Lauschangriff 29/04

Klassik Kolumne

Bill Gates, heißt es, sei der reichste Mann der Welt. Wer ihn gesehen hat, wie er auf der Bühne einer Betriebsversammlung seiner Weltfirma inmitten fröhlicher Mitarbeiter den "ausgelassenen Tänzer" gab, der hat - Körpersprache lügt nicht - ein armes Würstchen gesehen. Es könnte der Menschheit egal sein, dass Spitzenmanager vom Typ Gates oder Ackermann, Kopper oder Schrempp individuell immer prolliger und dürftiger werden. Wenn diese Weltherrschaften nicht dabei wären - durch sukzessive Beseitigung eines gemeinschaftsdienlichen Staates - langfristig für die soziale, die kulturelle und zivilisatorische Pauperisierung der Menschheit zu sorgen.

"Auch wenn ein Fürst einmal ein Volltrottel war", sagte mir György Ligeti in einem seiner letzten Interviews, in dem es um die Schließung des deutschen Traditionslabels Teldec durch den US-amerikanischen Time-Warner-Konzern ging, "das Mäzenatentum der Aristokratie funktionierte trotzdem. So schlecht diese Klasse für das Leben des einzelnen Menschen war. Aber im Unterschied zu den Industriellen heute hatte sie Geschmack."

So viel Geschmack und Musikverstand, dass ein ungarischer Landsmann Ligetis, der Barockfürst Nikolaus von Esterhazy, einen Dienstboten bewog, 30 Jahre bei Hof zu bleiben. Dieser Hof befand sich in Eisenstadt und in Fertöt nahe dem Neusiedler See, damals wie heute der Arsch der Welt. Und es war nicht allein die gute Bezahlung, die Joseph Haydn bewog, sein Leben in Panonien zu verdauern. Es war die Möglichkeit, für einen Auftraggeber zu arbeiten, der, weil selbst ausübender Musiker, offenbar ermessen konnte, welche nicht allein einfalls- und überraschungsgesättigten, sondern auch geradezu avantgardistischen Arbeiten ihm sein Kapellmeister mit jeder neuen Sinfonie, jedem neuen Streichquartett vorlegte.

Haydns Symphonien galten bis vor kurzem als harmlose Vorläufer in der Hierarchie der Wiener Klassik. Erst die Exponenten historischer Aufführungspraxis entdeckten sie als Gründungsmodelle neuzeitlicher Orchestermusik, auf die gerade Mozart und Beethoven bis in deren Spätwerke zurückkamen.

Drastisch und differenziert demonstrieren die kleinen, farbig durchzeichnenden Ensembles mit den alten Originalinstrumenten Haydns instrumentatorische Feinheiten, seine Freude an der Ausbreitung des Konzertanten im Orchester, sein intelligentes Spiel mit Erwartungen eines Hörers, dem ein von Witz und Kalkül getriebener Komponist mit immer neuen Überfällen und Überraschungen auflauert (Symphonien 44 45, Klavierkonzert D-Dur - Anima Eterna, Jos van Immerseel; Zig-Zag Territoires/Note1 ZZT 040203).

Ein Mäzen wie der Habsburger Kaiser Joseph II. förderte in Mozarts Hochzeit des Figaro sogar ein Kunstwerk, dessen Vorlage - Beaumarchais´ Theatertrilogie - für Napoleon ein "Sturmvogel der Revolution" gewesen sein soll. Haydns Geist, sein Sonatensatz, der Schalk und die Schlagkraft seines Orchesters sind in Mozarts Oper Komödie geworden in einer freilich allein Mozart eigenen Weise. Liebe und Revolution durchdringen einander darin zu einem brisanten Gemisch.

Referenzqualität in der Riesendiskographie des Figaro hat nach wie vor Erich Kleibers Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern (Decca/Universal 417 315-2). In der Paralleldiskographie der Figaro-Einspielungen auf alten Instrumenten verbindet jetzt Réné Jacobs mit Concerto Köln/Collegium Vocale Gent trennscharfe Luzidität und Angriffslust der Historischen mit der Sensualität, Beseeltheit und dem Wohlklang eines Ansatzes, der sich dem Geist des Singens verdankt - Jacobs begann seine Karriere als gefeierter Kontra-Altist (Gens, Ciofi, Kirchschläger, Keenlyside u.a., Harmonia Mundi France HMC 90181820). Der Kampf für den Sieg der echten Gefühle hat eben nur in den eitlen Köpfen und Herzen derjenigen nichts mit Politik zu tun, die auch sonst Vermögen allein für eine Sache des Geldes halten.

"Die Kunst, wie ich sie verstehe", so die österreichische Komponistin Olga Neuwirth, "muss sichtbar machen, sie muss aufzeigen und Haltung haben. Sie soll irritieren. Die allgegenwärtige Lüge soll nicht irritieren. Die dient dazu, Machthierarchien zu bewahren. Hier hat die Kunst ihren Platz als Gegenpol." Kein Zitat aus fernen Tagen, sondern aus einem Interview vor vier Wochen. Hoffnung, gütig Geschäftige.


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00:00 03.12.2004

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