Lass mal daheim bleiben

Corona Die Krise hat verändert, wie wir wohnen und arbeiten wollen
Lass mal daheim bleiben
Für Kinder ist das „Multicase Aluminium als Home-Office“ zu hoch, die müssten dann doch wieder in den Präsenzunterricht, sorry

Foto: Stylehiker

„Hej, Homeoffice!“: Unter diesem Motto bewirbt Tchibo in einem Verkaufskatalog das „Pure nordic living“. Das Geschäftsprinzip des Kaffeerösters besteht darin, neben seinem Kernprodukt im ständigen Wechsel viele andere, zum Zeitgeist passende Artikel anzubieten – um damit die Kunden in seine Filialen oder auf das eigene Onlineportal zu locken. Aktuell ist zum Beispiel ein „Esstisch mit integriertem Arbeitplatz“ zu haben. Der ist praktischerweise auf- und zuklappbar und enthält zudem eine sogenannte Stauraum-Bodenplatte. In dieser, so illustriert das Werbefoto, kann die Heimarbeiterin blitzschnell Tablet, Unterlagen oder Smartphone verschwinden lassen – um gleich nach der Videokonferenz am selben Platz das Mittagessen zu servieren.

Homeoffice braucht Platz

Die Bekämpfung des Coronavirus hat Teile der Arbeitswelt und des Bildungssystems in die privaten Wohnungen verlagert. Doch diese sind für ständiges Homeoffice und Homeschooling oft wenig geeignet. Die vielfältiger und zeitlich umfangreicher gewordenen Aktivitäten zu Hause stoßen auf räumliche Hindernisse. Denn gerade in Großstädten mit hohen Mieten leben die Menschen auf eher kleinen Flächen. Notgedrungen werden diese dann verschiedenartig genutzt. Sie dienen zugleich als Ess- und Arbeitsplatz, sind Küche und Klassenraum in einem. Mit Officeschränken für das Wohnzimmer, rückenfreundlichen Stühlen oder Vorhangschals als Raumteiler bietet nicht nur Tchibo die passenden Accessoires. Die ganze Möbelindustrie stellt sich um, entwickelt neue Produkte.

Nur zwölf Prozent der Beschäftigten arbeiteten vor der Pandemie zeitweise von zu Hause aus. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 wuchs die Zahl sprunghaft auf bis zu 40 Prozent, um danach wieder zu sinken. Das Potenzial des mobilen Arbeitens ist begrenzt, selbst digitalisierbare Tätigkeiten erfordern gelegentlich persönliche Treffen und Abstimmungsprozesse. Automobilwerker, Altenpflegekräfte, Busfahrer oder Verkäuferinnen können ohnehin nicht in den eigenen vier Wänden Geld verdienen. In welchem Umfang sich das Homeoffice als Erwerbsform dauerhaft etabliert, lässt sich derzeit noch nicht seriös abschätzen.

Spürbar aber sind die Folgen bereits jetzt auf dem Immobilienmarkt: Mieten und Kaufpreise für das private Wohnen steigen immer weiter. Die gewerbliche Vermietung von Ladenlokalen hingegen bereitet wegen des lange zugesperrten Einzelhandels Probleme. Auch Büroflächen gibt es derzeit im Überfluss, weil viele Unternehmen sich räumlich verkleinern wollen. Schon seit Jahren experimentieren sie mit Nutzungskonzepten, in denen es keine persönlich zugeordneten Schreibtische mehr gibt. Die Arbeit von zu Hause erspart ihnen erhebliche Kosten, die sie auf ihre Beschäftigten abwälzen. Denn Zusatzleistungen wie Diensthandys oder Firmenlaptops gleichen keineswegs aus, was eine optimierte, den Vorschriften des Gesundheitsschutzes genügende Einrichtung des Heimarbeitsplatzes verschlingen würde. Die neu eingeführte Homeoffice-Pauschale in der privaten Steuererklärung von maximal 600 Euro pro Jahr kompensiert die Mehrausgaben für zusätzliche Investitionen nur symbolisch. Mit dieser Summe lässt sich gerade mal eine ergonomische Sitzgelegenheit finanzieren.

Onlinevertrieb, Paketlieferungen an die Haustür und Streamingangebote verändern die Städte. Es kommt zu einer Entflechtung urbaner Räume, mancherorts, etwa in Vierteln mit geringer Kaufkraft, auch zur Verödung. Das Zentrum verliert an Attraktivität, was nicht unbedingt Grund zur Klage sein muss. Billigketten in liebloser und fantasieloser Architektur waren schon in der Vergangenheit alles andere als ein städtebaulicher Magnet. Nach dem Ende der Dauerschließungen dürften hier die Folgen der ruinösen staatlichen Corona-Politik besonders sichtbar werden. Vor allem den Shoppingzonen in strukturschwachen Gebieten drohen zugenagelte Geschäfte, insolvente Cafés und aufgegebene Kaufhäuser.

Eine zentrale Ursache sind die astronomischen Mieten. 30 oder gar 50 Euro pro Quadratmeter gelten in guten Lagen als durchaus üblich, die Preise liegen traditionell fast überall deutlich über denen von privaten Wohnungen. Zudem gehören die Gewerbeobjekte in den Innenstädten häufig spekulierenden Hedgefonds, privaten Großinvestoren oder großen Versicherungskonzernen, denen zeitweise Leerstände relativ egal sind. Diese Wildwest-Ökonomie kann nur staatliche Regulierung stoppen. Warum gibt es nicht längst einen bundesweiten Mietendeckel für solche Immobilien? Nur so könnten Stadtplaner andere Nutzungsideen realisieren, die sich von der einseitigen Fixierung auf das Einkaufen lösen – indem sie Ladenlokale und Büros zu Wohnungen umwidmen und mehr Kulturangebote schaffen in den sich weitgehend gleichenden, uniform gestalteten Fußgängerzonen.

Eine Stadtflucht hat der erhöhte Platzbedarf durch das mobile Arbeiten bisher nicht ausgelöst. Dieser angebliche Trend wird zwar von einigen Feuilletons herbeigeschrieben, ist aber statistisch bisher nicht belegt. Noch immer wollen junge und gut ausgebildete Menschen meist in den Großstädten leben. Die Wohnungskrise könnte sich hier noch verschärfen, weil wegen der stärkeren Präsenz zu Hause größere Objekte nachgefragt werden – am besten mit Balkon oder Terrasse. Mieten, Bodenrichtwerte und Immobilienpreise drohen daher weiter zu steigen. Das unterstreicht die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe, um die Städte sozial ausgewogen zu gestalten – trotz der notorischen Proteste und Klagen der Wohnungslobby gegen jede Intervention.

Im günstigen Fall könnten die Erfahrungen aus der Pandemie als Korrektiv für eine lebenswertere Umgebung wirken. Die Zukunft gehört nachbarschaftlichen und multifunktionalen Stadtquartieren, in denen zugleich gewohnt, gearbeitet und eingekauft werden kann. Hilfreich sind dabei kreative Lösungen auch im kleinen Maßstab. Baugruppen oder Wohngenossenschaften haben längst sogenannte Co-Housing-Konzepte vorgelegt, die durch gemeinschaftliche Nutzung von Gärten, Küchen, Gästezimmern, Werkstätten oder auch Büros den individuellen Wohnbedarf reduzieren. Zwar werden solche Ideen bei manchen kommunalen Entwicklungsprojekten in begrenztem Umfang gefördert oder als Vergabekriterien in Architekten-Wettbewerben mitberücksichtigt. Meist jedoch übersteigt die Nachfrage nach neuen Wohnformen das Angebot deutlich. Bestimmt allein der Markt, an wen lukrative städtische Grundstücke verkauft werden, haben sozial orientierte Initiativen kaum eine Chance.

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06:00 02.06.2021

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