Lauschangriff 6/04

Kolumne Wenn man groß, schlank und schön ist, kann das Leben so einfach sein: Man genießt den Model-Luxus in Zürich, Tokyo, NYC; die Welt liegt einem zu ...

Wenn man groß, schlank und schön ist, kann das Leben so einfach sein: Man genießt den Model-Luxus in Zürich, Tokyo, NYC; die Welt liegt einem zu Füßen; man verdient viel Geld und an Verehrern fehlt es auch nicht. So ungefähr ging es Barbara Ann, einem Model aus Miami. Allerdings war sie klug genug, um aufzuhören, als es am Schönsten war, oder anders gesagt, als sie am Schönsten war. Sie zog dann nach Los Angeles und ausgerechnet dort sollte sie die tieferen inneren Werte entdecken.

Schließlich hatte sie ja auch erst mal genug Geld und Zeit, um sich umzuschauen. Bald musste sie feststellen, dass es vielen Menschen schlechter geht als ihr. So meldete sie sich beim Wohltätigkeitsverein Project Angel Food und hat seitdem eine echte Befriedigung im Leben gefunden. Dort arbeitet sie in der Küche und bereitet das Essen für Aids-Kranke vor. Außerdem wirkt sie noch bei Divine Design mit, einer Organisation, die Designerklamotten an Project Angel Food spendet. Der Erlös der verkauften Kleidung geht an Aids-Patienten. Immer wenn Barbara Ann ihre Eltern in Miami besucht, um die sie sich auch kümmern muss, weil sie krank sind, besucht sie Kinder in einer Schule im Armenviertel, und liest Ihnen Geschichten vor. Die Aktion heißt Book Pals. Wie sie mir erst letzte Woche in einer Mail schrieb, hat sie sich darüber hinaus gerade bei den Pencil Pals angemeldet. Sie schreibt jetzt regelmäßig Briefe an benachteiligte Kinder.

Reden wir von einer Heiligen oder von einer Punkfrau? Nun, von einem Model mit großem Herzen, das gleichzeitig in einer Punkrockband, die "Barbara Ann" heißt, singt. Mit an Bord sind renommierte LA Musiker wie Greg Hetson von Bad Religion (Gitarre) und Sean Sellers von Good Riddance (Drums). Weiß man erst Mal um ihre Wohltätigkeitsarbeit, ist es unmöglich, die Vorurteile zu haben, die man vielleicht sonst gegen sie hätte. Sie ist eben nicht das oberflächliche kalifornische Babe, das sich eitel am Strand zeigt, auch wenn die Männer tief einatmen, sobald sie die Bühne betritt.

Für den Eindruck, den sie hinterlässt, noch entscheidender ist letztlich ihr Debütalbum Ode to my Freaks. Es ist in der Tat ein sehr gutes Punkrockalbum. Als Fan hat Barbara Ann jahrelang bei Bad Religion und Circle Jerks-Konzerten herumgehangen und so wohl die Punkattitüde verinnerlicht. Sicher, sie kann sich auf ihre Musikerkollegen verlassen, aber als Neuling hat sie erstaunlich viel zum Album beigetragen; so sind alle Songs eigene Kompositionen, nur bei einem Lied hat sie nicht selbst den Text geschrieben. Es sind gute Punkpoprenner, die sofort in Erinnerung bleiben. Barbara Ann kann singen, und ihre Stimme ist viel besser als man es beim Ex-Model vermuten würde.

Würde man überhaupt etwas bei Claudia Schiffer in dieser Richtung vermuten? Eher nicht. Barbara Anns Gesang ist so gut wie der der Bangles-Sängerin Susanna Hoffs, aber bissiger. Dennoch werden Feministen möglicherweise Probleme mit ihrer mädchenhaften Art haben. Ihre Röcke sind oft sehr kurz, ihre Stimme ist kokett und klingt manchmal schon nach sexueller Aufforderung. Da beginnt die Diskussion, ob Punkrock sexy sein darf, oder ob man seine Integrität dadurch verliert. Courtney Love, die Witwe von Kurt Cobain, hat mit ihrem neuen Album America´s Sweetheart gezeigt, wie krass diese kalifornische Zwiespältigkeit sein kann. Love ist einerseits die Quintessenz des amerikanischen Punks, andererseits liebt sie das Hollywoodglamourleben. Schönheit ist Courtney Love sehr wichtig. Barbara Ann ist wie eine Alternative Underground Version desselben Dilemmas. Allerdings kokettiert Courtney Love mit ihrer Dekadenz, und ich habe wohl deutlich genug gemacht, dass Barbara Ann an menschlicher Größe Courtney Love weit überlegen sein dürfte.

Mir persönlich ist es egal, wie gut Love oder Ann aussehen. Dennoch macht mich das Album Ode to my Freaks nicht ganz glücklich. Auf dem Cover wird der Buchstabe "A" beim Wort "FREAKS" als "Anarchie" Zeichen geschrieben, mit einem Kreis drum herum. Unbewusst weckt es die Hoffnung, die Songs könnten uns was über unseren Weltschmerz erzählen. Schließlich ist Ann politisch-sozialbewusst. Statt dessen handelt es sich eigentlich nur um Liebeslieder für junge Menschen. Von einem Song wie Little Little Loverboy kann ich mich in meinem Alter nicht angesprochen fühlen.


00:00 05.03.2004

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