Klima? Outsourcen!

Grüne FDP Mit der Ampel könnte die Öko-Vision der Liberalen Realität werden: Höher, schneller, weiter – Wasserstoff holen wir im Ausland! Wo ist der Haken?
Klima? Outsourcen!

Illustration: der Freitag

Nach innovativen Lösungen suchen, den Rest regelt der Markt – so einfach geht Klimapolitik! Die Versprechen des Liberalen-Chefs Christian Lindner sind Musik in den Ohren von SUV-Fahrerinnen und all jenen, die zwar irgendwie auch das Klima retten, aber keine „Ökowende“ wollen. Im Land der „Tüftler und Denker“ sei man sehr wohl in der Lage, die Klimakrise zu lösen – und zwar ohne Verbote und Verzicht, so die Botschaft. Bei den Sondierungen von SPD, Grünen und FDP ist die Klimapolitik ein zentrales Thema.

Vielen Menschen, die bei der Wahl ihr Kreuz bei der FDP gemacht haben, gefällt die Idee, dass man den Klimawandel bekämpfen kann, ohne sich einschränken zu müssen. Im Gegensatz zu den Erzählungen der Grünen oder von Fridays for Future über eine „Transformation“ durch Konsumverzicht und Entschleunigung hebt die Logik der Liberalen darauf ab, dass wir ziemlich komfortabel aus der Klimakrise kommen – wenn wir uns nur schlau anstellen. Die Suche nach den besten Wegen solle man der „Kreativität und dem Erfindergeist von Technikerinnen und Ingenieuren überlassen“, wirbt der klimapolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Lukas Köhler.

Höher, weiter, schneller, bis wir kliman-.eutral als Weltraumtouristen zum Mond fliegen! Rolls-Royce kündigt an, Ende 2023 seinen ersten E-Luxusliner zu präsentieren. Elon Musk will die ersten Tesla Model Y in Brandenburg im Dezember vom Band rollen lassen. Läuft doch! Wo ist der Haken?

Das große Versprechen der FDP basiert in erster Linie auf der Wunderwaffe Wasserstoff. Er wird vor allem in der Industrie gebraucht, um extrem CO2-intensive Stahlwerke klimaneutral zu machen – ist aber auch der Rohstoff für E-Fuels. Seine Herstellung ist derzeit noch ineffizient und teuer: Die Kilowattstunde erneuerbarer Wasserstoff kostet rund das Zehnfache von Erdgas und braucht enorme Mengen grünen Strom. Bisher wird Wasserstoff deshalb fast ausschließlich mit fossilem Strom oder aus Erdgas hergestellt.

Wer den Wasserstoff-Traum träumt, muss also erneuerbare Energien ausbauen. Das heißt, mindestens zwei Prozent der Landesfläche als Windkraftflächen ausweisen, Solarpflicht auf den Dächern einführen und Hochspannungsleitungen quer durch Deutschland legen. Unter der Großen Koalition ging das zu langsam: Die Hürden für den Zubau wurden größer, die Energiewende blieb in langwierigen Genehmigungsverfahren stecken.

Doch der freie Markt weiß auch hierfür eine Lösung. Einfach Wasserstoff in Drittländern produzieren! Entsprechende Deals gibt es schon: „Australiens Sonne für Europa“ heißt so einer. Gleichzeitig lotet die Bundesregierung Potenziale in Afrika aus. So erklärte die noch amtierende Forschungsministerin Anja Karliczek die westafrikanischen Länder zum „klimafreundlichen Powerhouse der Welt“. Ein interaktiver Atlas des Forschungszentrums Jülich weist dort vielversprechende „Hotspots“ für Solar- und Windstrom aus.

E-Fuels aus Chile herschiffen

Länder wie das westafrikanische Benin haben bislang allerdings eine Elektrifizierungsrate von 30 Prozent, auf dem Land sogar nur von sieben Prozent. Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem „Powerhouse“ hat nachts noch nicht einmal eine Glühbirne. Darüber hinaus warnen Experten vor einem hohen Wasserverbrauch bei der Erzeugung grünen Wasserstoffs in solchen warmen Regionen – und vor politisch instabilen Verhältnissen. Der Transport nach Europa ist noch völlig ungeklärt.

Auch in der Ukraine möchte die deutsche Regierung Windparks installieren, um damit Wasserstoff herzustellen und diesen durch die alten Erdgasleitungen nach Deutschland zu transportieren. Abgesehen davon, dass es diese Windparks noch nicht gibt und auch noch keine Produktionsanlagen, ist unklar, ob die Tausende Kilometer langen Leitungen für den Wasserstofftransport überhaupt geeignet sind. Derzeit kann in Erdgasleitungen nur ein minimaler Anteil des Gases beigemischt werden. Sollte Wasserstoff das Erdgas irgendwann ersetzen, müsste die gesamte Infrastruktur umgerüstet werden, inklusive Verdichter- und Verteilstationen. Auch die russischen Nord-Stream-Leitungen wurden von den Betreibern schon damit legitimiert, dass man ja irgendwann Wasserstoff von Russland nach Deutschland bringen könne.

Ein Lieblingsbeispiel für den Erhalt fossiler Technik durch Innovation ist der klimaneutrale Verbrennungsmotor. Die Zauberformel dafür sind die genannten synthetischen Kraftstoffe. Anfang September setzten der Sportwagenhersteller Porsche und Siemens Energy den ersten Spatenstich für eine Pilotanlage in Chile, wo Windräder den Strom für die Herstellung von Wasserstoff produzieren sollen, aus dem dann klimaneutraler Kraftstoff erzeugt werden soll – 130.000 Liter ab 2022, so der Plan. Die werden dann einmal um die Welt nach Deutschland verschifft. So sollen Porsche-Fans guten Gewissens zur Shoppingmall fahren.

Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) ist von diesem Plan wenig überzeugt: „Die Herstellung von E-Fuels erfordert eine hohe und ausreichende Menge von zusätzlichen erneuerbaren Energien, die weder im Konflikt zur Energieerzeugung noch mit Umwelt- oder Sozialstandards vor Ort stehen dürfen.“ Hinzu kommt, dass Chile selbst noch großen Bedarf an grüner Energie hat. „E-Fuels sollten besser in Deutschland hergestellt werden, dies stärkt die Wertschöpfung und Innovationen“, meint Kemfert daher.

CDU und Liberale warben in ihren Wahlprogrammen aber nicht nur für die Auslagerung der Produktion grünen Stroms ins Ausland, sondern auch für die des CO2-Mülls selbst. Weltweit wird die unterirdische Speicherung des Klimagases vorangetrieben – auch CCS genannt (Carbon Capture and Storage). Damit könnten Industrieanlagen klimaneutral werden, ohne ihre Produktion umstellen zu müssen. Das CO2 wird dort, wo es frei wird, abgefangen. Das geschieht über so genannte Abscheidetürme, die neben den Anlagen gebaut werden. Meist wird es mit einem so genannten Waschmittel und großer Hitze von den übrigen Abgasen getrennt und eingefangen. Komprimiert und verflüssigt, kann es dann über Pipelines und Tanker in ein Endlager überführt werden.

Geeignete Orte sind leer gepumpte Gas- oder Ölfelder in tiefen Sedimentschichten oder Basaltformationen unter dem Meeresgrund. Doch auch CCS braucht zusätzliche Energie: Ein Kohlekraftwerk mit CCS-Technik müsste bis zu 40 Prozent mehr Energie produzieren – allein um seine Treibhausgase wieder einzufangen. Alle Pilotprojekte in der EU für die „grüne Kohle“ sind bisher gescheitert, Milliarden Euro Fördergelder wurden in den Sand gesetzt. Und mittlerweile geht es nicht nur um Kohle, sondern auch um CO2-Müll aus der Industrie. Pilotprojekte gibt es schon: Der norwegische Ölkonzern Equinor will 100 Millionen Tonnen CO2 (rund ein Achtel der jährlichen deutschen Treibhausgasemissionen) bis 2050 in der Nordsee verpressen.

In Deutschland ist die Technik verboten, auch aufgrund von Protesten. Doch je enger es bei den deutschen Klimazielen wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Deutschland mit anderen Ländern entsprechende CO2-Müll-Kooperationen eingeht oder selbst nach Lagerstätten sucht. So will der Konzern Heidelberg Cement das Angebot der Norweger nutzen und probeweise sein CO2 aus einem Werk dort entsorgen (der Freitag 30/2021).

Unter die Erde mit dem Zeug

Allerdings kostet das pro Tonne CO2 rund 100 Euro, während der Preis des Europäischen Emissionshandels aktuell „nur“ bei 60 Euro liegt. Es ist derzeit also deutlich billiger, seinen CO2-Ausstoß durch den Kauf von Zertifikaten zu legitimieren. Die EU will diese Speicher nun ein zweites Mal mit Milliarden unterstützen.

Wer in Deutschland möglichst wenig ändern, die CO2-Bilanz aber trotzdem verbessern möchte, kann dann noch „Offsetting“ betreiben. Dabei werden mit Klimaprojekten in anderen Ländern Treibhausgase eingespart – meist in jenen Ländern, wo dies am billigsten ist. Die Einsparungen können sich dann deutsche Unternehmen oder die Bundesregierung auf ihre Klimaziele anrechnen. Dazu zählt das Aufforsten von Wäldern, aber auch der Einsatz holzsparender Öfen oder der Bau von Windparks.

Diese Idee findet auch unter Liberalen viele Anhänger, denn es sei „für das Klima irrelevant, an welcher Stelle CO2 eingespart wird“, so heißt es in deren Wahlprogramm. Allerdings haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass es häufig an Kontrollen mangelt. Es gibt Menschenrechtsverletzungen, etwa durch Vertreibungen, und fragwürdige Berechnungen der CO2-Ersparnis. Außerdem: Sollte Deutschland mit jährlich rund acht Tonnen pro Kopf den Klimaschutz wirklich in Länder wie Uganda (0,12 Tonnen pro Kopf) auslagern, weil es „billiger“ ist?

Liberale und Teile der Union sind mit ihrer Auslagerungs-Vision jedoch nicht allein: Auch die neue Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ der Deutschen Energie-Agentur dena geht in diese Richtung. Demnach stößt Deutschland auch noch 2045 rund 150 Millionen Tonnen Treibhausgase aus. Die sollen dann unterirdisch verpresst oder aus der Luft gefiltert werden. So sieht sie aus, die Energiewende-Zukunft der FDP: Unsere Sportwagen laufen mit E-Fuels aus Südamerika, unsere Industrie mit grünem Wasserstoff aus Westafrika, Australien oder der Ukraine, unseren CO2-Müll verbuddeln wir dann in Norwegen oder den Niederlanden.

Damit wäre die Uridee der Energiewende gestorben. Denn die war als dezentrale, lokale Lösung für Energie-Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit angedacht. Die große Erzählung war, Deutschland endlich autark zu machen – und die Corona-Krise zeigte kürzlich die Schattenseiten der Abhängigkeit vom anderen Ende der Welt. Zudem sind viele dieser Lösungen technologisch keineswegs ausgereift. Auf sie zu bauen, ist ein Risiko und könnte das Überleben der fossilen Energien ungewollt verlängern.

Es handelt sich bei dieser Vision um eine Erste-Welt- und Erste-Klasse-Lösung, die extrem teuer ist und im Zweifelsfall auf dem Rücken von armen Menschen ausgetragen wird. Und das nicht nur in den Entwicklungsländern: Auch hierzulande bezahlen alle die Subventionierung von solchen Megaprojekten – wenn diese scheitern, fehlen die Gelder an anderer Stelle. Vor allem, wenn Steuererhöhungen ausgeschlossen werden und an der Schwarzen Null festgehalten wird.

Für liberale Experimente ist keine Zeit. Die nächste Regierung erbt von der Großen Koalition eine Umsetzungslücke: Bei einem Weiter-so würde Deutschland 2030 doppelt so viel Treibhausgase ausstoßen, wie 1,5-Grad-kompatibel wäre. Die nächsten vier Jahre müssen eine radikale Wende einleiten. Die Frage ist deshalb nicht, ob, sondern wie die Energiewende gemacht wird. Auch darüber entscheiden die Sondierer in ihren Hinterzimmergesprächen.

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06:00 15.10.2021

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