Kohl-Urteil

STASI-AKTEN UND WAIDMANNS-FRUST Die Sammler und Jäger werden keine Ruhe geben

Als die letzte Volkskammer der DDR vor mehr als einem Jahrzehnt das Stasi-Unterlagengesetz verabschiedete, hatte sie ein Motiv: Die Art, wie Unrecht auf den Weg gebracht wurde, sollte nicht einfach weggeschlossen, sondern als warnendes Lehrbeispiel gegen das Verdrängen gesetzt werden. "Bewältigung" von Vergangenheit sollte also nicht Selbstzweck, sondern Lernprozess sein. In etwa diesem Geist wurde das Gesetz für den Einigungsvertrag übernommen und unterschrieben. Heraus kam ein Vehikel, das beliebig instrumentalisiert werden konnte. Es wurde vornehmlich dann auf die Reise geschickt, wenn daraus "personelle Konsequenzen" erwuchsen. Das hatte sehr bald nichts mehr mit Geschichtsbewältigung zu tun, schon gar nichts mit dem Großreinemachen, bevor man eine fremde Wohnung betritt, sondern wurde benutzt, um diejenigen, die da rein wollten, grundsätzlich zu verteufeln. Je prominenter die Figur, der man "Kontakte" - bald spielte auch keine Rolle mehr, welcher Art sie waren - nachsagen konnte, desto höher die verkaufte Auflage einer Zeitung. Desto größer der Igitt-Igitt-Effekt. Die Methode, Menschen zu Objekten zu machen, sie zu benutzen, feierte fröhliche Auferstehung. Selbstverständlich galt das für die, die aus dem Osten kamen. Das westdeutsche Reinheitsverdikt wäre so amtlich bestätigt worden, wären nicht ein paar selbstgemachte Flecken dazu gekommen. Ohne diese Flecken auf der Weste wäre auch keiner auf die Idee gekommen, die Akte Kohl aus dem Schrank zu ziehen. An der nun allerdings abprallt, was bislang so schön reibungslos funktionierte.
Aufregung, Geschrei. Keine Schonung für DDR-Funktionäre, die auf der Basis des Kohl-Urteils prozessieren könnten, heißt es auf der einen Seite, keine Ungleichbehandlung zwischen Menschen aus Ost und West auf der anderen. Die wird vorerst noch unterstützt von Politikern, die eine Wahl gewinnen wollen. Aber es steht so gut wie fest, dass mindestens die bislang so eifrigen Sammler, Jäger und Richter keine Ruhe geben werden - auf die Gefahr hin, selbst schuldig zu werden. Wenn es nämlich sowieso nicht um Lehren aus der Geschichte geht, dann wäre es doch gelacht, wenn das lustige Personen-Abschießen durch eine Figur wie Kohl auf Dauer unmöglich werden würde. Schließlich weiß keiner so recht, was "Bewältigung" heute heißen soll. Aufdecken und Wegstecken? Aufdecken, ausschlachten und die Personen in das Schattenreich Sicherheitsdienste schieben? Aufdecken, Methoden filtern, darauf achten, dass die dann auch nicht mehr verwendet werden können? Das ist am allerwenigsten gemeint. Ohne Skrupel wird nämlich von Personen an der Macht ein Begriff wie "uneingeschränkte Solidarität" benutzt. Eben jener Begriff, der zu den Lieblingsvokabeln des Staatssicherheitsdienstes gehörte und dessen Verhaltensmuster weben half. Ein Begriff, der das Denken delegiert und den einzelnen Menschen verwendbar - unter Umständen zum Täter - macht. Hätte "Geschichtsbewältigung" auch nur ein einziges Mal funktioniert, dann müsste jeder Politiker, der so redet, den Hut nehmen.

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00:00 15.03.2002

Ausgabe 39/2020

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