Lauschangriff 5/07

Musik-Kolumne Die 40-jährige Kristin Hersh ist ohne Zweifel eine der besten Sängerinnen der heutigen Rockmusik. Ihre kristallklare Stimme erinnert an Joan Baez, ...

Die 40-jährige Kristin Hersh ist ohne Zweifel eine der besten Sängerinnen der heutigen Rockmusik. Ihre kristallklare Stimme erinnert an Joan Baez, hat aber nichts von deren Hippie-Spießigkeit. Musiker vom Jahrgang 1966 sind fast immer von Punk und New Wave geprägt, Hershs Vorbilder waren dementsprechend The Dead Kennedys, The Raincoats, Violent Femmes, Talking Heads, Hüsker Du, Velvet Underground. Aber ihre Eltern vermittelten ihr auch die Appalachian Folkmusik. Ihre eigene Musik spiegelt nun sowohl die Post-Punk- als auch die Folktradition.

Hershs erste Band, Throwing Muses, war in den achtziger Jahren wichtiger Bestandteil der Collegerockszene in Boston und genoss auch in Europa großen Kultstatus. Bekannt waren sie für ihre ungewöhnlichen Songstrukturen, ihre spannenden Akkordsequenzen und ihre undurchschaubaren Texte. Mitte der neunziger Jahre löste sich Throwing Muses aus finanziellen Gründen auf, die Gruppe war ein Minusgeschäft geworden. Kristin Hersh ließ sich jedoch nicht entmutigen und investierte ihre Energie in Soloarbeit. Soeben hat sie ihr siebtes Soloalbum veröffentlicht: Learn to sing like a star.

Der Albumtitel ist natürlich ironisch gemeint. Hersh weiß, wie gut sie ist. Learn to sing like a star war die Betreffzeile einer Spammail, die sie immer wieder bekam. Falls Hersh in den letzten Jahren noch etwas dazugelernt hat, dann lediglich, wie sie ihre stilistische Bandbreite besser unter einem Hut bringt. In den frühen neunziger Jahren gab es bei Hersh nämlich die Tendenz, mit Throwing Muses den eigenen Rocktrieb zu befriedigen, während sie in der Soloarbeit ihre ruhige und bedächtige Seite auslebte. Dann aber stellte sich heraus, dass es da noch mehr Seiten gab. Die späteren Soloalben, Sky Motel und Sunny Border Blue sind noch rigoroser als das Debüt Hips Makers und mit Murder, Misery and Goodnight begann sie, die Appalachian Folkmusik zu erforschen. 2003 gab es das ruhige, melancholische The Grotto. Überraschend kam es 2003 zu einem Throwing Muses-Comebackalbum; trotz hohen Niveaus blieb es ohne jede Resonanz. 2005 gründete Kristin Hersh ein Hardcore Punk-Trio mit Namen 50 Ft Wave, das fast wie ein Satire-Unternehmen wirkte. Ich weiß immer noch nicht, wie ernst es ihr damit war.

Das neue Album ist vielleicht das Erste, das sämtliche Hersh-Talente in sich vereint: Hier zeigt sie uns endlich alles, was sie kann. Es wirkt fast ein bisschen wie ein Compilation-Album, enthält aber eben doch völlig neues Material. Die Sängerin hat es selbst produziert und auch fast alle Instrumente selbst eingespielt, bis auf die Drums, die von Throwing Muses-Mitglied David Narcizo bedient werden, und das Cello und die Violine, die von Martin und Kimberlee MacCarrick gespielt werden, beide haben schon auf dem Throwing Muses-Album Limbo mitgewirkt. Das Ehepaar McCarrick leistet einen besonders wichtigen Beitrag auf diesem Album. Ihr Spiel verleiht Hershs Musik einen tiefgründigen Sound, der manchmal romantisch, oft aber auch unheimlich und düster klingt.

Kristin Hersh ist Mutter von vier Söhnen, aber das hat bei ihr nie dazu geführt, einen Hang zum Gemütlichen und Sentimentalen zu entwickeln. Ihre Songs sind keineswegs streng autobiographisch. Sie klingen oft pathetisch und schmerzerfüllt, sind dabei aber frei vom typischen Selbstmitleid einer Künstlerseele, die in der ersten Person schreibt. "Pinned by a dream state, you are fearless and your empty arms, waiting for no one, you wanted to be wanted ..." (Gefangen in einem Traumzustand, bist du ohne Angst, deine Hände sind leer, du wartest auf keinen, du wolltest gewollt werden ...) - so lautet die erste Textzeile des Eröffnungsstücks In Shock. Ihre Texte sind oft nicht leicht verständlich. Die Songs vermitteln meist ein Gefühl von Verlust, Trauer, Einsamkeit, ohne explizit zu werden. Ganz anders dagegen Hershs Vortragsweise: direkt, unmittelbar und extrem sauber. Weshalb man rein emotional ihre Songs besser zu verstehen glaubt, als man es in Wirklichkeit vielleicht tut. Als junge Frau war Hersh psychisch krank; sie hörte Stimmen und ließ sich davon für ihre Musik inspirieren. Diese Zeit ist zum Glück vorbei, sie vermittelt dennoch den Eindruck, dass sie sich nah am Rande des Untergangs bewegt. Vielleicht ist sie ja gerade deshalb eine der spannendsten Songwriterinnen unserer Zeit.


00:00 30.03.2007

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