Lauschangriff 15/08

Musik Zwei Takte, und das Ohr weiß: Da kommt Vertrautes unvertraut. "Heitere Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande", schrieb Beethoven als "Programm" ...

Zwei Takte, und das Ohr weiß: Da kommt Vertrautes unvertraut. "Heitere Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande", schrieb Beethoven als "Programm" vor den ersten Satz seiner 6. Sinfonie. Das Stück müsste behaglich gespielt werden; auf alle Fälle schön langsam.

Sitzt man nun aber draußen im frühen Sommer - ein Schmetterling flattert übers Beet, eine Lerche überholt ihn im Tiefflug, unsere Katze saust über den Rasen, eine Brise kräuselt den See -, möchte man Jos van Immerseel recht geben: Das Landleben hat eigene Tempi, andere als ein Airbus oder E-Mail, und Beethoven hat sich gewiss etwas dabei gedacht, als er per Metronomzahlen ein schnelles Tempo vorsah für die Musik seiner Pastorale.

Der belgische Dirigent Jos van Immerseel lässt alle neun Sinfonien plus die Ouvertüren, die gerade auf sechs CDs herausgekommen sind, schnell spielen. Das machten vor ihm auch andere Barockspezialisten, Roger Norrington etwa oder John Eliot Gardiner. Immerseel und seiner Kapelle Anima Eterna verfügen indes aber fast 20 Jahre mehr Erfahrung mit historischer Aufführungspraxis. Sie wissen, dass schnelle Tempi - kammerorchesterhaft kleine Besetzung vorausgesetzt - Artikulation erfordern mit Pausen, elastisch genug, um die Musik zu gliedern in der Geschwindigkeit. Was zu tun ist, wenn man - ohne Dogmatismus - auf Vibrato verzichtet, damit der Ton in der Länge interessant bleibt. Dass Struktur, Technik und Recherche nicht alles sind. Es gehört Unwägbares dazu wie Esprit oder das, was man in Beethovens Wiener Wahlheimat Schmäh nennt.

Die neben der Ode an die Freude berühmteste aller Beethoven-Erfindungen, der Anfang der Fünften, entbehrt der gewohnten Agogik. Zwischen Klopfmotiv, Wiederholung und anschließend variierender Verkleinerung fehlen die langen Pausen, die dem Ganzen denkmalhafte Schwere und Bedeutung verleihen. Es bleibt der Eindruck einer bei aller Schroffheit der Akzente eleganten, gleichwohl dramatischen Einspielung.

Die kleine Besetzung - fünf erste Geigen, sechs zweite, fünf Bratschen und so weiter - sorgt dafür, dass die konventionelle Dominanz der Streicher einer frappierenden Durchhörbarkeit und Farbigkeit weicht. So wird im Scherzo der Siebten die führende Rolle von Flöten und Oboen erst deutlich. Pauken und Hörner sorgen hörbar an Stellen wie den wunderbar polterigen Passagen des Finales für - haydnmäßig - kunstvollen Lärm.

Leider fehlen dem Eingangssatz der Eroica letzte Innenspannung und Abstimmung. Auch der Eröffnungssatz der Neunten bewegt sich nicht auf dem Niveau der Maßstäbe, die Immerseel hier setzt. Dafür gehen im Chorfinale Orchester, Solostimmen und der mit nur vier mal sechs Sängern besetzte Chor fabelhaft plausibel zusammen. Das Stück klingt in Immerseels Deutung so organisch ausbalanciert, dass die gruslige Patina aus Geschichte und Missbrauch abfällt wie Gips.

Beethoven hat sich durch die seinerzeit hypermoderne Hinzunahme von Menschenstimmen in eine Sinfonie eines Problems entledigt, das der Musikautor und Dirigent Peter Gülke den "Jupiter-Komplex" nennt. Mozart, so Gülke, sei es im Finale seiner letzten Sinfonie gelungen, in nicht mehr zu überbietender Weise, "ernsteste und tiefste Dinge" in schnellem Tempo zu verhandeln. Das ganze 19. Jahrhundert habe damit ein Tempo- und Finalproblem davongetragen.

Auch Mozarts letzte drei Sinfonien, darunter die so genannte Jupiter-Sinfonie, kann man mit Immerseel und Anima Eterna hören, tempogeladen, federnd impulsiv akzentuiert mit grell und schonungslos ausgestellten Dissonanzen. So könnte endlich Schluss sein mit "Mozarts Zauber", in dem jeder Ton "innig leuchtend gleichmäßig" klingen muss (Joachim Kaiser), als sei Mozart nicht von dieser Welt gewesen.

Beethoven Sinfonien und Ouvertüren. Kaappola / Kielland / Schäfer / Bauer / Anima Eterna / Jos van Immerseel; zigzag territoires ZZT 080402.6; Mozart Sinfonien K. 543, 550, 551, Fagottkonzert K. 191. Jane Gower / Anima Terna / Jos van Immerseel; zigzag territoires ZZT 030501.

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