Kot, Kot, Tod

Buchmesse Spezial Jean-Baptiste Del Amo erzählt vom grausamen Dasein der Mastschweine

Blut, Jauche und Exkremente. Wovon Jean-Baptiste Del Amos abscheulich-fantastischer Roman Tierreich erzählt, ist ein Moloch jenseits unserer Vorstellungskraft. Und doch findet man jenen Ort nacktesten Daseins tausendfach in der Realität: ein Schweinemastbetrieb. In bislang ungekannter Drastik gewährt damit die spätmoderne Literatur Einblicke in eine unser aller Blicke entzogenen Hölle. Man liest Passagen über die „Missgebildeten und Lebensunfähigen“, welche die Angestellten „gegen die Kastenstangen oder direkt auf den Boden schmettern (…); einige Ferkel explodieren buchstäblich unter der Gewalt der ihnen zugefügten Schläge“. Dazwischen Maden, Ratten, Kreaturen in zu engen Ställen und im eigenen Kot. Die wenigsten von ihnen werden je das Sonnenlicht erblicken.

Wie eine Hündin, zuckend

Bevor wir in Del Amos fast 450 Seiten starkes Buch allerdings in der traurigen Gegenwart angelangt sind, führt uns die Geschichte zurück, in die Umbruchsphase um 1900. Zwar ist man noch weit entfernt von den fordistischen Schlachtfabriken unserer Tage, die damalige Welt darf man sich aber keineswegs als Idyll vorstellen. Denn seine Genealogie einer Bauernfamilie beginnt der Autor in einer archaischen Zeit. Sobald es hell wird, begeben sich die Männer auf die Felder und in die Ställe, die Frauen arbeiten im Haus und auf dem Hof, um abends ein spärliches Essen zuzubereiten. Sonntags geht man pflichtbewusst in die Kirche. Hier wächst Éléonore auf, zwischen einem kranken Vater und einer verhärmten Mutter, die sie nur die „Erzeugerin“ nennt. Früh lernt sie, wie man der „Sau“ die Kehle durchtrennt, lebenden Hasen mit dem Messer das Fell abzieht. Für Sentimentalität ist weder Raum noch Zeit.

Obgleich das Tier offenbar nichts als ein bloßes Zweckobjekt darstellt, scheint sich der Mensch in seiner emotionalen Abstumpfung oder in seinem Leiden kaum mehr von seinen animalen Mitwesen abzuheben. Ungewollte Geburten erledigt man im Stall unter „anderen“ Tieren: „Erst auf den Knien, dann auf der Seite liegend, wirft die Erzeugerin, wie eine Hündin, wie eine Sau, zuckend, hochrot, von ihrer Stirn perlt der Schweiß. Mit einer Hand tastet sie zwischen den Schenkeln nach dem klebrigen Brocken, der sie zerreißt“ und später einfach entsorgt wird. Es ist ein Dasein auf Erden in Gewalt und Brutalität, das Del Amo eindrücklich einfängt. Gezeigt wird hier eine Gesellschaft, die sich zwar ihres humanitären Erbes immerzu selbst versichert, aber in dessen permanenter Missachtung bestialische Züge annimmt.

Eine bezeichnende Analogie drängt sich unmittelbar auf: Wie in den frühen Romanen einer Elfriede Jelinek, welche gern die semantischen Felder von Handwerk und Militär gebrauchte, um den von ihr empfundenen Kampf der Geschlechter zu charakterisieren, schaut der 1981 in Toulouse geborene Del Amo in die gefühlsabgespaltene Welt der Bauern, in der man nur nach unten und nach Tieren zu treten weiß. Er scheut nicht davor zurück, zumindest diskussionswürdige, historische Begründungszusammenhänge herzustellen. Zeichnet er im Verlauf seines Romans die Entwicklung des Familienbetriebs nach, kommt gerade den Jahren des ersten Weltkriegs eine besondere Bedeutung zu. Entweder sterben die Männer in den Schützengräben oder kommen als Seelen- und Körperkrüppel zurück. Letztere perpetuieren dann den selbst erfahrenen Zerstörungswahn im Umgang mit den Tieren: „Die zwei Kühe, das Kalb und die Mutterschweine werden unter die Schlachtzelte gebracht, an Seilen festgeschnürt oder von Brettern eingezwängt, sie werden bewusstlos geschlagen, ihnen werden die Kehlen durchgeschnitten, manchmal aufgebohrt, ehe man sie ausbluten lässt, dann zersägt und zerlegt. Dem Tier, das sich in einem letzten Anfall von Überlebenswillen wehrt, muss man Fußfesseln anlegen, es etliche Male mit dem Knüppel schlagen“.

Obwohl der Fokus dieses brillanten Gesellschaftspanoramas eigentlich auf der Familie und ihrem schließlich ökonomischen Niedergang, verursacht durch eine Schweineinfektion, liegt, lässt Del Amo die als passive Opfer vorkommenden Tiere zu den geheimen Protagonisten werden. Vergegenwärtigt man sich, dass sie nahezu von der gesamten abendländischen Literaturgeschichte und deren wissenschaftlicher Einordnung entweder ausgeklammert oder, wie beispielsweise bei Fabeln und Märchen, nur auf den Status von Spiegelfiguren reduziert wurden, ermöglicht dieser Umstand eine neue Perspektive. Erst in der jüngeren Kulturwissenschaft konnte jene spezifische Art der Betrachtung in der Entwicklung der sogenannten Human Animal Studies, die ihrerseits aus der philosophischen Disziplin der Tierethik hervorgingen, Fuß fassen. Sie wenden sich gegen eine anthropozentrische Weltdeutung und regen Lesarten vom Standpunkt des anderen und Fremden an.

Eber und Erkenntnis

Auch Tierreich, nominiert für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse (Karin Uttendörfer), stimuliert zur Empathie oder zeigt ferner, wie schmal die Grenze (gerade vor dem Hintergrund jüngerer Neuroforschungen) zwischen den Spezies verläuft. Trotz aller Deprimiertheit, die sich zweifelsohne im Laufe der Lektüre bemerkbar macht, findet sich ein kleiner Hoffnungsschimmer. Mit der gelingenden Flucht eines Ebers tauchen wir in dessen Bewusstsein ein: „Er erkennt die trostlosen Gebäude der Schweinezucht, die bisher die Grenze seiner Welt darstellten.“ Indem das Tier zum Subjekt avanciert, wird es, zumindest hypothetisch, zum Träger einer Würde und somit zu einem potenziellen Inhaber von Rechten – so die Botschaft dieses in der Gegenwartsliteratur schon lange überfälligen und erwarteten Buches. Es ist ein Manifest der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung.

Das geschundene Tier wird wenigstens hypothetisch zum Träger einer Würde

Info

Tierreich Jean-Baptiste Del Amo Karin Uttendörfer (Übers.), Matthes & Seitz 2019, 440 S., 26 €

Björn Hayer ist Mitherausgeber des Bandes Tierethik transdisziplinär transcript-Verlag 2019

Wie Tati

Geboren und aufgewachsen in Rumänien, lebt und arbeitet die Illustratorin und Grafikdesignerin Andreea Dobrin Dinu heute in Hamburg. In ihrem Studio Summerkid entstehen die lustigen Zeichnungen, bei deren Betrachtung man stets ein gewitztes Detail findet, das stutzig macht, das Szenen des Alltags auf den Kopf stellt.

Die Künstlerin sagt, die Bilder sollen den Betrachter an den joie de vivre erinnern, den wir vielleicht noch aus den Sommern erinnern, als wir Kinder waren. Und tatsächlich, ihr Humor erinnert an lustige Ferien mit Monsieur Hulot.

Dinu studierte Grafikdesign in Bukarest, Illustration und Typographie in Leipzig. Im Jahr 2018 erhielt sie den britischen World Illustration Award Talent.

06:00 21.03.2019

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