Knie an Knie

Sportplatz Kolumne

Machen Sie, lieber Leser, liebe Leserin, sich mal frei! Untenrum natürlich, was glauben Sie denn? Gehen Sie schon mal vor, ich folge Ihnen dann auf die Toilette. Auf Ihre Toilette in Ihrer Wohnung natürlich. Wo denn sonst?

Dort urinieren Sie in einen Becher. Den habe ich mitgebracht, nein, so etwas müssen Sie nicht vorrätig halten. Dass ich den stelle, ist doch selbstverständlich. Ihnen sollen doch keine Unannehmlichkeiten entstehen.

Warum ich von Ihnen verlange, vor meinen Augen zu urinieren? Woher ich mir das Recht nehme, Ihr Geschlechtsteil anzustarren? Na, Sie machen mir Spaß. Ich mache das nicht zu meinem Vergnügen. Ich mache das alles nur für Sie! Damit kein falscher Verdacht auf Sie fällt! Damit es nicht heißt, Sie hätten was zu verbergen! Sie erreichten Ihre Leistungen auf unnatürlichem Wege! Sie hätten verbotene Substanzen zu sich genommen! Wenn ich Sie hier und heute auffordere, mit mir zusammen aufs Klo zu gehen, dann hat das nichts mit Verdächtigen zu tun! Nein, nein, damit da ja kein falscher Zungenschlag hereinkommt! Sie sind einfach nur ausgewählt worden, nach Zufallsprinzip. Und jetzt lassen Sie schon Ihre Hosen runter. Ich habe auch nicht ewig Zeit.

Sie können gerade gar nicht? Na gut, ich kann warten. Bei Ihnen in der Wohnung natürlich. Gemütlich haben Sie´s hier. Aber aufräumen könnten Sie schon mal. Für den Fall, dass unangemeldeter Besuch hereinschneit.

Was? Sie müssen jetzt los? Hier ist das Telefon. Sagen Sie Ihren Termin ab! Ich werde nicht von Ihrer Seite weichen, bis Sie Ihre Probe abgegeben haben! Nein, wir vereinbaren keinen späteren Termin. Ich werde verhindern, dass Sie zwischendurch pinkeln, ohne dass ich zuschaue. Oder ein verschleierndes Mittel nehmen. Das sehen Sie doch wohl ein, oder? Ja wirklich, das Einzige, was Ihnen bleibt, ist dass Sie jetzt und hier solange Wasser trinken, bis Sie endlich können. Also müssen.

Sie verpassen einen Flug, sagen Sie. Dass Sie heute irgendwohin fliegen wollten, davon weiß ich gar nichts. Und ich müsste davon wissen. Sie hätten mich schon verständigen müssen, dass Sie verreisen wollten. Das sehen Sie doch wohl ein. So machen Sie sich natürlich verdächtig. Und falsche Verdächtigungen wollen wir, ich und meine Behörde, auf keinen Fall haben.

Schon gestern habe ich Sie nicht angetroffen - obwohl Sie meinen Unterlagen zufolge hätten zu Hause sein müssen. Wo waren Sie? Bei Ihrer Freundin haben Sie übernachtet. Das soll ich Ihnen glauben? Ich sage Ihnen eins: Ich muss Ihnen gar nichts glauben. Sie haben mir unaufgefordert Ihren Aufenthaltsort mitzuteilen - ständig. Immer, wenn ich es möchte, haben Sie mich in Ihre Wohnung zu lassen. Oder in die Wohnung Ihrer Freundin. Oder in Ihr Hotelzimmer. Ich will Ihnen nicht hinterher spionieren, ich bin nur an der Wahrheit interessiert. Also trinken Sie jetzt!

Was, Sie haben keinen Durst, Sie wollen jetzt nichts trinken? Natürlich trinken Sie jetzt. Mineralwasser, Leitungswasser, meinetwegen Bier. Aber Sie trinken! Unter meiner Aufsicht! Was sagen Sie? Ihr Klo zu Hause sei so klein, da passten wir gar nicht zusammen rein? Ausreden haben Sie, das geht ja auf keine Vor, äh, Kuhhaut. Tschuldigung, aber Spaß muss sein! Nein, ernsthaft: Wenn es so klein ist, dann behelfen wir uns mit einem Spiegel. Das geht, weil Sie ein Mann sind, und das Ganze im Stehen absolvieren. Wären Sie eine Frau, wäre das noch weniger ein Problem. Eigentlich geht die Regel "Knie-an-Knie" - wir setzen uns so, dass unsere Knie sich berühren - Sie sitzen auf der Schüssel und ich davor. Aber das nehme ich nicht so genau. Hauptsache, ich sehe alles. Was gucken Sie da so erschrocken? Ah - ich weiß, was Sie denken. Nein, Frauen kontrolliere ich nicht. Bei Frauen schaut meine Kollegin beim Pinkeln zu. Das wäre ja sonst ein Eingriff in die Intimsphäre einer Frau ... wenn ich als Mann ... Nein, nein, wir sind ja keine Unmenschen, das machen wir nicht.

Was, wenn Sie einfach die Kontrolle verweigern? Mich vor die Tür setzen? Laut schimpfen, das sei unmoralisch, was ich da von Ihnen verlange? Lesen Sie doch bitte in den Vorschriften nach: Eine verweigerte Kontrolle wird als positives Ergebnis gewertet. Sie gelten als gedopt. Dass Sie in den nächsten Jahren Ihren Sport nicht ausüben dürfen, liegt auf der Hand. Das sehen Sie doch ein. Oder nicht?

Und nun trinken Sie.

Die Glosse basiert auf den Durchführungsbestimmungen von Dopingkontrollen, wie sie im deutschen Sport tatsächlich angewendet werden.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare