzentrischen Großeltern. Der feiste Pfarrer schwitzt bei seiner gebrüllten Predigt – „Welche Straße willst du nehmen!?“ – und hinterlässt damit gewaltigen Eindruck bei dem Jungen. Buddy streunt durch die Straßen, verknallt sich in eine katholische Mitschülerin und versucht mit der „Gang“ um Moira (Lara McDonnell) Pralinen aus einem Süßwarenladen zu stehlen.

Erste Liebe und Brandsätze

Sicher, der Schrecken ist allgegenwärtig: Gleich zu Beginn wird die urbane Unbeschwertheit der Bewohner des Arbeiterviertels jäh durch einen Brandsatz gestört, Barrikaden werden errichtet, Buddys „Pa“, der wochenweise zur Arbeit nach England verschwindet, wird mit Gewalt dazu genötigt, sich den Aufständlern gegen die Katholiken anzuschließen. „Es gibt keine zwei Seiten, das ist alles die verdammte Religion, und das ist das Problem“, erklärt Pa seinem Sohn. Doch trotz der Gewalt ist Belfast vor allem das sehnsuchtsvolle Porträt einer nordirischen Familie, eine Erzählung über Heimat. Der Vater denkt ans Auswandern, bringt Prospekte mit von Kanada und Australien, während Buddy bleiben möchte, wo er ist. Seine Sehnsuchtsorte sind die fantastischen Film- oder Theaterwelten, die im Film nicht umsonst verheißungsvoll in Farbe erstrahlen. „Es gibt leider keine Straße von unserem Teil Belfasts nach Shangri-La“, sagt die Granny einmal traurig mit Bezug auf jenen fiktiven, friedvoll-harmonischen Ort aus Frank Capras Klassiker In den Fesseln von Shangri-La.

Im irischen Original fällt extrem häufig das Wort „bloody“ als Vorbote des Blutsonntags, infolgedessen der Nordirlandkonflikt eskalierte – am 30. Januar hat sich der Tag zum 50. Mal gejährt. Auch erzählt Belfast davon, dass Heimatflucht nicht freiwillig passiert. Wie das Auto in Tschitti Tschitti Bäng Bäng stürzt in Belfast niemand ab, aber der Preis ist hoch.

Info

Belfast Kenneth Branagh Großbritannien 2021; 98 Minuten

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