Konfetti und Bomben

Film „Für Sama“ zeigt uns den Krieg in Syrien so alltäglich und intim wie nie zuvor

Oft hilft nur die Hand vor Augen. Der Film, den die junge Regisseurin Waad al-Kateab über ihr Leben im syrischen Bürgerkrieg gedreht hat, erspart seinem Publikum nichts. Aber er ist auch das persönlichste Dokument, das bisher über die Ereignisse in Syrien im Kino zu sehen war. Seine Widmung trägt der Film im Titel: Für Sama ist in Form eines Briefes von al-Kateab an ihre Tochter gehalten. Ein Zeugnis von Samas erstem Lebensjahr im schwer umkämpften Aleppo.

Al-Kateab erzählt von einer Kleinfamilie zwischen Daunendecke und Kellerabteil, mit ständigem Fliegeralarm und Detonationen, bescheidenen Freuden und Todesangst. „Ich filme weiter. Das gibt mir die Rechtfertigung, hier zu sein“, sagt sie in ihrem Off-Kommentar, der direkt an die Tochter gerichtet ist. Al-Kateab schloss sich 2012 als Studentin der Protestbewegung gegen Präsident Baschar al-Assad an. Anfangs dokumentierte sie ohne großen Plan, wie demonstriert wurde, wie es zu immer brutaleren Repressionen kam, wie die ersten Leichen von gefolterten und exekutierten Aufständischen im Fluss trieben. Al-Kateab blieb bis zum Ende der Belagerung im Dezember 2016 in Aleppo. In diesen Jahren lernte sie ihren Mann Hamza kennen, einen Mediziner, der mit Gleichgesinnten eine Klinik aufbaute. In deren Ambulanz drehte al-Kateab den Großteil ihres erschütternden Materials. Hier wurde auch ihre Tochter geboren.

Die Tatsache, dass es diesen Film überhaupt gibt, nimmt das einigermaßen glimpfliche Ende für al-Kateab und ihre Familie vorweg. Ihre Dankesworte bei der Verleihung des britischen Bafta Awards für den besten Dokumentarfilm nutzte die Regisseurin Anfang Februar vor allem, um daran zu erinnern, dass die Realität in ihrem Film für viele Menschen in anderen Teilen Syriens immer noch Alltag ist. Sie selbst musste ins Exil und lebt mittlerweile in London, wo sie inzwischen für Channel 4 News tätig ist.

Assad liefert frei Haus

Ihre Zusammenarbeit mit dem Nachrichtensender begann noch von Aleppo aus. Gegen Ende der Belagerung sprach sie mit der Redaktion darüber, das Filmmaterial für den Fall der Fälle irgendwo zu vergraben. Dass sie es aus dem Land schmuggeln und gemeinsam mit dem englischen Filmemacher Edward Watts in die vorliegende Form bringen konnte, war nicht selbstverständlich. Die meisten Zeugnisse aus dem Bürgerkrieg werden Unbeteiligte nie zu Gesicht bekommen.

Es gibt Sonnenschein und Schnee in diesem Film. Es gibt Konfettiregen bei der Hochzeit und Bombenhagel fast jeden Tag. Für Sama zeigt keine Kampfhandlungen der Rebellen. Der Krieg wird aus dieser Perspektive nicht geführt, sondern nur erlitten. Die Aufnahmen mit Telefon und Handkamera sind verwackelt, voll digitalem Rauschen, mit verzerrtem Ton. Einmal reißt ein Geschoss ein Loch in die Außenmauer des Krankenhauses. Zwei Männer hocken sich zu dem zerfetzten Metallrohr, das da auf dem Boden liegt. Es ist noch ganz heiß, sagen sie und strecken ihre Hände danach aus, um sich zu wärmen. Eine tödliche Waffe als Lagerfeuer – ein kleines Detail, das die Absurdität des Krieges einfängt. Assad schicke seine heißen Bomben, aber ihnen werde trotzdem nicht warm, sagen die Männer und lachen.

Überhaupt wird viel gelacht in Für Sama. Eine Nachbarin al-Kateabs, Mutter von drei Kindern und an Gutmütigkeit und Galgenhumor nicht zu übertreffen, ist ebenfalls nicht bereit, ihre Heimatstadt zu verlassen. „Wir sind Optimisten“, sagt sie einmal. Sie scherzt sogar noch, als sie ihrer Familie von Ungeziefer befallenen Reis zubereitet, etwas anderes hat sie nicht mehr. Trotzdem herrsche kein Mangel, sagt sie: Kugeln, Fassbomben, Chlorgas – alles, was Assad gefällt, bekomme man jeden Tag frei Haus geliefert.

In seiner Doku Last Man in Aleppo von 2017 begleitete Regisseur Feras Fayyad eine Gruppe Freiwilliger, die sogenannten Weißhelme, die nach Bombeneinschlägen zur Stelle sind, um die Verschütteten aus den Trümmern zu befreien. Oft genug werden nur mehr Leichen geborgen. Der Film wirkt nun wie ein Vorläufer zu Für Sama. Al-Kateab aber fügt eine sehr intime Ebene hinzu: den zärtlichen Blick, den sie auf ihre Tochter richtet – und damit in die Zukunft.

Ein weiteres aktuelles und prominentes Beispiel für einen Blick auf den Krieg von unten ist 1917, in dem Sam Mendes den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive einzelner Soldaten begreifbar zu machen versucht, und zwar durch die Illusion einer einzigen, 119 Minuten langen Einstellung an der Front. Auch in 1917 gibt es eine Szene mit einer jungen Mutter, die sich mit ihrem Baby in einem Kellergewölbe unter Ruinen versteckt. Da ist sie die einzige Frau im Film, die einzige Zivilistin – ein fast pflichtschuldiges Detail als Verweis auf die Welt außerhalb der Schützengräben. Im Vergleich mit Sam Mendes wird noch deutlicher, was Waad al-Kateabs Blick so besonders macht: Sie fängt das ein, was in der Geschichtsschreibung und in den fiktionalisierten Mythen der Kriegsführung höchstens am Rande Platz hat. Den Alltag, die Kinder, die Frauen, das Leben der Zivilbevölkerung, während rundherum ferngesteuert die Welt untergeht.

Für Sama macht auch klar, wie beides in einer solchen Situation zusammengehört. Al-Kateab erzählt da, wo alles zu Ende geht, vom Anfang eines Lebens. Davon, dass Krieg Sterben bedeutet, aber auch Lachen heißt.

Info

Für Sama Waad Al-Kateab, Edward Watts Großbritannien/Syrien 2019, 96 Min.

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