Lauschangriff 5/02

Kolumne Große Sinfonik nach Beethoven? Ein schwerer Gang. Denn erdrückend lastete der Schlagschatten des bonn-wiener Giganten auf allen, die erproben ...

Große Sinfonik nach Beethoven? Ein schwerer Gang. Denn erdrückend lastete der Schlagschatten des bonn-wiener Giganten auf allen, die erproben wollten, ob jenseits von Eroica und Chor-Sinfonie noch Raum war für Weiterführendes. Den größten Erfolg, nachdem Schubert traurige, Schumann, Mendelssohn und Bruckner wechselhafte Erfahrungen gemacht hatten, verbuchte Brahms, der vor lauter Skrupeln diesbezüglich aber extrem spät begann. Er betrieb alles so ernst und gründlich, dass er es am Ende nur auf die vergleichsweise bescheidene Zahl von vier Sinfonien brachte (Haydn schrieb deren 104!). Von der Unzahl an Aufnahmen des Katalogs ist mir die mit dem Finnen Paavo Berglund und dem Chamber Orchestra of Europe eine der liebsten, weil sie Brahms´ Sinfonien unpompös, kammermusikalisch und perfekt musiziert und zugleich hoch lebendig wiedergibt (Ondine ODE 990-21).

Am weitesten hinaus übers große Vorbild trug es Gustav Mahler, der den sinfonischen Schlusspunkt suchte, dabei in Abbruch und Auflösung geriet und fast den Ausgang in die Moderne fand. Claudio Abbado nimmt momentan, wie als Quintessenz seiner Zeit mit den Berliner Philharmonikern, Mahlers zehn bis elf Sinfonien auf. Neueste Veröffentlichung: Der Sonderfall der Siebten. Sie ist, anders als Nummer zwei, drei, vier und acht, weder eine "Gesangs-Sinfonie", noch eine, die immer neu abzielt auf Katastrophen und hat alles, was das Mahlerhören schön macht - expressiv lauschige Nachtstücke, Serenaden-, Marsch- und Tanztöne - und nur kein Adagio. Abbado und sein grandioses Orchester nehmen Spaß und Bitterkeit gleichermaßen wörtlich, mit denen Mahler die Tradition durcheinander würfelt. Selbst der Festwiesengeruch des C-Dur Finales, noch von Adorno mit einem dicken Fragezeichen versehen, hat bei Abbado etwas gestisch und brechtisch und eigentlich schelmisch Modernes und darf ergo allen Ernstes auf sich selbst verweisen (DGG/Universal 471 623-2).

Alexander Zemlinskys Problem war nicht mehr der Schatten Beethovens - sondern der Mahlers. Dabei war er, im Gegensatz zu Mahler, als Musiker ein Theatermensch. Man hat ihm besonders in seiner Lyrischen Symphonie das Schielen nach dessen Lied von der Erde nachgesagt. Zu Unrecht. Seine Musik muss sich, anders als die Mahlers, nicht so anstrengen, um raffiniert und wirkungsvoll zu sein; sie bewegt ihre Konflikte unaufwendiger und ohne Mahlers zwanghaft larmoyante Gebärde der Gebrochenheit. Dem US-Amerikaner James Conlon ist mit seiner Zemlinsky-Edition ein großer Wurf gelungen, eine Wiederentdeckung, die das Repertoire glückhaft bereichert (EMI 5 57307 2).

Mehr als der Atlantische Ozean trennt Mahler und Zemlinsky von ihrem Zeitgenossen Charles Ives. Unbekümmert um den Klotz europäischer Musiktradition, den die beiden Wiener Spätestromantiker am Bein hatten, konnte der erfolgreiche Versicherungsagenturbesitzer aus Connecticut seine ganz eigene Kompositionsweise finden, dazu eine radikal individuelle und urwüchsige Orchestersprache. Ives´ Vierte Sinfonie zitiert und montiert mit lockerer Hand alles, was zwischen Ostküste und Pazifik je erklungen sein mag an Yankee-Musik: Presbiterianische Choräle, sentimentale Fiedeln, nationale Feuerwehrkapellen und Morbides aus Saloons und Hinterzimmern. Seine Adagios und Largos gehen ans Herz. Aber anstatt, wie die Mahlerschen, demonstrative Gefühlstiefe einzuklagen, stellen sie Emotionen plastisch dar. Ives Erkennungszeichen sind die Ballungen, Schichtungen und Kraftentladungen, die sich ergeben, wenn mehrere Orchester gleichzeitig sehr verschiedene Musiken veranstalten - eine Erfindung, auf die der Amerikaner gekommen sein soll, als ihn sein Vater in Kindertagen vom Kirchturm die vier Blasorchester hören ließ, die der experimentierfreudige Senior ums Gebäude gruppiert hatte, damit sie simultan ihre je eigene Musik in die Welt posaunten. Auch Ives ist noch zu entdecken. Entdeckungshelfer mit dieser, auf eigene Rechnung produzierten und vertriebenen CD, ist das Ensemble Modern, eines der weltbesten Kammerorchester für zeitgenössische Musik. Wie dem Zöllner in der bekannten Legende wäre der Kapelle, die hier ausnahmsweise als Sinfonieorchester auftritt, zu danken - am besten durch Erwerb dieser großartigen CD (EMCD-001; info@ensemble-modern.com oder Tel. 069-943430-25 ).

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00:00 25.10.2002

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