Killing Field Banda Aceh

Die Krisenprovinz im Norden Sumatras Der australische Hauptmann John Oddie will herbeischaffen, "was gebraucht wird" - der indonesische General Bambang Darmono will "gültige Papiere" sehen

"Wahrscheinlich sind hier mehr als 80.000 Menschen ums Leben gekommen", sagt Michael Elmquist, Chef des UN-Büros zur Koordinierung der humanitären Hilfe für Indonesien, als er eine Woche nach dem Inferno in der Provinz Aceh die Küstenstadt Meulaboh im äußersten Norden von Sumatra besucht. "Das Epizentrum des Seebebens lag nur 150 Kilometer von Meulaboh entfernt. Deshalb wurde dieses Gebiet in zweifacher Weise heimgesucht, durch schwere Erdstöße und die nachfolgende Flutwelle. Folglich bieten sich uns hier überall Bilder des Grauens und Entsetzens." Selbst die normalerweise höchst geschäftige Metropole Banda Aceh gleicht acht Tage nach der Flut einer Geisterstadt. Stellenweise kaum mehr ein Schatten ihrer selbst.

Internationale Hilfe erreicht Aceh erstmals am 29. Dezember, als die Behörden in Jakarta den Tod von über 45.000 Menschen bekannt geben. Keine 72 Stunden zuvor hat die Regierung des erst Mitte September gewählten Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono noch voller Zuversicht zu verstehen gegeben, man werde "die Krise allein und mit eigenen Mitteln" bewältigen. Erst als die killing fields von Aceh, über die Trupps erschöpfter Leichenträger irren, immer gigantischere Ausmaße annehmen, lenkt Jakarta ein - die Provinz wird wenigstens einen Spalt breit für ausländische Hilfsteams geöffnet. Doch darf nur eingreifen, wer sich der strikten Kontrolle der Armee unterwirft. Der Gouverneur von Aceh entscheidet, wo Hilfssendungen entladen und deponiert, wie und an wen Nahrungsmittel oder Medikamente verteilt werden. Ein in jeder Hinsicht überflüssiger Anschauungsunterricht, wie der nach Jahren des Kriegsrechts verhängte "zivile Notstand" in einer akuten Notlage funktioniert.

Flüchtlinge, die in den Außenbezirken der Hauptstadt lagern, klagen darüber, dass sie Reissäcke - sofern ihnen überhaupt welche zugeteilt werden - aufschneiden und zweiteilen müssen. Trinkwasser sei derzeit ebenso wenig vorhanden wie medizinische Hilfe. Derartige Mängel - glaubt Michael Elmquist - müsse man vorzugsweise auf die zerstörte Infrastruktur zurückführen. Straßen seien unpassierbar, Brücken weggeschwemmt.

Gewiss, daran kann es keinen Zweifel geben, allerdings lässt sich der Eindruck nicht verhehlen, dass den indonesischen Behörden das Engagement der ausländischen Hilfsteams in Aceh nicht sonderlich willkommen ist. Hauptmann John Oddie, der die australische Luftbrücke nach Sumatra koordiniert, resümiert unverhohlen: "Ich kann Gabelstapler bringen und den Leuten zeigen, wie man sie bedient. Ich kann alles herbei schaffen und einfliegen lassen, was hier und jetzt benötigt wird." Doch lässt General Bambang Darmono, einer der Kriegsveteranen, die Aceh zu bieten hat, schnörkellos mitteilen, Hauptmann Oddie solle "morgen wieder kommen", wenn er gültigen Papiere vorweisen könne.

Unter Kuratel

Eine solche Brüskierung offenbart das Dilemma. Wenn in einer seit langem, aus Sicht der Zentralregierung "unruhigen", doch weltweiter Aufmerksamkeit entzogenen Region Verheerungen dieses Ausmaßes geschehen, haben die Mächtigen allen Grund, jene "Katastrophen" zu verschweigen und zu vertuschen, die von Menschenhand verursacht wurden und der "Befriedung" Acehs dienen sollten.

Knapp 1.800 Kilometer von Jakarta entfernt und an der seit Jahrhunderten strategisch wertvollen Straße von Malakka gelegen, war die mehrheitlich muslimische Provinz einst einer der potentesten Handelsplätze Südostasiens. Die Sultane Acehs lehnten sich mit ihrem Anhang gegen die holländische Kolonialherrschaft auf und erwarteten als Gegenleistung, in dem seit 1945 unabhängigen Indonesien als autonome Region anerkannt zu werden. Den damaligen Präsidenten Ahmed Sukarno kümmerte dieses Begehren wenig, im Gegenteil: Der Zentralstaat wollte unbedingt der Patron bleiben und die mit Rohstoffen (Öl und Erdgas sowie Edelhölzer) gesegnete Region auf keinen Fall aufgeben. Gegen dieses Diktat formierte sich nach Jahrzehnten des passiven Protestes schließlich bewaffneter Widerstand, als 1976 der heute im schwedischen Exil lebende Hasan di Tiro die Bewegung Gerakan Aceh Merdeka (GAM/ Freies Aceh) gründete, die inzwischen nach eigenen Angaben 6.000 Mann unter Waffen hält und einen unabhängigen Staat durchsetzen will (der ökonomisch gute Überlebenschancen hätte). Immerhin verdankt der Zentralstaat etwa 20 Prozent seiner jährlichen Einnahmen den Ressourcen Nordsumatras, während in all den Jahren nur ein Bruchteil dessen in infrastrukturelle Vorhaben, in das Gesundheits- oder Bildungswesen zurückfloss.

Das Rückgrat brechen

Während der Suharto-Ära (1966-1998) wurde Aceh gar zur Military Operational Zone und später zum Exerzierfeld für diverse Formen von "counterinsurgency" (Aufstandsbekämpfung) erklärt. "Mindestens 100.000 Menschen wurden bisher durch den Konflikt entwurzelt. Menschenrechtsgruppen in der Region schätzen indes die Zahl der Flüchtlinge auf das Doppelte", schrieb bereits am 16. August 1999 die Washington Post.

Mehr als 12.000 Menschenleben sind seit 1976 als Opfer dieses schwelenden Bürgerkrieges zu beklagen. Human Rights Watch und Amnesty International berichten über Folter, "außergerichtliche Hinrichtungen", Vergewaltigungen und das Niederbrennen von Gemeinden, die verdächtigt werden, mit Aufständischen zu sympathisieren.

Bisher fiel es der Regierung unter dem Suharto-Zögling und Ex-Sicherheitsminister Yudhoyono leicht, im Schlepptau des von den USA geführten "Feldzuges gegen den Terror" ohne nennenswerte Kritik aus dem Ausland gegen die GAM vorzugehen. Es war Yudhoyono, der noch Ende 2003 die Fortdauer des Kriegsrechts in der Provinz für sechs weitere Monate als notwendig begründete und jeden Hinweis darauf vermied, ob und wann jemals wieder Verhandlungen mit der GAM aufgenommen werden könnten. Die hatten im Dezember 2002 in Genf begonnen, waren jedoch schon fünf Monate später an unüberbrückbaren Differenzen gescheitert.

Was folgte, war die nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ehemaligen portugiesischen Kolonie Osttimor (1975/76) größte Militäroperation in der Geschichte Indonesiens, an der sich seit Mai 2003 über 40.000 Soldaten beteiligten. Der GAM sollte endgültig das Rückgrat gebrochen werden. Der damalige Chef der Kriegsrechtsverwaltung und Oberkommandierende des Militärkorps in Aceh, Generalmajor Endang Suwaryo, meinte, man werde "stets und unverzüglich" von der Schusswaffe Gebrauch machen, eine solche "Schocktherapie" gegen Mitglieder der GAM sei unumgänglich. Wer derartige "Therapien" hofiert, dem ist zuzutrauen, Naturkatastrophen kaltblütig in ein Kalkül zur "Eliminierung" des Gegners einzubeziehen.


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00:00 07.01.2005

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