Frankreichs Rechte: Mein Sohn, der Neonazi

Frankreich Weshalb haben in Frankreich die Rechtsextremen so viel Zuspruch? Im Bestseller „Was es braucht in der Nacht“ gibt Laurent Petitmangin eine literarische Antwort
Die zwei aussichtsreichsten Kandidaten der Rechtsextremen, Marine Le Pen und Éric Zemmour, könnten im ersten Wahlgang zusammen mehr als 30 Prozent holen. Weshalb haben in Frankreich die Rechtsextremen so viel Zuspruch?
Die zwei aussichtsreichsten Kandidaten der Rechtsextremen, Marine Le Pen und Éric Zemmour, könnten im ersten Wahlgang zusammen mehr als 30 Prozent holen. Weshalb haben in Frankreich die Rechtsextremen so viel Zuspruch?

Foto: Zakaria Abdelkafi/AFP/Getty Images

Am 10. April findet die erste Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich statt, ehe es zwei Wochen später in die Stichwahl geht. Laut jüngsten Umfragen steht Amtsinhaber Emmanuel Macron vor der Wiederwahl. Es zeichnet sich allerdings ab, dass die zwei aussichtsreichsten Kandidaten der Rechtsextremen, Marine Le Pen und Éric Zemmour, im ersten Wahlgang zusammen mehr als 30 Prozent holen werden. In der Stichwahl könnte Le Pen gar circa 44 Prozent der Stimmen auf sich vereinen – was ziemlich erschreckend wäre. Eine Entwicklung, die sich seit Jahren und Jahrzehnten abzeichnet. Weshalb haben in Frankreich die Rechtsextremen so viel Zuspruch?

Eine literarische Antwort mag uns der aus Lothringen stammende Laurent Petitmangin mit seinem Debütroman Was es braucht in der Nacht geben. Der 57-jährige Schriftsteller und Angestellte bei Air France schreibt seit seiner Jugend, sein spätes Debüt ist ein Überraschungserfolg. Was es braucht in der Nacht wurde mit etlichen Lese- und Literaturpreisen prämiert, in mehrere Sprachen übersetzt und soll verfilmt werden. Sein Zweitlingswerk erschien vergangenen Herbst in Frankreich: ein Berlin-Roman.

Doch zurück zum aktuellen Text: Der namenlose Ich-Erzähler, Vater und Bahnarbeiter aus Lothringen, schildert uns Leser:innen seine Geschichte mit den Söhnen Frédéric, genannt Fus, und Gillou. Als die Mutter nach einer Krebserkrankung stirbt, fühlt sich der Vater überfordert. Die Kommunikation mit den Söhnen findet an Wochenenden über den Fußball statt: Der Vater begleitet Fus bei seinen Spielen, und alle zwei Wochen gehen sie ins Stadion, um ihre Mannschaft FC Metz anzufeuern. Ansonsten herrscht erdrückende Sprachlosigkeit. Ein Parteigenosse – der Vater ist Mitglied bei der Sozialistischen Partei – sagt ihm, dass Fus mit Faschisten rumhänge.

Als der Vater seinen Sohn wütend zur Rede stellt, beruhigt der ihn, seine neuen Freunde seien keine Rassisten: „Glaub mir, meine Kumpels sind auf der Seite der Arbeiter. Sie pfeifen auf das, was die in Paris von sich geben, sie setzen sich für unsere Gegend ein.“ Daraufhin wechselt der Vater monatelang kein Wort mit ihm. Auf der lokalen Facebook-Seite der Jugendorganisation des Front National liest er, dass Fus und seine Kumpels alte Möbel wieder funktionstüchtig machen. Unter den Posts entdeckt er antisemitische, rassistische und homophobe Sprüche. Der Vater schämt sich. Eines Tages findet er Fus mit schweren Verletzungen daheim auf dem Sofa. Linksautonome haben ihn zusammengeschlagen. Der Vater bezweifelt, dass sein Sohn unschuldig in die Schlägerei hineingeraten ist. Es kommt schlimmer: Fus muss sich später wegen Mordes an einem Linksautonomen verantworten …

Leere Versprechen aus Paris

Petitmangin schildert eindrücklich, wie ein junger Mann Mitglied bei den Rechtsextremen wird – und zwar einer aus der Mitte der Gesellschaft, aus einer linken Arbeiterfamilie. Rechtsextreme vermitteln Jugendlichen und jungen Erwachsenen Halt, Anerkennung, Gemeinschafts- und Heimatgefühle. Zudem beschreibt der Autor, ähnlich wie Didier Eribon, wie die Infrastruktur auf dem Land allmählich wegbricht, wie kaum nachhaltige Jobs geschaffen werden, wie Versprechen aus Paris zerplatzen. Letzteres veranschaulicht Petitmangin zu Recht anhand der Sozialistischen Partei, die die Probleme ihrer Klientel verkennt und sich lieber mit Programmen anderer linker Parteien auseinandersetzt statt mit der Politik des aktuellen Präsidenten Macron oder der Rechtsextremen Le Pen. Eine politische Kapitulation der Linken.

Schade nur, dass die ausgezeichnete soziopolitische Analyse Petitmangins durch die zweite Hälfte des Buches relativiert wird. Denn Fus muss sich den juristischen Konsequenzen in zwei Prozessen stellen. Ergo: Zum Inhalt und zur Analyse kommt kaum noch etwas hinzu. Im Gegenteil: Fus’ Mord wird letztlich als Rachemord gewertet, dem Ermordeten eine Mitschuld gegeben. Folglich ist das Politische nicht mehr ausschlaggebend. Es zählen nicht mehr die menschenverachtenden Gedanken, die zu dieser Tat geführt haben. Der Vater, der zunächst wütend ist, erkennt plötzlich, dass Fus trotz allem sein Sohn ist – verständlich, aber welche Aussage möchte uns Petitmangin mit diesem (kitschigen) Ende geben?

Info

Was es braucht in der Nacht Laurent Petitmangin Holger Fock, Sabine Müller (Übers.), dtv 2022, 160 S., 20 €

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