Königin auf dem Müllberg

Randexistenzen In Sebnem Isigüzels Roman "Am Rand" sind die Protagonisten Opfer und Täter

Die Türkei bietet so einige Überraschungen für alle, die die Literatur dieses Landes bisher kaum wahrgenommen haben beziehungsweise wahrnehmen konnten, weil zu wenig übersetzt wurde. Eine dieser Überraschungen sind die Frauen. Rund ein Drittel der türkischen Literatur, die uns jetzt erreicht, ist von Autorinnen geschrieben. Es sei die Behauptung gewagt, dass sich im weiblichen Schreiben der Türkei nicht nur das reiche intellektuelle Potential dieses Landes, sondern auch seine Zerrissenheit, seine kulturellen und politischen Gegensätze und sein Wille zum Aufbruch und Aufbegehren am deutlichsten abbildet.

Das ist nicht verwunderlich, sind es doch in erster Linie die Frauen, die das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne, zwischen Islam und Säkularismus unmittelbar betrifft und die zuallererst ein Interesse daran haben, Rollenmuster aufzubrechen. Die Schriftstellerinnen, so hat man den Eindruck, tun dies in ihren Büchern mit auffallender Radikalität und verstörender Wucht.

Die 35-jährige Sebnem Isigüzel hat zwar nicht wie ihre Kollegin Perihan Magden Dutzende Prozesse am Hals wegen ihrer feministischen Rundumschläge in der Öffentlichkeit, aber die Anthropologin ist deshalb in ihren Büchern nicht weniger radikal. Mehrere Erzählbände und einen Roman hatte sie bereits vorgelegt, bevor sie sich ans Werk machte, ihr bislang sicherlich anspruchsvollstes Buch zu schreiben, das die Themen der vorherigen Texte in sich aufnimmt.

Im Deutschen trägt der Roman den Titel Am Rand, im Türkischen "Müllhalde" , was noch treffender ist, geht es doch in diesem Werk nicht nur um Randexistenzen, sondern um einen Müllberg verschwiegener Schandtaten und verlorener Schätze, auf dem, nach Isigüzels eigenen Worten, der heutige türkische Staat seinen Platz hat.

Den Inhalt dieses Romans wiederzugeben, gleicht einer artistischen Anstrengung - oder den Winkelzügen eines anspruchsvollen Schachspiels. Verantwortlich dafür ist ein literarisches Verfahren, das Erzähltes immer wieder in Frage stellt. Nichts ist eindeutig, alles ziemlich verworren und phantastisch, und immer gibt es mehrere Möglichkeiten der Interpretation.

Halten wir zunächst dieses fest: Der Leser hat es in diesem Roman mit zwei zentralen Frauengestalten zu tun, zwischen denen es zunächst keinerlei Verbindung gibt. Da ist Leyla, eine 40-jährige Frau, die zusammen mit anderen heruntergekommenen Gestalten, die so merkwürdige Namen tragen wie Tolstoi, Dr. Schiwago, Dolch und der Vollstrecker auf der riesigen Schutthalde am Rande Istanbuls lebt und als "Königin des Müllbergs" bezeichnet wird.

Früher war sie eine begnadete Schachspielerin, die sogar für den Großmeister Kasparow eine ernst zunehmende Gegnerin war. Die Diplomatentochter lebte mit ihren Eltern in Moskau, bis diese bei einem geheimnisumwitterten Verkehrsunfall ums Leben kamen. Leyla landet - zurück in der Türkei - zerrieben zwischen der Ablehnung und der Gefühlskälte ihrer Restverwandtschaft und ihren Schwiegereltern, im Jahre 1988 auf der Straße und schließlich auf dem Müllberg.

Die zweite Figur, deren Geschichte hier entfaltet wird, ist Yildiz, eine Musikwissenschaftlerin, die ihre Hochschulkarriere aufgegeben hat, um eine Biografie über den weltberühmten Dirigenten Karacan zu schrei­ben. Die Beziehung zu diesem Dirigenten, unschwer als Herbert von Karajan zu erkennen, entwickelt sich zur Obsession. Ihre Wohnung in Istanbul, in der sie einst mit ihrer angeblich verstorbenen dämonischen Mutter lebte, verwandelt sich in eine mörderische Hölle, die der "Muttergeist" beherrscht. Nach der Entführung eines Kindes und dem Tod des Jungen verschwindet Yildiz, offensichtlich dem Wahnsinn verfallen, in den Straßen Istanbuls - und Leyla wirft sich vor ein Auto.

Im Verlauf des Romans bewegen sich diese beiden Figuren wie auf einem Schachbrett aufeinander zu. Ihre Lebensläufe greifen ineinander. Arrangiert wird dieses vertrackte Spiel von einer Erzählerin, die sich immer dreister in den Vordergrund schiebt, den Leser direkt anspricht, den Erzählfluss ständig unterbricht ("Gut, nun können wir zu unseren wirklichen Helden zurückkehren") ihn auf diese oder jene Fährte und ihn offensichtlich an der Nase herum führt ("Ich habe Ihnen all das nicht erzählt, damit Sie sagen. ›Jedes Leben ist ein Rätsel‹"). Der Roman bricht schließlich nach 323 Seiten mit der hinterlistigen Bemerkung ab: "Sollte ich Sie, meine Leser, durch einige im Laufe dieser Gespräche aufgedeckten Tatsachen dazu zwingen, den Roman noch einmal von vorne zu lesen, bitte ich Sie dafür um Verzeihung."

Dann folgt als zweiter Teil dieses verschlungenen Werks eine Art Anhang, der vortäuscht, die Romanfiguren hätte es tatsächlich gegeben und die Autorin würde nun Menschen, die diese kannten, mit dem Roman als Ergebnis einer langen Recherche konfrontieren. Von diesen "Interviewpartnern" wird Isigüzel nun als unredlich und verlogen beschimpft, das Romanwerk als Versuch entlarvt, ihre eigene tragische Familiengeschichte mit den, wie sich herausstellt, identischen Figuren Leyla und Yildiz zu erzählen, aber auch zu verschleiern.

Der Roman Am Rand handeltvon Intellektuellen, die in der türkischen Gesellschaft versuchen, ihren Platz zu finden. Die Doppeldeutigkeit, Janusköpfigkeit vieler Figuren deutet an, dass diese Intellektuellen, Frauen wie Männer, nicht nur Opfer sind, wenn sie wie durch ein Loch der Gesellschaft auf dem Müll landen, sondern oft auch Täter. Hier zu stranden oder sich davon wieder zu befreien ist, so kann man das Buch lesen, kein soziales Problem, sondern eines der (mangelnden) Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Landes, die sich mit der individuellen Biografie und Erinnerung verbindet.

Immer wieder stattet Isigüzel die Schilderung ihrer Figuren mit Literaturverweisen auf Werke von Flaubert, Nabokov oder Dostojewski aus und treibt damit nicht einfach nur ein raffiniertes postmodernes Spiel, sondern möchte wohl die Künstlichkeit wie auch die kulturelle Zerrissenheit ihrer Gestalten hervorheben.

Das Buch ist voller Gewaltphantasien, Gestalten, die morden, zerfleischen, Körper zu kommerziellen Zwecken ausweiden und andere erniedrigen wollen. Das Grauen spielt sich auf dem Müll oder in unterirdischen Höhlen, aber auch in Wohnstätten ab, die zur Hölle werden. Das Faschistoide in der Gesellschaft und im Individuum, so kann man Isigüzel verstehen, schwelt in den verschwiegenen Träumen der kollektiven Psyche. Aber Isigüzels Erzählerin hat schon Recht: Man wird nach der Lektüre dieses irritierenden, manchmal allzu verschlungenen Werkes das Gefühl nicht los, man müsste mit seinen Entzifferungsversuchen noch einmal von vorn anfangen.

Sebnem IsigüzelAm Rand. Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann. Berlin, Berlin 2008, 432 S., 22 EUR

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00:00 04.12.2008

Ausgabe 39/2020

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