Krieg ist ein Tanzboden

Dokumentarfilm „Mr. Gay Syria“ und „Palmyra“ zeigen Tränen, Trümmer und zerstörte Träume. Die Hoffnung mag nie aufgeben

Kandidat Nummer drei hat sich für die Bauchtanznummer entschieden. Er lässt seine etwas fülligen Hüften kreisen, das Geschmeide am Spitzenhemdchen glitzert und klirrt, das Publikum johlt. Wer soll das noch toppen? Kandidat vier versucht es erst gar nicht. Er bremst die Konfettistimmung aus, kniet sich auf der kleinen Bühne vor einen Stuhl und spricht zu ihm, als säße dort seine tote Mutter. Es geht um ein Geheimnis tief in seinem Inneren, seine Stimme bebt, er schluchzt. „Ich würde dich am liebsten mit dem Stuhl schlagen“, sagt der Moderator hinterher und wischt sich Tränen aus den Augen. „Wir wollten nicht weinen, sondern Spaß haben.“

Die Szene ist der erste Höhepunkt in Mr. Gay Syria. Vor rund 40 Zuschauern auf billigen Klappstühlen wird aus fünf Bewerbern der syrische Teilnehmer für die jährliche „Mr. Gay World Competition“ gekürt. Die jungen Männer leben im Exil in Istanbul, in enger gegenseitiger Verbundenheit, zugleich angefeindet vom engsten familiären Umfeld. Als Geflüchtete und Schwule sind sie doppelt ausgegrenzt. Der Schönheitswettbewerb erscheint wie ein Befreiungsschlag, der nicht nur symbolisch wirken soll: Das Finale auf Malta verspricht durch die Einreise in die EU auch einen Neuanfang.

Film als Intervention

Die türkische Regisseurin Ayşe Toprak begleitet die Protagonisten vor und nach diesem Wettbewerb mit einem emphatischen und dabei unaufgeregten Blick. Ihr Dokumentarfilm zeigt, wie man sich an Hoffnungen auch dann noch klammert, wenn sie zerschlagen werden. Weniger blumig gesagt: Es geht um ein ziemlich hartes Coming-out. Es ist Kandidat vier, der 24-jährige Husein, der am Ende die Schönheitskrone, den Titel des „Mr. Gay Syria“ trägt. Nicht der Spaß gewinnt hier, sondern die Tränen.

Toprak versteht ihre Filme als Interventionen. Ihr geht es um nicht weniger als „weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft“, heißt es im Presseheft von „Mr. Gay Syria“, und weiter: „Dieser Film ist Teil meines Kampfes für eine bessere Welt.“ Teil dieses Kampfes ist auch, dass Huseins Identität im Vorfeld des Filmstarts verschleiert werden musste. Erste Online-Trailer verbargen sein Gesicht, um ihn in der Türkei nicht in Gefahr zu bringen. Als Mr. Gay Syria wurde er zur Galionsfigur der syrischen Queer-Community, während Vater, Mutter, Frau und Kind gar nicht wussten, dass er schwul ist. Der Film will Öffentlichkeit und Sichtbarkeit schaffen für Menschen, in deren prekärer Situation jegliche Aufmerksamkeit eine Bedrohung sein kann.

Ein Blick auf eine weitere, ganz anders geartete Dokumentation hilft, die Tragweite von Topraks Intervention zu verstehen. Am selben Tag wie Mr. Gay Syria kommt auch der Essayfilm Palmyra des deutschen Fotografen und Medienwissenschaftlers Hans Puttnies in die Kinos. Er handelt vordergründig davon, wie die Trümmer der antiken Ruinen in Palmyra, bis vor Kurzem Weltkulturerbe, von fanatischen Bilderstürmern noch weiter zertrümmert wurden.

Puttnies war vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs in Palmyra, um die archäologischen Stätten mit seiner Kamera einzufangen. Knapp zehn Jahre später macht er sich nun daran, seine eigenen Bilder und die Mythen rund um die Tempelruinen kritisch zu zerlegen. Das tut er in einem säuberlich in acht Kapitel gegliederten Vortrag, den er aus dem Off spricht. Puttnies’ konstantes schlaumeieriges Gelaber kann schnell nerven, aber je länger man ihm zuhört, desto klarer wird: Der Mann weiß, wovon er redet und worauf er hinauswill. Puttnies’ allgemeine Botschaft, für die er in Palmyra nur das schlagendste aktuelle Beispiel sieht: Ein „Kulturkrieg“, wie er das nennt, geht immer auch zulasten der Kultur. Sein Film zeigt, wie seit Jahrhunderten die Geschichte der Menschen, die in und von den Ruinen lebten, verdrängt wurde – und mit ihnen die jeweilige Gegenwart des Ortes. Palmyra zieht dabei aufschlussreiche Verbindungslinien. In Tadmor, der Wohnstadt unweit von den antiken Stätten, stand das größte Gefängnis für politische Häftlinge in Syrien. 1980 war es unter Präsident Hafiz al-Assad, dem Vater von Baschar al-Assad, Schauplatz eines Massakers. Der Kerker wurde im Jahr 2015 vom sogenannten Islamischen Staat genauso pulverisiert wie die jahrtausendealten Tempel in Palmyra. Wo der IS für ein Propagandavideo eine Massenhinrichtung vor Publikum filmte, gab Monate später, nach der Eroberung der Stadt durch russische Truppen, ein Orchester aus St. Petersburg ein klassisches Konzert.

Hin zum Schmerz

Palmyra und Mr. Gay Syria handeln beide vom Verschwinden, von Verlust und Abwesenheit. Und sie kämpfen gegen dieses Verschwinden an. Auffällig abwesend ist vor allem der Elefant im Raum: der Krieg in Syrien. Er wird nur am Rande thematisiert, was nicht bedeutet, dass sich die Filme weniger dafür interessieren als etwa eine Dokumentation wie Die letzten Männer von Aleppo über den Alltag von Rettungstruppen in der belagerten Stadt. Im Gegenteil. Der Krieg ist nicht das Thema, sondern die katastrophale Grundbedingung dieser Filme, durch die sich ihre Geschichten erst entfalten.

Ayşe Toprak macht schon am Anfang ihres Films deutlich, wie schmerzhaft und verlustreich dieser Kulturkampf werden wird. Mr. Gay Syria bleibt der zweite Höhepunkt, auf den alle hingearbeitet und gehofft haben, verwehrt. Das Mr.-Gay-World-Finale auf Malta findet ohne Husein statt. Sein Visumantrag wurde abgelehnt.

Info

Mr. Gay Syria Ayşe Toprak Deutschland, Frankreich, Türkei 2017, 87 Min.

Palmyra Hans Puttnies Deutschland 2017, 90 Min.

06:00 16.09.2018

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