Lauschangriff 1/07

Klassik-Kolumne Dass ein überragender Klavierspieler kein Chinese sein muss, kein verdrückter Wunderknabe aus Moskau und auch kein britisch-deutscher Seelenforscher ...

Dass ein überragender Klavierspieler kein Chinese sein muss, kein verdrückter Wunderknabe aus Moskau und auch kein britisch-deutscher Seelenforscher mit langem Grauhaar und dicken Brillengläsern, dafür steht Stefan Vladar Modell. Er widerlegt auch das Vorurteil, es gäbe vielleicht hübsche Geiger oder Sänger - aber keinen Klavierspieler, der nicht entweder zu dick oder zu glatzköpfig, zu vergeistigt oder zu glatt aussähe. Der nette Junge aus Graz sieht einfach nur gut aus; etwas mephistophelisch dazu, was seine Attraktivität ein wenig ins Interessante verrätselt. Und er spielt allerdings Klavier auf eine Weise, die ihn, selbst wenn er einen Hängebauch und Triefaugen hätte, herausragen ließe aus Legionen männlicher und weiblicher Pianisten, die technisch vielleicht ebenso komplett sind wie er, denen aber Entscheidendes fehlt.

Vladars neueste CD ist ein Prüfstein. Denn Schumanns Papillons op. 2 und sein Carnaval op. 9 gehören zu den bei Pianisten von Rang beliebtesten Teststrecken und Glanzstücken. Viele haben sie eingespielt; es setzt sich dem Vergleich mit den Besten aus, wer sie meistert. Der große - das derzeit inflationär verhunzte Attribut passt hier präzis - Artur Rubinstein war, was Schumann angeht, der Beste. Vladar muss den Vergleich mit ihm allerdings kaum scheuen. Wo sein Arlequin infolge hier und da etwas verhuschter Konturen rhythmisch nicht ganz so prägnant und schelmisch herauskommt wie beim alten Meister, da tut der junge Österreicher es dem alten Polen fast gleich an Spannkraft und Witz im Spiel mit den Vorhalten und mit dem Wechsel von Mutwillen und Melancholie im Coquette. Im Prestissimo der Papillons (des 9. Stücks im Carnaval) ist er dem Alten über, denn Vladars Finger bewegen sich in der Geschwindigkeit geläufiger und souveräner.

Erstaunlich, was Vladar, noch in Schwindel erregenden und elegant bewältigten Tempi, an Intelligenz und Fantasie aufbringt in der Gestaltung des Materials selbst auf kleinstem Raum. Und - bei den heute nicht eben raren Supertechnikern keineswegs selbstverständlich - er weiß, was er da unter den Fingern hat, die romantische Tradition, ihr Ton und Ethos sind ihm vertraut. Der ständige Wechsel von Tanz und Träne beispielsweise, von Überschwang und Unterdruck gelingt ihm so gut wie die Darstellung der Lust am Feiern rauschender Feste, die oft genug nichts anderes sind, als sich umkreisende, sich bespiegelnde Selbstfeiern einsamer Virtuosität und Schöpferkraft.

Auch der CD mit den Préludes op. 28 und den vier Balladen des Schumann zeit- und wesensverwandten Frédéric Chopin funkelt Vladars Technik, kombiniert mit erlesenem Geschmack und spielerischer Intelligenz. In für romantische Verhältnisse etwas längeren Stücken wie Chopins Opus 23 kommt zur Geltung auch sein Sinn für Steigerungen und Gliederung, in Opus 28 die Neigung, großartige Kleinigkeiten zu verknüpfen, bis eine Erzählung entsteht. Vladar lässt Chopins arpeggierte Läufe perlen, quellen und fließen und lässt zugleich deren harmonische Struktur hören. Was auch die CD mit Brahms´ späten, unendlich traurigen, gebrochen schönen und reichen Klavierstücken veredelt.

Neuerdings macht sich Vladar den für Pianisten alltäglichen organisierenden Blick auf eine Partitur zunutze. Er dirigiert vom Klavier her die Camerata Salzburg bei zwei Klavierkonzert-Rennern Mozarts. Sein Mozart ist kristallklar und behände bis in die Verzierungen. Man könnte die Interpretation für konsequent nichtromantisch halten - wenn solche Erwägungen sich nicht in Luft auflösten angesichts zweier Werke, die, ohne romantisch zu sein, romantische Momente glückhaft antizipieren. Vladars pralles Musikantentum lässt außerdem Theorietrübungen des Musikgenusses gar nicht erst zu.

Schumann: Papillons, Carnaval, Faschingsschwank aus Wien - Stefan Vladar; Harmonia Mundi France HMC 901890;

Schumann: Carnaval, Novelete op. 21. Nachtstück op. 23, Romance op. 28, Fantasiestücke op. 12 - Artur Rubinstein; RCA/BMG/Sony Classical 0902663020-2;

Chopin: Préludes, Balladen op. 23/38/47/52 - Stefan Vladar; Harmonia Mundi France HMC 905260;

Brahms: Klavierstücke op. 116 - 119 - Stefan Vladar; Harmonia Mundi France HMC 901844;

Mozart: Klaiverkonzerte C-Dur K. 467 und c-moll K. 491, Fantasie d-moll K. 397, Rondo D-Dur K.382 - Camerata Salzburg, Stefan Vladar Harmonia Mundi France HMC 901942.


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00:00 05.01.2007

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