„Kommt nicht alle nach Paris!“

Interview Die Klimabewegung sollte stärker gegen die Nutzung der Braunkohle in Deutschland protestieren, sagt der Aktivist Tadzio Müller
Susanne Schwarz | Ausgabe 30/2015 1
„Kommt nicht alle nach Paris!“
Der Braunkohleabbau beschleunigt noch den Temperaturanstieg
Foto: Westend 61/Imago

der Freitag: Herr Müller, im Dezember will die Weltgemeinschaft in Paris einen neuen Klimavertrag unterzeichnen. Ist das die letzte Chance?

Tadzio Müller: Diese Geschichte hakt ganz entscheidend an einem Punkt: In 20 Jahren wurde noch auf keinem Weltklimagipfel das Klima gerettet, also eine ausreichende Emissionsminderung bewirkt. Gerade die großen, gemäßigten Umweltorganisationen werden aber nicht müde, jedes Gipfeltreffen als große Klimarettungsaktion anzupreisen. Ein Beispiel für solche Blauäugigkeit ist das Jubeltheater, das etwa Greenpeace, Germanwatch und Avaaz nach dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau veranstaltet haben. Dabei haben die Staatschefs sich nur ganz vage geäußert, bis zum Ende des Jahrhunderts wolle man irgendwie die Wirtschaft dekarbonisieren.

Avaaz will jetzt für Paris die „größte Klimamobilisierung aller Zeiten“ organisieren.

Die Organisation will hunderttausende Aktivisten in die französische Hauptstadt karren. Das bereitet mir Bauchschmerzen. Um das zu schaffen, muss man den Leuten nämlich weiter das Märchen von der letzten Chance erzählen. Man könnte auch sagen: Man muss sie nach Strich und Faden belügen.

Wieso denn das?

Wenn Sie wollen, dass die Massen zu Ihrer Aktion kommen, dann müssen Sie den Menschen erzählen: Wenn du an diesem Tag kommst, dann ist das eine ganz wichtige Sache! Unsere gemeinsame Forderung wäre ja: Weg von den fossilen, hin zu den erneuerbaren Energien. Warum man damit nach Paris fahren soll, ist aber völlig unklar. Denn darum geht es auf den Weltklimakonferenzen kaum. Das heißt: Wer die Leute zum Protest aufruft, weil die letzte Chance zur Klimarettung anstehe, der lügt sie einfach nur an – schon wieder.

Zur Person

Tadzio Müller ist seit vielen Jahren in der deutschen und der internationalen Klimabewegung aktiv. Unter anderem war er bei den Protesten in Kopenhagen 2009 dabei. Heute arbeitet er als Referent für Klimagerechtigkeit für die Rosa-Luxemburg-Stiftung

Foto: Privat

Wie 2009 zum Klimagipfel in Kopenhagen, als es das letzte Mal um ein neues globales Klimaabkommen ging?

Genau. Die Erfahrung aus Kopenhagen ist der Grund, warum mich dieses Thema so aufregt. Sowohl die gemäßigten als auch die radikalen Organisationen hatten die Bedeutung dieses Gipfels völlig überbewertet. Kopenhagen ist unsere letzte Chance, hieß es übrigens schon damals. Hunderttausende Aktivisten sind angereist in dem Glauben, dass etwas Weltbewegendes passiert. Letztlich ist fast nichts entschieden worden. Da haben sich viele Protestler hinterher beschwert: Die Organisationen hätten Aktivisten verheizt. Mit einer falschen Erzählung hätten sie Menschen nach Kopenhagen gelockt, die dort Opfer einer sehr repressiven Polizei wurden. Diese Zeit ist mittlerweile auch als die „Post-Copenhagen-Depression“ bekannt.

Aber der Paris-Gipfel ist doch nicht komplett irrelevant?

Nein, er ist wie alle Klimakonferenzen aus zwei Gründen wichtig. Erstens verschafft er dem Thema der globalen Erwärmung mehr Aufmerksamkeit. Und zweitens wird nur auf den Klimagipfeln richtig über die sogenannte Klimafinanzierung geredet. Das heißt: Es wird darüber verhandelt, wer gerechterweise für die Schäden aufkommen muss, die der Klimawandel schon verursacht hat oder verursachen wird. Das Problem ist ja, dass die Folgen im globalen Süden besonders stark sind, obwohl die betreffenden Länder am wenigsten zu den globalen Treibhausgasemissionen beigetragen haben. Die Klimagipfel sind knallharte Wirtschaftsverhandlungen! Aber damit bewegen Sie keine Hunderttausende auf die Straße.

Also sollte man lieber den Paris-Protest ganz absagen?

Ich unterscheide zwischen Mobilisierung und Massenmobilisierung. Es ist völlig okay, wenn sozusagen der aktivistische Kern kommt. Eine kleine oder mittlere Aktion in Paris mit 10.000 eingeschworenen Protestlern – super. Das ist auch eine gute Möglichkeit, sich international auszutauschen und zu vernetzen. Aber die vielen Leute, die vielleicht einmal im Jahr auf eine große Klimademo wollen, die sollten nicht ausgerechnet nach Paris kommen.

Wohin denn dann?

Wenn man in Deutschland wohnt, sollte man sich lieber gegen die Braunkohleverstromung stark machen. Gerade erst hat „Team Kohle“ – also die Kohlekonzerne, die Kohlegewerkschaften und Teile der Bundesregierung – den von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel vorgeschlagenen Klimabeitrag für alte Braunkohlekraftwerke zerschossen. Wir brauchen ein Gegengewicht dazu. Die Massen sollten Paris vom Terminplan streichen und lieber vom 14. bis zum 16. August zur Baggerblockade des Aktivistenbündnisses „Ende Gelände“ ins Rheinische Braunkohlerevier fahren. Da ist mehr zu holen.

Also zurück in die nationalen Schienen. Braucht es für weltweite Probleme wie den Klimawandel aber nicht gerade weltweite Lösungen?

Klar können wir immer wieder gebetsmühlenartig sagen: Globales Problem, globale Lösung. Das ist ein abstraktes Argument, strategisch aber völlig unbrauchbar. Wenn der Protest auf der internationalen Ebene – wie wir jahrelang beobachtet haben – keine Lösungen hervorbringt, müssen wir uns als intelligente soziale Bewegung andere Angriffspunkte suchen. Außerdem: Wenn wir hier in Deutschland Klimaschutz ganz konkret einfordern, dann hat das globale Auswirkungen. Soziale Bewegungen und Regierungen weltweit beobachten ganz genau, ob es hier gelingt, komplett auf erneuerbare Energiegewinnung umzustellen. Wenn es in internationalen Verhandlungen um Energie geht, kann die deutsche Regierung relativ progressive Vorschläge durchbringen, eben weil es hier eine Energiewende gibt. Deshalb müssen wir vor Ort die Kräfteverhältnisse ändern.

06:00 02.09.2015

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