Klima in die Klassen!

Klimakrise Pauline Brünger macht dieses Jahr Abitur. Über die Erderwärmung bekam sie in der Oberstufe genau einen Text zu lesen

Die Klimakrise ist die größte Bedrohung, der die Menschheit momentan gegenübersteht. Es scheint unfassbar, dass immer noch so viel Unwissen über sie herrscht. Und vor allem, dass nicht einmal im Schulunterricht ein angemessener Umgang mit ihr gefunden wird.

Das Wissen über die Klimakrise sowie ihre Folgen und Ursachen haben wir mittlerweile seit Jahrzehnten. In dieser Zeitspanne hat die Politik jedoch nicht nur dabei versagt, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um die Klimakrise einzudämmen. Sie hat ebenso grundlegend dabei versagt, über die drohende Katastrophe zu sprechen.

Ich bin mittlerweile 18 Jahre alt, mache dieses Jahr mein Abitur und blicke auf drei Jahre gymnasiale Oberstufe zurück. Während dieser drei Jahre habe ich in der Schule exakt einen Text zu Folgen der Klimakrise gelesen. Einen.

Dieser Text behandelte die Zuverlässigkeit von Klimaprognosen, die Blütezeit von Forsythien (die heute 17 Tage früher als sonst einsetzt) und – das muss man dem Text lassen – er erwähnt die zu erwartende Erwärmung der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts. Gänzlich unerwähnt bleiben jedoch die Folgen der Klimakrise für unsere Generation, für Menschen des globalen Südens, die Bedrohung durch Dürren, Missernten und Naturkatastrophen, welche Lebensräume unbewohnbar machen. Kein Wort auch zum 2015 verabschiedeten Pariser Klimaschutzabkommen. Wer diese Klimakrise verursacht hat? Sorry, darauf hatte der Text leider keine Antwort.

Pauline Brünger, 18, lebt in Köln und wird in diesem Frühjahr ihr Abitur ablegen. Sie engagiert sich bei Fridays for Future, seit es die Bewegung in Deutschland gibt, ist Sprecherin und Mitorganisatorin. Ein Gespräch zwischen ihr und Jakob Augstein können Sie im der-Freitag- Podcast auf Spotify, Apple Podcasts oder podcast.freitag.de nachhören

Wenn wir in der Schule in anderen Kontexten doch mal über Ursachen geredet haben, dann ging das nie über die typische Konsumkritik hinaus: Es wird Kindern und Jugendlichen erklärt, dass sie die Schuldigen an jeglichen Umweltproblemen sind, weil sie am Wochenende Nutella aus Palmöl gegessen und zu Weihnachten ein neues Handy bekommen haben. Dass nur 100 Konzerne über 70 Prozent der weltweiten Emissionen verursachen, das habe ich in der Schule nie gehört.

Wir können also festhalten: Die Klimakrise wird in der Schule nicht oder nur sehr wenig behandelt. Dabei wäre Bildung zu diesem Thema so wichtig. Um die Klimakrise noch wirksam eindämmen zu wollen, brauchen wir Veränderungen in Wirtschaft, Politik und unserem alltäglichen Leben, die so riesig sind, dass sie fast unmöglich erscheinen.

Um all das aber dennoch möglich zu machen, braucht es eine Gesellschaft, die bereit für diesen Wandel ist und die versteht, dass die Klimakrise sehr radikale Maßnahmen nicht nur rechtfertigt, sondern erfordert. Wenn das Thema aber immer nur in Nebensätzen abgehandelt wird, dann erscheint es logisch, dass das nötige Bewusstsein nicht entsteht.

So etwas ist wahrscheinlich bei vielen Themen ein Problem, doch da bleiben meist Jahrzehnte Zeit für Veränderung. Veraltete Werte können sich langsam verabschieden, während sich neue festsetzen. Bei der Klimakrise ist uns diese Zeit jedoch nicht gegeben: Wenn wir weiter emittieren wie bisher, dann haben wir in weniger als acht Jahren alle Emissionen ausgestoßen, die mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar sind. Mit jedem Jahr, in dem wir jetzt klimapolitisch untätig bleiben, müssen die Emissionen im darauffolgenden Jahr drastischer sinken. Wir haben planetare Grenzen – sie zu überschreiten, wäre das Fatalste, was wir als Menschheit tun können.

Unser Umgang mit der Klimakrise in den Schulen steht stellvertretend dafür, dass eigenes Denken kaum unterstützt wird. Lebensrealitäten der Schüler*innen finden kaum Aufnahme in den Unterricht. Nicht selten habe ich das Gefühl, dass wir dazu erzogen werden, still zu sein und unseren Verstand auszuschalten. Dass wir nicht über das hinausdenken sollen, was uns Lehrpläne oder sonstige Autoritäten vorgeben. Wir lernen: Etwas Eigenes einbringen oder Verändern, das ist nicht möglich.

Dabei gibt es nichts, was wir momentan mehr brauchen, als Menschen, die aktiv werden und die Möglichkeiten unserer Demokratie überall dort ausschöpfen, wo es möglich ist. Dass unsere Schulen progressives Denken und Handeln so stark unterbinden, wie sie es tun, macht mir Angst.

Bildung zur Klimakrise ist dringend notwendig. Ein Schulsystem, das zu Demokratie und Selbstermächtigung ermutigt, ist dringend notwendig.

Wenig Zeit bleibt, um gegen die Klimakrise aktiv zu werden, und noch weniger, um darauf zu warten, dass andere es tun. Dies ist ein Aufruf, die Klimakrise in alle Klassenzimmer, Lehrerkonferenzen, Wohnzimmer und Elternabende zu tragen. Fragen zu stellen. Genau dort, wo es unbequem wird.

Die Klimakrise aufzuhalten – das geht. Aber nur, wenn jetzt alle mit anpacken.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 06.03.2020

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 16