Kollektiv und Kollekte

Griechenland Eine Sozialapotheke hilft, das Leben von Armen und Kranken zu schützen
Kollektiv und Kollekte
„Glück, das ist einfach eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.“ (Ernest Hemingway)

Fotos[M]: Plainpictures, Getty Images

Giorgos, dessen rechtes Hosenbein länger ist als das linke, humpelt eine Athener Seitenstraße entlang. An einem Haus, das so aussieht wie die anderen, bleibt er stehen und seufzt drei Stufen bis zur Haustür hinauf. „Guten Morgen. Wie geht es Ihnen heute?“, fragt Dimitris Souliotis im Foyer und zeigt auf einen weißen Gartenstuhl. „Setzen Sie sich.“ Giorgos hat einen Zettel in der Hand. Dimitris nickt, verschwindet im Hinterzimmer und kommt mit drei Packungen Tabletten zurück. Giorgos legt zum Dank die rechte Hand aufs Herz und geht, ohne zu bezahlen. Weil er nicht kann und es hier nicht muss.

Souliotis ist weder Mediziner noch Apotheker, sondern Seefahrer im Ruhestand. Einer, der nicht mehr zusehen konnte, wie Menschen darunter leiden, jede Fürsorge entbehren zu müssen. Vor sechs Jahren gründete er deswegen eine Sozialapotheke im Athener Viertel Vyronas. Seither steht der 81-Jährige von Montag bis Samstag in einem Geschäft, das keine Geschäfte macht, nimmt Arzneispenden entgegen und verteilt sie kostenfrei an Bedürftige – Arbeitslose, Obdachlose, Geflüchtete. Auch an jeden anderen, der etwas braucht. Wegen gesunkener Löhne und gekürzter Renten bleibt bei vielen Griechen wenig bis kein Geld übrig, um nötige Medikamente zu bezahlen.

Sie war Englischlehrerin

Laut einer OECD-Studie vom Vorjahr ist Griechenland einer der EU-Staaten, in denen es besonders schwierig ist, den persönlichen Bedarf an Gesundheitsversorgung abzudecken, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass in Griechenland die Eigenleistungen – vor allem bei Medikamenten – überdurchschnittlich hoch sind. „Zu uns kommen Pensionäre, die sich zwischen einem Abendessen und einer Packung Herztabletten entscheiden müssen“, sagt Dimitris, während er nach der Patientenkarte einer älteren Dame sucht, die gerade mit einem neuen Rezept vor ihm wartet. Auf dieser Karte steht – um Missbrauch zu vermeiden –, welche Medikamente bereits vergeben wurden und wie oft. Dimitris streift mit dem Finger über seine Bestände, kneift die Augen zusammen, um den Namen besser lesen zu können, wird schließlich fündig und schreibt auf die Verpackung, wie oft das Medikament einzunehmen ist. Die Kundin bedankt sich und geht, zügig und beinahe lautlos. „Viele schämen sich dafür, dass sie auf unsere Spenden angewiesen sind“, erzählt Dimitris. Deswegen versuche er, während jemand auf sein Mittel warte, ein Gespräch zu führen, damit der nächste Besuch in seiner Apotheke ohne Hemmung vonstatten geht.

Seit Beginn der Finanzkrise wurde das staatliche Budget, mit dem der Kauf von Medikamenten subventioniert wird, mehr als halbiert. 2010 wurden dafür noch 4,37 Milliarden Euro in die Hand genommen. 2017 nur noch 1,94 Milliarden. Ein weiterer Grund, warum die Schere zwischen Arm und Reich in diesem Land so heftig auseinanderklafft. Wer selbst nicht genug oder überhaupt kein Geld verdient, ist angewiesen auf selbstorganisierte Kollektive, die sich in den zurückliegenden Jahren gebildet haben. Sie betreiben Hospitäler, Ambulanzen, Zahnarztpraxen und eben Sozialapotheken wie die in Vyronas.

Eine Frau mit weißen Strähnen im Haar betritt den Laden mit zwei großen Plastiktüten, beide randvoll mit Medikamenten. Kürzlich sei jemand in ihrer Verwandtschaft verstorben. Die Tabletten würden nicht mehr gebraucht. Anastasia, Dimitris’ Frau, nimmt die Spende entgegen. Die 82-Jährige war früher Englisch-Lehrerin und steht seit sechs Jahren ebenfalls täglich in der Sozialapotheke. Sie sei es, sagt Dimitris, die stets den Überblick behalte und die Haltbarkeit jedes Medikaments genau kenne, um Komplikationen vorzubeugen. Grundsätzlich nehme man nur Sachspenden entgegen. Geld, um Medizin zu kaufen oder die Miete zu bezahlen, wolle man nicht. Dimitris meint, er wäre dann nur ein weiterer Pharmahändler. Deshalb teilt er sich die Kosten für seinen Laden mit etwa 30 Freiwilligen, von denen mit fünf bis zehn Euro aushilft, wer Geld übrig hat.

90 Prozent des Bedarfs an Präparaten kann die Sozialapotheke selbst abdecken. Der Rest braucht Spender, deren Gaben allerdings nicht direkt an Dimitris Souliotis gehen, sondern an eine Kooperative rings um einen Pharmazeuten in der Nachbarschaft. Aus diesem Depot können dann die Kunden Medikamente erhalten, wenn ihnen Dimitris den Bedarf bestätigt. Auf diese Weise werden vorrangig Antidepressiva verteilt, die nur äußerst selten gespendet werden.

Hier, nimm die Salbe

Das Ärgste der Krisenzeit sei überstanden, ermutigt Premierminister Alexis Tsipras unablässig seine Landsleute, seit August sei es vorbei mit den Sparzwängen, die Ausgaben für Sozialleistungen würden fortan wieder steigen. Dimitris schüttelt nur den Kopf, atmet einmal durch und lächelt. Er habe es schon lange aufgegeben, darauf zu hoffen. Die Lage werde sich eher verschlechtern als verbessern.

Seit 2016 verfügt ein Gesetz, dass Arbeitssuchenden und Geringverdienern die Kosten für Medikamente zu erstatten sind. Nur werden dabei Preise zugrunde gelegt, die fast immer deutlich unter denen liegen, die am Markt üblich sind. Die Differenz muss vom Patienten selbst bezahlt werden – zehn bis zwanzig Euro in der Regel. Dabei werden in Griechenland hauptsächlich kleine Verpackungen verkauft. Folglich muss die Differenzsumme umso häufiger gezahlt werden.

„Ist das die Sozialapotheke?“ Ein Mann nimmt die drei Stufen am Hauseingang auf einmal. „Hier sind Sie richtig“, antwortet Dimitris. Der gehetzte Mann heißt Farid und ist vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Europa geflohen. Farid gibt Dimitris ein Rezept und zieht seine Hose seitlich nach unten, um die vielen roten Pusteln an seiner Hüfte zu zeigen. Dimitris erklärt ihm, das sei nicht notwendig. Er glaube ihm. Das Rezept reiche aus. Dimitris bringt ihm eine Salbe sowie Antibiotika und meint, es sei unerlässlich, die Packung ganz zu verbrauchen. Er solle nicht sparen, sondern lieber noch einmal kommen. Farid legt eine Hand auf sein Herz, bedankt sich und geht. Dimitris ruft ihm hinterher: „Wir vertrauen dir, wenn du sagst, dass du Medikamente brauchst.“

06:00 02.01.2019
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