Lauschangriff 15/05

Klassik-Kolumne Ist es der Klang der Sprache, ihre mit Raum für Pathos und Märchenhaftes versehene Melodie? Ist es die gewaltig ausschwingende Musik Jean Sibelius´? ...

Ist es der Klang der Sprache, ihre mit Raum für Pathos und Märchenhaftes versehene Melodie? Ist es die gewaltig ausschwingende Musik Jean Sibelius´? Als ich die neue Platte der - dito ziemlich neuen (geboren 1972) und schönen - estnischen Dirigentin Anu Tali zum ersten Mal hörte, griff die Imagination spontan zu. Es muss am raunend singenden Schwedisch des Erzählers Lasse Pöysti gelegen haben. Man muss es ist nicht unbedingt verstehen. Klang und Melodie sind Inhalt genug. Die Welt in Sibelius´ Melodram Waldnymphe op. 15 kann man ohnehin verstehen wie man eine dieser rauen, mit einem Elchmuster durchwirkten norwegischen Wolldecken versteht, die den Menschen, der sich in sie einhüllt, bis ans Herz wärmen.

Die Einsamkeit der Landschaft aus Wäldern und Steinen, Fjorden, Fjells und Schnee ist vormodern. Sie ist altmodisch. Man kann bei sich sein in ihr. Weil sie menschenfreundlich ist, menschenleer. Sie ist einzigartig. Aber nicht allein auf der Welt. Nordisch - daran werden wir uns gewöhnen müssen als osterweiterte Europäer - ist nicht nur Skandinavien. Auch der an der Ostsee endende Teil Russlands - auf der CD vertreten durch Rachmaninovs Drei russische Lieder für Chor und Orchester op. 41 - mit seiner Metropole St. Petersburg und auch die baltischen Länder sind nordisch.

Die Musik des 1959 geborenen Esten Erkki-Sven Tüür erinnert daran, dass das Baltikum den großen Raum Skandinaviens auf baltische Weise fortsetzt. Tüürs großräumiger, rhythmisch kraftvoll dynamisierter und tonal nach allen Seiten offener Minimalismus enthält - mit hörbaren Anleihen auch bei Rock und Jazz - die kühle, moosige Weite der Wälder und Küsten des Nordens. Zugleich klingt da der Umstand mit, dass die Moderne auch diesen Weltteil längst erfasst hat mit kapitalistisch-unaufhaltsamer Ökonomie, mit der wuchernden Urbanität der die Umwelt aufsaugenden Großstädte.

Es ist reizvoll, anlässlich vorsichtiger Fantasiereisen in europäische Zukunft den Bogen zu schlagen bis ans trockenheiße Südende der EU. Aktuelle Plebiszite verführen zu Träumereien: Bürger, die sich gegenseitig ermuntern zu Obrigkeitsskepsis, Menschenfreundlichkeit und jener aufregenden Lebenslust, die einem nur aus Fremde und Fremdheit entgegenweht.

"Um zu verstehen, was diese Musik ausdrückt", sagte mir Etta Scollo über ihre neue CD Canta Ro´, "muss man nicht Sizilianisch können". Sie kann; sie kommt aus Sizilien. Lebte in Turin, wurde in Wien als Sängerin eines Erfolgsschlagers fast reich. Ließ Wien und Schlager hinter sich. Vermied (Geld-)Reichtum und Oberflächlichkeit lange Jahre in Hamburg und vermeidet sie seit Mai 2005 in Berlin.

Sie hörte die Lieder Rosa Balistreris - der sich das "Ro" im Titel der CD verdankt - zum ersten Mal mit vierzehn. Balistreri sang, wo sie arbeitete, auf den Märkten, an den Stränden, in den Kneipen ihrer Heimat. Poesie half ihr, die jahrhundertealten patriarchalen Tabus in Sizilien zu überlisten: So geht es ums Fleisch des Geliebten, wenn sie in L´Anatra, Strophe für Strophe wie im Kinderlied, die Körperteile einer Ente aufruft. Hurtig volkstänzelnd handelt auch U Cunigghiu (Das Kaninchen) von der ersehnten sexuellen Präsenz des Liebsten. Und selbst im Duft des Basilikums - Quantu Basilicò - verbirgt sich der Odem geliebter Haut ("Wenn Du mein Diener wärest/morgen würde ich/erst mittags aufstehen").

Die Kassette mit Balistreris Liedern lag lange herum, in Scollos Wohnungen und in ihrem Herzen. Um den "Schubladentraum" schließlich wahr zu machen, brauchte sie alles, was sie bislang gelernt hat: Klassik, Jazz, Volksgesang, die jahrelange Kunsterfahrung ihrer Karriere. Scollos Stimme ist authentisch, weil sie echt ist und spontan wie der lustvolle Schrei nach Leben. Sie bewundert die fiebrige Melancholie Billy Holidays. Und hat etwas von der Kraft und Direktheit einer Edith Piaf. Nicht zu vergessen die Zärtlichkeit und Liebe zum Geschichtenerzählen, mit der sie sich auch vermeintlichen Sachthemen widmet wie die lange Fremdherrschaft, von der Mentalität und Geschichte ihrer Landsleute geprägt ist.

Schließlich: Wie Scollos Arrangeure die einfachen Harmonien der Ukulele Balistreris verwandelt haben in die wandlungsfähige Begleitung eines großen Sinfonieorchesters - bravi e brava!

Action, Passion, Illusion - Nordic Symphony Orchestra; Anu Tali; Warner Classics 2564 61992-2. Etta Scollo, Canta Ro´, Ommagio a Rosa Balistreri; L´Orchestra Sinfonica Siciliana; Soulfood Music/Premium Records PRE 006


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00:00 10.06.2005

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