Lauschangriff 8/06

Kolumne Die Glanzzeit der letzten New Yorker Indierockszene ist seit drei Jahren vorbei: The Strokes, Interpol, The Rapture und Yeah Yeahs konnten sich vor ...

Die Glanzzeit der letzten New Yorker Indierockszene ist seit drei Jahren vorbei: The Strokes, Interpol, The Rapture und Yeah Yeahs konnten sich vor Hipness nicht retten, aber was macht man mit dem Rest seines Lebens, wenn das Interesse nachlässt? Man sollte auf jeden Fall versuchen, ein sehr gutes zweites Album zu machen. Gerade das ist Yeah Yeah Yeahs mit Show your Bones gelungen. Als ihre Debüt-EP 2002 erschien, hat man noch nicht ahnen können, dass die Band sich so entwickeln würde. Die ersten Songs waren schrottiger Garagenrock. Die Heftigkeit, ja sogar Gewalttätigkeit der Musik schien oberste Priorität zu haben. Das Debütalbum Fever to Tell war ein konsequenter Schritt in dieselbe Richtung. Lieder wie Date with the Night und Tick klangen nach spaßigem Rausch, deuteten aber keineswegs auf eine Band hin, die eine ernste Karriere vor sich hätte. Das Album wäre im Übrigen beinahe ein kommerzieller Misserfolg geworden, hätte ihre Plattenfirma das Schlussstück des Albums, Maps als Single weniger stur vermarktet. Es war ein ungewöhnlicher Song, für ihre Verhältnisse sehr melodisch, eine epische Indierock-Ballade und tatsächlich zeigte sich darin eine Seite der Band, die man bisher nicht kannte. Dank Rotation auf MTV wurde das Album kommerzielle gerettet und wir durften darüber spekulieren, ob Yeah Yeah Yeahs wirklich Talent besäßen oder Maps nur ein Ausrutscher darstellte.

Die Konzerte der Yeah Yeah Yeahs sind nahezu Karikaturen eines Rock´n´Roll-Gigs. Die Sängerin Karen O agiert derart extrovertiert auf der Bühne, dass man befürchten muss, sie würde einen Herzinfarkt bekommen. Der hohe Unterhaltungswert ihrer Shows verdrängte zum Zeitpunkt des Debütalbums ein wenig den Verdacht, dass ihre Songs vielleicht nicht gut genug seien. Es gab aber auch ein anderes Problem: Karen O klang genau wie Siouxsie Sioux von Siouxsie the Banshees. Sie war sogar dazu noch genau so spindeldürr und aufbrausend wie Siouxsie. Sicher, es liegen Generationen zwischen den beiden Bands, aber die Ähnlichkeit war so groß, dass den Zuhörer mit zunehmenden Alter der Vergleich doch irritieren musste. Also zog ich damals Bilanz: Eine beeindruckende Livepräsenz, aber wenig Originalität und letztlich nur ein guter Song. Übermäßig optimistisch war ich deshalb, was die zweite Platte betrifft, nicht.

Garagenrockfans können jedenfalls ihre Sachen packen und nach Hause fahren. Sie werden enttäuscht sein, aber die Leute, die für die Maps-Single schwärmten, dürften an Show your Bones nun ihre helle Freude haben. Yeah Yeah Yeahs haben die Kraft des Punks nicht vergessen, sie nutzen jetzt aber die Aggressivität des Gitarrenrocks auf relativ beherrschte Art und Weise. So ist denn auch das Erste, das einem am neuen Album auffällt, wie melodisch sie geworden sind. Es gibt stellenweise akustische Gitarre (!) und diverse interessante Perkussion- und Keyboard-Arrangements. Dennoch ist der Kern des Sounds noch das klassische Rock Trio: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Am Wichtigsten ist die Erkenntnis, dass das Songwriting an Niveau gewonnen hat. Mindestens drei Songs können mit Maps konkurrieren: Cheated Hearts!, Turn into oder Mysteries. Der Gesang klingt immer noch Siouxsie-lastig, aber Karen O strahlt nun mehr. Sie hat mich fast überzeugt. Gold Lion erzählt davon, wie sie und der Produzent Squeak.E.Clean den Preis für das beste Musikstück in der Werbung beim "Cannes´ Lions Adverts Festival" gewonnen haben. Tatsächlich schrieben die beiden den Song Hello Tomorrow für einen Adidas-Werbespot. Das Stück erscheint nicht auf dem neuen Album, aber dafür eben gibt es diesen Titel Gold Lion, der vom Adidas-Werbespot handelt! Soll das Selbstironie sein? Karen O lebt übrigens inzwischen in LA, und macht "Sausaging" Parties mit. Das sind Celebrity Parties, bei denen die "Wichtigkeit" der Gäste geprüft wird. Wenn man die Prüfung nicht besteht, dann ist man "eine Wurst" und darf nicht rein. Vor kurzem stand irgendwo, sie habe sich geärgert, dass sie auf Princes Party eine "Wurst" war. Eventuell hat sie sich von ihren Indiewurzeln ein wenig entfernt. Aber Yeah Yeah Yeahs haben den New Yorker Hype überlebt. Das ist die Hauptsache.


00:00 21.04.2006

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