Lauschangriff 7/06

Klassik-Kolumne Über den italienischen Geiger und Komponisten Giovanni Antonio Pandolfi Mealli haben so wenige Informationen überdauert, "dass einem wissbegierigen ...

Über den italienischen Geiger und Komponisten Giovanni Antonio Pandolfi Mealli haben so wenige Informationen überdauert, "dass einem wissbegierigen Hörer zu vergeben wäre, der vermutet, Pandolfi sei von einem bösartigen Musikologen an einem regnerischen Mittwoch erfunden worden", so der britische Geiger Andrew Manze im Booklet seiner Pandolfi-CD. Sicher ist, dass Pandolfi tatsächlich gelebt hat. Geboren, so vermutet Manze anhand der Dedikationen der beiden Sonaten op. 3 und op.4, wurde er irgendwann zwischen 1620 und 1634 in Umbrien. Aus der sehr violinspezifischen Schreibweise des Umbriers schließt Manze, dass Pandolfi ein exzellenter Geiger gewesen sein muss. Neben den Autographen seiner Werke beweist nur eine kurze Erwähnung Pandolfis als Musiker am Innsbrucker Habsburgerhof von 1660 seine Existenz. Aufgewachsen also vielleicht mit der Musik Monteverdis (1567-1643) im Ohr ist Pandolfi einer der Vorbereiter der ersten Violinistenschule in der Musikgeschichte; sie war zugleich die erste Ära großer Violinmusik. Namen wie Fontana, Marini oder Uccellini sind den meisten Geigenfreunden so wenig bekannt wie der Name Pandolfis selbst, der ihr Schüler war. Erst mit Arcangelo Corelli (1653-1713), einem Schüler Pandolfis, erlangte die italienische Schule jenen Grad an Meisterschaft, die ihr Weltgeltung verschaffte. Ohne sie wäre die deutsch-österreichische Violinschule (Schmelzer, Biber) kaum erblüht, die größte Violinmusik seit Menschengedenken, Bachs (1685-1750) sechs Sonaten und Partiten für Solovioline, wäre ohne sie nicht möglich geworden.

Der britische Barockgeiger Andrew Manze ist ein Radikaler in dem Sinn, dass er das Spiel seines Instruments praktisch und theoretisch bis an dessen Wurzeln verfolgt. Die Art und Weise, wie er sein Publikum daran teilhaben lässt, verrät, dass er das Gegenteil eines Bücherwurms und Buchstabenvirtuosen ist. Musikmachen, verrät er, sei für einen guten Musiker zu "siebzig Prozent Instinkt". Er fügt augenblicklich hinzu, Instinkt nütze allerdings gar nichts, "wenn man kein Hirn hat, um ihn durch Faktenwissen erst in die Lage zu versetzen, das Richtige zu tun."

Diese Dialektik von Intuition und Informiertheit macht die CDs, mit denen Andrew Manze die Geschichte des Violinspiels nachvollzieht, zu einer Art violinhistorischem Hör-Film. Für den Rezensenten, der die Barockmusik wegen ihrer sich allzu oft wiederholenden Strukturmuster zuletzt weniger oft hören mochte, waren Manzes CDs Anlass zu erneuter Aufmerksamkeit, stellenweise zu fasziniertem Hinhören. Die Erwartungen des Publikums während der vergangenen hundert Jahre Klassikrezeption sind von der Ästhetik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt. Gemessen an Schumann oder Brahms mögen Pandolfis Sonaten hinsichtlich ihres Kunstvermögens und ihrer Ausdrucksvielfalt in der Tat beschränkt, vielleicht sogar eintönig erscheinen. Das wäre wie wenn man - die bildende Kunst entwickelte sich, verglichen mit der Musik, bekanntlich ungleichzeitig - die Bilder eines Giorgione oder eines Bellini gering schätzte, weil sie den sinistren, flamboianten Realismus vermissen lassen, die an den Gemälden eines Delacroix oder eines Courbet faszinieren.

Delikatesse und Raffinesse der Musik Pandolfis verdanken sich der Luft eines anderen Jahrhunderts. Sie sind den gesanglichen, vor allem den tänzerischen Ursprüngen aller Musik kraftvoll nah. Die Information aus Kluges etymologischem Wörterbuch, nach der das aus dem Mittelhochdeutschen stammende Wort "Fiedel" für das alte Saiteninstrument sich über Umwege auch vom italienischen "vitulare" herleitet - "frohlocken" -, wird man beim Hören von Pandolfis harmonisch unkonventionellen, mit Vorliebe chromatisch sich verrätselnden und verzwirbelnden Sonaten freudig benicken. Diese Sonaten böten, notiert Manze, "eine Pandorabüchse voller Möglichkeiten." Pandolfi schreibe dem Spieler dagegen selten vor, wie er sich beim Vortrag zu verhalten habe. Man muss so gut auf dem Laufenden sein über die spieltechnischen Varianten des Umgangs mit einem barocken Geigenbogen wie Manze, um ein violonistisches Feuerwerk inszenieren zu können wie das, welches der britische Darmsaiten-Paganini uns hier ins Herz zaubert.

Pandolfi: Komplette Violinsonaten op.3 nd op. 4 - Andrew Manze, Richard Egarr; Harmonia Mundi USA HMU 907241


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00:00 07.04.2006

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