Lauschangriff 01/06

Kolumne Die Legendary Pink Dots sind 25 Jahre alt geworden. Langfristig gesehen geht es Bands oft besser, wenn sie nie im Trend lagen - dann können sie nicht ...

Die Legendary Pink Dots sind 25 Jahre alt geworden. Langfristig gesehen geht es Bands oft besser, wenn sie nie im Trend lagen - dann können sie nicht aus der Mode kommen. Dazu noch sind solche Künstler möglicherweise seelisch gesünder. The Legendary Pink Dots etwa sind so ein Fall. Die Band wurde 1980 in East London ins Leben gerufen, und war von Anfang an im engen Sinne "independent." Nicht mal der berühmte Punk/Indierock-RadioDJ John Peel spielte ihre Platten im Radio. Die Pink Dots schwammen gegen den Strom. Ihre Vorbilder waren britische Psychedelia-Gruppen der sechziger und siebziger Jahre wie Gong, Van der Graaf Generator oder King Crimson. Sie verknüpften das hippieske experimentelle Feeling mit moderneren Gothic- und Industrial-Einflüssen. Sehr bald erkannten sie, dass sie bei ihren eigenen Landsleuten keine Chance hatten und zogen nach Holland. Wenn John Peel damals eine Gruppe nicht mochte, war das Leben für die Betroffenen sehr schwer. Peel war ein Punk-Fan, und die Pink Dots hatten überhaupt keine Punkwurzeln.

Nun leben Pink Dots seit 20 Jahren in Holland ohne je Bestandteil der holländischen Musikszene geworden zu sein. Sie existieren isoliert für sich und machen stur weiter. Dank ihres hartnäckigen Überlebensinstinkts haben sie allen Höhen und Tiefen zum Trotz mittlerweile ein loyales Publikum weltweit aufbauen können. Der unbedeutendste Markt für sie ist dabei nach wie vor England. Ihr größtes Publikum haben sie inzwischen in Amerika, wo eine ganz neue Generation von "Collegekids" die geheimnisvolle Aura dieser Band entdeckt hat. Westeuropa dagegen hat für die Band an Bedeutung verloren, die Öffnung des Ostens wiederum war für sie wichtig: Die Pink Dots haben ein großes Kultpublikum in Polen, Tschechien und Russland.

Ganze zwei Mann aus der Originalbesetzung sind heute übrig geblieben: Der Sänger und Songwriter Edward Ka-spel und der Keyboarder Phil Knight alias The Silverman. Ein langjähriges Mitglied ist aber auch Niels van Hoorn, der Saxophon und Klarinette spielt. Diese drei prägen den Sound der Band, wobei Edward Ka-spel seit jeher den Kopf der Gruppe bildete und noch heute das Tempo vorgibt. Für die Spielregeln der Musikindustrie hat er sich nie interessiert. Als ich ihn vor kurzem fragte, wie viele Pink Dots-Alben es gäbe, wusste er keine Antwort. Vielleicht 40, meinte er, und circa 25 Edward Ka-spel Soloplatten.

Einige dieser Alben sind nie richtig vertrieben worden und waren nur schwer zu bekommen, aber seit geraumer Zeit sind die Pink Dots bei dem renommierten amerikanischen Independent Label ROIR. Die letzten drei Alben wurden deshalb regulär in den Staaten veröffentlicht und die Band erlebt derzeit so etwas wie eine Renaissance. Das aktuelle Album The Whispering Wall klingt dementsprechend nach Wiedergeburt. Traten die beiden Platten davor, All the King´s Horses und All the King´s men, irgendwie auf der Stelle, möglicherweise weil ein langjähriges Mitglied, Ryan Moore, die Gruppe verlassen hatte, klingen sie auf The Whispering Wall frisch und erholt. Und immer noch märchenhaft schön und gruselig zugleich.

Vor ein paar Wochen interviewte ich Edward Ka-spel anlässlich der 25-jährigen Jubiläumstournee in Deutschland. Dem guten Mann sei hier das letzte Wort erteilt: "Ich schaue mir die Welt immer noch gewissermaßen mit großen Augen an. Ein Zyniker war ich nie. Man kann sich das nicht einfach aneignen. In vielerlei Hinsicht war ich oft naiv; ich falle auf die Schnauze ohne vorher die geringste Ahnung zu haben. So bin ich nun mal. Ob ich weise geworden bin? Nein, nicht wirklich. Was ich heutzutage schreibe, gibt meine Erfahrungen wieder, aber ich glaube noch an mich und auch an die Menschheit. Ich renne gewissermaßen immer noch der Wolke oben auf dem Berg hinterher und sehe mich mit meiner Traumprinzessin herunterrennen. Das ist mein Blick aufs Leben. Ich glaube nicht, dass ich besonders wunderlich bin. Mein Sinn für Humor ist ausgeprägt; in der heutigen Zeit braucht man das, um zu überleben. Sonst könnte man sich gleich vom nächsten Gebäude stürzen. Zwar gibt es viele Gründe für das Herunterspringen, aber nicht, wenn man die Dinge mit Humor betrachten kann."


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00:00 06.01.2006

Ausgabe 38/2020

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