Koste die Torte!

Kino Jane Austens „Emma“ wird zum achten Mal verfilmt. Sehnsüchtige Romantik hat hier keinen Platz

Jemanden anzufassen, in den man sich verliebt hat, ist eine Sensation. Emma (Anya Taylor-Joy) erlebt diese Sensation beim Tanzen. Oder zumindest bei dem, was man so „Tanzen“ nennt: Stocksteife Männer mit ebensolchen Kragen, die ihnen bis an die Nase reichen, stehen korkenziehergelockten Gesellschaftsdamen gegenüber. Jeder Schritt ist festgelegt, jede Bewegung folgt einer Regel, nichts ist unbeschwert, haptisch, lustbetont – zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in dem Jane Austens Hauptwerk und Emma, das letzte noch zu ihren Lebzeiten veröffentlichte Buch spielt, herrscht strenge Prüderie. Doch Heldin Emma und George Knightley (Johnny Flynn) berühren sich im Reigen, eine Hand liegt auf einer Hüfte, heimlich und kurz verschränken sich Finger. Und so dick der Stoff der opulenten Tanzkleider auch sein mag – Emmas und Georges unterdrückte Leidenschaft scheint die textile Barriere in null Komma nichts zum Schmelzen zu bringen.

Autumn de Wildes filmische Adaption des im Dezember 1815 erschienenen Romans (es ist neben Douglas McGraths 1996er-Version oder Amy Heckerlings Teeniekomödie Clueless bereits die achte) überzeugt absolut: Zwar fühlt man mit der selbstbewussten, übergriffigen und altklugen Emma mit, deren irritierende Angewohnheit, sich sämtlichen jungen Damen aus ihrem Dorfumfeld als Kupplerin aufzudrängen, ihren Charme nur wenig trübt. Doch die Regisseurin und ihre Drehbuchautorin Eleonor Catton setzen neben Emmas emotionalem Erwachen in ihrem Film vor allem auf den Humor der literarischen Vorlage – und den Genuss, der sich einstellt, wenn man die Absurdität dieser starren Gesellschaft präsentiert bekommt.

Ballett der Diener

Wie ein Ballett inszeniert de Wilde beispielsweise die stummen Diener in Emmas Elternhaus, die sich in wort- und machtloser Devotion anschauen, bevor sie unsinnige Dinge tun, etwa für Emmas knorrigen Vater (Bill Nighy) die Paravents hin- und herschieben, weil der sich schon wieder einbildet, „einen Luftzug“ zu spüren. Jener Mr. Woodhouse, den Bill Nighy mit der gesamten Nonchalance seiner gebeugten Gestalt gibt, ist es auch, der Emmas verspätetes Aufflammen als Liebende zu verantworten hat: dass Emmas ältere Schwester Isabelle (Chloe Pirrie) bereits verheiratet und damit flügge geworden ist, macht ihm schwer zu schaffen. „Hochzeiten sind grässlich“, plärrt er. Und alles was danach kommt erst recht: Eine Visite von Isabelle samt Ehemann und einer nicht überschaubaren Nachkommenzahl (zwei?, drei?, gefühlt sechs ...) gerät zu einem anstrengenden, von Kinderschelten, Windelwechseln und gegenseitigem Anblaffen geprägten Schauerbesuch.

Dennoch besteht Emma darauf, ihre Freundin Harriet (Mia Goth), eine naive liebenswürdige junge Frau mit fragwürdigem Stammbaum, alsbald zu verheiraten – und schiebt mit sicherer Kuppelhand gleich mehrere Männer in Harriets und ihr Gesichtsfeld hinein und wieder heraus: Der eine ist zu arm und unbedeutend, der nächste liebt eine andere, den dritten liebt Harriet nicht – oder doch? Oder liebt er Emma? De Wilde spielt mit Emmas aberwitzigen Ideen und lässt einem die Heldin, von der Austen einst sagte, dass man sie nicht mögen werde, auf geradezu verzweifelte Art und Weise ans Herz wachsen.

Was ebenso sehr Taylor-Joys Errungenschaft ist: Naseweis, verletzlich und stur zeigt sich die englisch-argentinische Schauspielerin mit den weit auseinanderstehenden Augen, sie stattet die wohlhabende, privilegierte Emma mit einer großen Portion Güte aus – von Anfang an spürt man, dass mehr hinter der von Kostümbildnerin Alexandra Byrne mit üppigem Stoff ausgestatteten Fassade steckt, als es Emmas Handeln andeutet. Denn Emma, so liegt es tief drin in Austens Happy-End-Geschichte, muss lernen, dass man Gefühle eben nicht in die Wege leiten kann.

Die „Period Piece“-Expertin Byrne, die – unter anderem – bereits für Kenneth Branaghs Hamlet (1996) und Shekhar Kapurs Elizabeth (1998) für einen Oscar nominiert war und den Preis schließlich für die Fortsetzung Elizabeth – Das Goldene Königreich verliehen bekam, weitet Emmas Drama auf der stofflichen Ebene aus: Je unwirklicher die leuchtenden Kleider, Strohhüte, Bänder und Haarspangen werden, desto mehr scheint Emma eine Ahnung davon zu bekommen, was die Wirklichkeit bedeutet. Immer wieder treffen die Protagonisten sich in einem puppenhausartigen Modesalon, in dem die gehobene Gesellschaft des Dorfs einkaufen geht – Emma und ihre Freundinnen stehen und sprechen zwischen bonbonfarbenen Handschuhen, wählen aus meterweise Samtbändern und Ballen von Spitzenstoffen. Und die Skurrilität der Frisuren und Dekorationen steigert sich noch, als Mr. Eltons zickige Ehefrau (Tanya Reynolds) die Bühne betritt: Selten spiegelt sich der zugeschriebene Charakter so deutlich in der Bekleidung wie bei der dürren Frau mit dem zu einer Art Hasenohren gebundenen, grotesken Kopfschmuck.

Weit weg schiebt de Wilde also jedwede Reste einer sehnsüchtigen Romantik, die den meisten Jane-Austen-Verfilmungen – bei aller behaupteten oder wahren Selbstermächtigung – stets innewohnt. Die Schärfe, die de Wildes Bilder haben, lässt trotz der überbordenden Farbintensität keine wehenden Haare und Kleider, keine träumerischen Mädchenidyllen zu, weder textlich noch visuell. Austens Gedankenwelt ist eben vielfältig: Andere Jane-Austen-Regisseure wie Ang Lee in seiner von Emma Thompson geschriebenen (und gespielten) Version von Sinn und Sinnlichkeit oder Simon Langton mit der Stolz-&-Vorurteil-Variante, die er 1995 für die BBC drehte und damit Colin Firths Ruf als „thinking woman’s wet dream“ festigte, haben Austen-Stoffe ebenfalls erfolgreich mit unterschiedlichen Methoden interpretiert, ohne den historischen Kontext dabei zu ignorieren.

Filme sind immer auch Produkte ihres zeitlichen Umfelds und werden auf ein potenzielles Publikum ausgerichtet. Im Gegensatz zu Greta Gerwigs Verfilmung von Louisa May Alcotts Little Women, die ebenfalls im 19. Jahrhundert spielt und Geschlechterrollen beleuchtet, versucht de Wilde jedoch nicht, mit aller Kraft die kaufkräftigste Zielgruppe – Teenager – anzupeilen. Emma entzieht sich stattdessen komplett der Posterboy- oder Postergirlästhetik. Taylor-Joys Ambivalenz ist durchdringend (2017 spielte sie im großartigen Thriller Vollblüter eine charismatische Psychopathin, ein Jahr zuvor in Morgan eine unberechenbare KI-Androidin), und Mia Goths leicht entrücktes Gesicht spiegelt die Verwirrung ihrer Freundin.

Anstatt die Männerrollen mit den Vorzeigehotties der Saison zu besetzen, lässt de Wilde den aus Sex Education bekannten, leicht schiefen Connor Swindells den Harriet-Bewerber Robert spielen und sperrt Josh O’Connor als Heiopei Mr. Elton in den albernsten und steifsten aller Kragen – zuweilen wirkt der dusslige Dorfvikar wie eine Mischung aus Hampelmann und Engel. Dazu verleiht die Komikerin Miranda Hart der arglosen alten Jungfer Miss Bates eine traurige, gleichsam urkomische Präsenz: „Mother, you must sample the tart!“ („Mutter, du musst die Torte kosten!“), schreit sie ihre schwerhörige Mutter bei einem Besuch in Emmas Haus an. Dass Emmas Handlungsspielraum auch örtlich – den damaligen Gepflogenheiten für Damen entsprechend – äußerst begrenzt ist, wurde subtil in das Drehbuch hineingewoben: (noch) nicht Kinder, Kirche, Küche, aber Kirche, Marktplatz/Modeladen, Zuhause – mehr dürfen die Frauen des 19. Jahrhunderts nicht erleben.

Vielleicht liegt es also an der Sensibilität, die, verstärkt von der #metoo-Bewegung und den damit verbundenen Diskursen, in Bezug auf Gendergerechtigkeit und (traditionelle) Frauenrollen seit einer Weile zunimmt: Irgendetwas an den oft gemütvollen, idealistischen, starken, zuweilen auch einfältigen Protofeministinnengeschichten der Autorinnen des 19. Jahrhunderts scheint ein heutiges Publikum zu faszinieren. Dabei geht es bei Emma noch nicht einmal um die klassische Emanzipation – das Gegenteil ist eher der Fall: Emma muss den Zugang zu ihren Gefühlen finden, sie ist keine sentimentale Romantikerin, zu lieben, zu heiraten liegt ihr zunächst fern. Wahrscheinlich ist es das, was sie als Figur greifbar und heutig macht: Ihr Konflikt mit den eigenen Sentimenten ist moderner und universeller als die gesammelten Probleme der gutherzigen Little Women. Denn deren Protagonistin Jo March ist erst am Ende ihrer Geschichte dort, wo Emma schon zu Beginn ist.

Info

Emma Autumn de Wilde Großbritannien 2020, 124 Minuten

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06:00 14.03.2020

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