Knigge für jeden Tag

Die Ratgeberin Respekt, Wertschätzung und die richtigen Schuhe: Wie leicht das Leben wird, wenn man sich zu benehmen weiß
Susanne Berkenheger | Ausgabe 06/2016 10
Knigge für jeden Tag
Vorsicht! Braune Schuhe gefährden den Kontakt zu Ihren Kollegen

Foto: Giuseppe Cacace/AFP/Getty Images

Mit Respekt und Wertschätzung begegnet seinen Kollegen, wer nach 18 Uhr keine braunen Schuhe trägt. Niemals. Wer so Zeugs weiß, hat es einfacher im Leben. Behauptet Barbara Kleber im Knigge für jeden Tag. Und sie hat recht. Denn während es mir ziemlich leichtfällt, nach 18 Uhr keine braunen Schuhe zu tragen, habe ich immer wieder große Schwierigkeiten, Respekt und Wertschätzung all meinen Mitmenschen gegenüber zu empfinden. Ich brauche nur zehn Minuten im Internet rumzulesen, schon bin ich in Rage. Dann hilft Knigge! Ich entwickle opulente Fantasien des guten Benehmens. Meist beginnen sie damit, dass ich von einem besonders üblen Internetvollschreiber unbekannterweise zu einer spontanen Feier eingeladen werde, und zwar nach 18 Uhr. Sofort erkenne ich meine Chance.

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Sardonisch grinsend gehe ich zum Schuhschrank. Aber: keine braunen Schuhe drin. Macht nichts. Mit einem Comicmarker aus dem angrenzenden Jugendzimmer kreiiere ich mir flink besonders braune Ausgehschuhe. Diese werden dem Gastgeber formvollendet meine Missbilligung zeigen. Nie wieder wird er es wagen, mich einzuladen! In wilder Vorfreude verlasse ich das Haus. Direkt davor fällt mir ein: Was, wenn der grässliche Gastgeber aus einem Kulturkreis oder Milieu stammt, in dem braune Schuhe als besondere Form der Höflichkeit und Ehrerbietung gelten? Nein, nein, nein. Das darf nicht passieren. Ich haste zurück in die Wohnung, um schnell noch eine Verspätungs-E-Mail zu schicken, die keinen einzigen Großbuchstaben enthält, dafür jede Menge sarkastische Späße. Nach Barbara Kelbers Knigge für jeden Tag ein unmissverständliches Signal, dass ich den Empfänger sehr, sehr geringschätze.

Kaum habe ich die Mail abgeschickt, blitzt ein neuer peinigender Gedanke auf: Bekommen nicht gerade Leute, die ich besonders respektiere, immer wieder E-Mails voller kleingeschriebener Sarkasmen von mir zugesandt – als Zeichen meiner Wertschätzung? Was, wenn sich das schon bis in die Kreise, die ich mit meinen braunen Schuhen demütigen will, herumgesprochen hat? Du machst dich jetzt nicht verrückt, sage ich mir. Du kaufst unterwegs Blumen, die du im Papier überreichst, stellst dich als Prof. Dr. Soundso vor, obwohl du gar kein Prof. Dr. bist, und dann kannst du noch diesen ausgelatschten Fremdschuh hier (vom Mann) in die Runde werfen. Ich stecke das Ding in meine Tasche und klingle. Hinter der Tür ertönen Schritte.

Die Mentalität von Leuten mit dieser Gangart kenne ich. Das sind so Leute, die nicht aus einem anderen Kulturkreis kommen, sondern das immer anderen unterschieben. Wenn ich nachher den ausgelatschten Schuh in meiner Tasche auf deren Esstisch schleudere, denken die: Da, wo die herkommt, gilt das sicher als Ausdruck übergroßer Kennenlernfreude, als Eisbrecher. Solche Leute können mich in Rage bringen. Aber es kommt noch schlimmer: Die Tür geht auf, und ich sehe Socken im Türrahmen. Braune Socken! Hektisch gehe ich die mir bekannten Möglichkeiten durch: fremder Kulturkreis, kniggefernes Milieu, bewusste Respektlosig-keit meiner Person gegenüber, Schuhe nachzukaufen vergessen, Überanpassung nach Häufung von Respektlosigkeiten. Alzheimer? Alles Unsinn. Tatsächlich bin ich im Land der vollkommen bedeutungslosen Socken, also zu Hause. Der Sockenträger erzählt, was er gerade Empörendes im Internet gelesen hat. Er ist total in Rage. Ich wedle mit dem Knigge.

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06:00 13.02.2016

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