Lauschangriff 8/05

Klassik-Kolumne Und wehst auch du mir wieder, Lüftchen! Der Dichter ist lang tot, der den Moment einfing offenbar ewig wiederkehrender Hoffnung, nicht tot zu ...

Und wehst auch du mir wieder, Lüftchen! Der Dichter ist lang tot, der den Moment einfing offenbar ewig wiederkehrender Hoffnung, nicht tot zu kriegender Lebenslust und großen Staunens über die Freundlichkeit der Natur. Man könnte diesen Moment als göttlich törichten Spuk betrachten, kehrte er - das Erstaunen darüber kennt kein Alter - nicht alljährlich wieder. Vom gallo-fränkischen austro (Morgenrot) rühre er her, der Name dieses Moments, sagt das Lexikon. Gefeiert wird er am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, was, west- wie ostwärts, auf heidnische Ursprünge deutet und mit dem jüdischen Passah-Termin zusammen hängt. Die ergo von allen guten Geistern erfüllte Welt duftet nach Revolution in diesen Tagen. Nach einer Art Revolution freilich, die weder aus der Werbung kommt, noch aus der Ukraine; in der stattdessen wirklich etwas Altes endet und etwas wirklich Neues beginnt.

Ostern eben. Das Lüftchen weht. Die Fenster stehen offen. Der Blick geht hinaus, auf Gärten und Straßen, Baukräne und Plattenbauten. Es ist Zeit, der Hoffnung zu lauschen. Eine ihrer schönsten Geschichten handelt vom Martyrium, von Ängsten, Verrat und Dummheit, die dazu führen, dass ein Prediger der Gewaltlosigkeit politischer Gewalt zum Opfer fällt. Am Ende allerdings, steht er, da es sich bei der Geschichte um ein Erlösungsmärchen handelt, aus dem Grab auf, um wenig später in einer Art zweiter, angenehmer und triumphaler Runde erneut gen Himmel zu entschwinden.

Johann Sebastian Bach hat dieser Geschichte viel Kunst und Raum eingeräumt in seiner Johannes-Passion. Wie auf Meister Mathis Gothart Nitharts Kreuzigung, dem Hauptbild des so genannten Isenheimer Altars in Colmar, erscheint die Zentralfigur in Bachs Musik als der - von Golgatha bis Auschwitz - leidende Mensch schlechthin.

Das Booklet der Neuaufnahme der Niederländischen Bachgesellschaft, ist kostbar illustriert mit Kleinodien (und Kitsch) vor allem der niederländisch flämischen Passions-Bildnerei. Den Namen der Interpreten indessen muss man lange suchen, der holländische Dirigent Jos van Veldhoven scheint bescheiden.

Wie vor ihm der US-Amerikaner Josua Rifkin und der Brite Andrew Parrot - und hochwahrscheinlich auch Bach selbst - führt er das mit besonders dramatischen und explosiven Chören ausgestattete Werk nicht mit dem großen Chor des 19. Jahrhunderts auf. Die sechs Solisten singen bei ihm im Kollektiv, dazu vier Ripienisten; keine Choorstimme ist mit mehr als zwei Sängern besetzt, was das Aufführungsrisiko, zugleich aber Verständlichkeit und Klarheit von Libretto und Partitur, enorm steigert. Die Continuo-Gruppen - Cello/Cembalo für den Evangelisten, Orgel/Kontrabass/Theorbe für den Jesus - sind dagegen besonders stark und farbig besetzt. Das wertet die Rezitative auf, mit Recht. Denn vieles Wichtige in dieser Geschichte findet in den Rezitativen statt, so der seinen Meister dreimal verleugnende und schließlich, nach dem dritten Hahnenschrei, bitterlich und in lange absteigenden Noten weinende Petrus. Oder der in der Nacht im Garten Gethsemane von seinen Leuten schmählich, nämlich schlafend, verratene Gottessohn, der seinen Vater in diesem Moment verzweifelt bittet, den großen Showdown abzusagen. Die Propagandisten des Christentums hatten denen des Sozialismus 2000 Jahre später offenbar die Einsicht voraus, dass eine Heldendarstellung hundert Mal wirksamer ist, die ihren Protagonisten gelegentlich auch in den Niederungen alltäglicher Menschlichkeit zeigt.

Selten hat man die Turba-Chöre so kraftvoll, aggressiv, so beweglich und deutlich gehört. Die "Jüden", die in ihnen musikalisch zur Sprache kommen sind Ausdruck christlichen Antisemitismus´. Sie können indes aktuell auch gehört werden als postsozialistischer Ausdruck von Illusionsverlust hinsichtlich der kollektiven Weisheit des Volkes.

Ein schöner Beleg mehr ist diese Neuaufnahme eines der ragenden Denk- und Hörmäler der Weltkunst für den Umstand, dass sich Größe in der Musik weder nach Metern und noch nach der Zahl der Sänger und Instrumentalisten bemisst. Phänomene wie Ostern oder Johann Sebastian Bach sind eben mit den Kriterien der Börse nicht zu fassen. Gott sei Dank, möchte man seufzen.

Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion, The Netherlands Bach Society, Jos van Veldhoven; Channell Classsics/Helikon Harmonia Mundi France CCS SA 22005


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00:00 25.03.2005

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