Leben im Krebsgang

England Covid trifft London hart. Lokalpolitiker Anton Georgiou und Künstlerin Frankie Riot versuchen auf unterschiedliche Weise, ihre Stadt durch die Krise zu bringen
Leben im Krebsgang

Foto [M.]: der Freitag, Material: iStock, Unsplash

Eine rauer Wind fegt durch die Water Road Area im Westen von London. Es ist laut und quirlig hier im Gewerbegebiet. Zwei Männer rollen einen Handkarren aus einem der Gebäude heraus, darauf riesige Brocken Fleisch, die sie in einen der Lastwagen hieven, die vor den Hallen zuhauf geparkt stehen. Anton Georgiou läuft mitten durch dieses rege Treiben. Einem der Betriebe hier hat er im vergangenen Jahr ziemlichen Ärger bereitet. Der Liberaldemokrat sitzt für den Raum Alperton im Gemeinderat von Brent, einem der 32 Bezirke der britischen Kapitale.

„Ich bin leicht erreichbar für die Leute hier“, sagt er, „das macht mich wahrscheinlich einzigartig.“ Während des ersten Lockdowns, irgendwann im März oder April, habe ihn ein angesehenes Mitglied der Diu-Community kontaktiert. Dabei handelt es sich um Angehörige einer indischen Minderheit, die von der gleichnamigen Insel stammen. Viele von ihnen verschlug es nach Alperton, um in den Food Factories zu arbeiten. Der Mann, erzählt Anton, habe ihm von katastrophalen Bedingungen beim Lebensmittelhersteller Bakkavör berichtet: keine Masken, keine Abstandsregeln, dafür ein überfüllter Pausenraum. Alle gingen um die gleiche Zeit zum Lunch. Längst breitete sich das Virus aus in der Stadt. In einem anderen Werk von Bakkavör, im Nachbarbezirk Ealing, war es nicht besser. Dort habe ein „Gentleman“, wie es Anton ironisch formuliert, seine Mitarbeiter wissen lassen, dass sie ihre Sachen packen könnten, sollten sie sich krankmelden. Als Anton von ähnlich miesen Zuständen in der Produktionsstätte in Alperton erfuhr, kontaktierte er die Behörden, die sich daraufhin zum Kontrollgang aufrafften. Mittlerweile werden den Angestellten zumindest Face Shields zur Verfügung gestellt, die das Gesicht abschirmen. Auch werden die Mittagspausen zeitlich versetzt abgehalten.

Bevor Anton zurück nach Brent kam, wo er aufgewachsen ist, arbeitete er für einen EU-Parlamentarier in Brüssel – dann kam der Brexit. Heute sei er an manchen Tagen bis zu 14 Stunden für „seine Bürger“ unterwegs. Während des ersten Lockdowns kaufte Anton mit gespendetem Geld ein Gartencenter leer, dessen Pflanzen zu verwelken drohten. Die Blumen gingen kostenlos an Leute, die sich isolieren mussten, „vor allem an die Älteren“, erzählt er.

London konnte in den vergangenen Monaten ein gespenstischer Ort sein. Am helllichten Tag schlenderte man allein durch das sonst so belebte Bahnhofsgebäude Kings Cross. Gleichzeitig drängelten sich am Mile End, im ärmeren Osten der Stadt, nach Feierabend die „key workers“ auf dem Bahnsteig, die Gefahr einer Infektion im Nacken. Knapp 15.000 Menschen sind bisher allein in der britischen Hauptstadt an Corona gestorben, aber die Gefahren bleiben ungleich verteilt. Die gemeinnützige Organisation „Trust for London“ gibt an, dass in den finanziell am meisten abgehängten Quartieren im Schnitt 23 Tote pro 100.000 Einwohner mehr zu beklagen seien als anderswo. Und Alperton gehört zu den ärmsten Gegenden im ganzen Land.

Nach dem Abstecher ins Gewerbegebiet führt mich Anton Georgiou zur Beresford Avenue. Hier wirkt die Kluft zwischen Arm und Reich geradezu in Stein gemeißelt. Rechts heruntergekommene Häuser, „da hat der Vermieter seit Jahren nichts mehr gemacht“, so der 26-Jährige verärgert. Links eine Baustelle für Luxuswohnungen. „Das Einzimmer-Apartment geht da bei dreihunderttausend Pfund los.“ Das könne sich in dieser Gegend keiner leisten, er selbst auch nicht. Anton steht jetzt direkt vor dem Showroom, wo das Langzeitprojekt – irgendwo zwischen protzig und pittoresk – vorgestellt wird. „Die hassen mich wahrscheinlich“, ist er überzeugt und blickt auf ein paar Gestalten, die im Inneren an der Empfangstheke vorbeilaufen. Seit Anton im Gemeinderat von Brent sitzt, kämpft er gegen die Gentrifizierung. Doch weil er in diesem Gremium seine Partei allein vertreten muss, wurde bisher kein einziger seiner Anträge angenommen. „Es gibt ein ziemliches Stammesdenken im Rat.“

Rauschender Verkehr trennt die Welten zu beiden Seiten der Straße, hier die hellen, eleganten Neubauten, dort verwahrloste Vorgärten, in denen ausrangierte Möbel, Flaschen und Schutt herumliegen. In den Häusern dahinter leben viele Familie aus der indischen Community zusammengedrängt auf engstem Raum. „Wenn einer der Arbeiter das Virus nach Hause bringt, steckt er gleich die Großmutter an“, glaubt Anton. Dass sich hier Corona ausbreiten könne, sei kein Wunder. Zu Anfang der Pandemie hatte Alperton landesweit die höchste Todesrate. Also bot der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) im Oktober im dortigen Hindutempel ein sogenanntes Infektionsschutztraining an. Allerdings liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Brent noch immer bei gut 250 pro 100.000 Einwohner und damit deutlich über dem Londoner Durchschnitt.

Auf die Bank setzen verboten

Boris Johnson sieht das Vereinigte Königreich trotzdem auf einer „Einbahnstraße zur Freiheit“. In vier Schritten soll es nach den Vorstellungen seiner Regierung aus dem Lockdown herausgehen, angefangen wurde mit Schulöffnungen am 8. März. Sämtliche Kontaktbeschränkungen will man bis Ende Juni aufgehoben haben, vorausgesetzt, die nationale Impfkampagne verliert nicht an Dynamik.

Knapp 30 Kilometer von Alperton entfernt, weit im Südosten Londons, liegt der Stadtteil Catford. Auf der Einkaufsmeile, die glorreiche Tage schon längere Zeit hinter sich zu haben scheint, treiben sich nur vereinzelt ein paar Menschen herum. Ein Händler presst seine Waren gegen die Glasscheibe, um sie einem Kunden zu präsentieren, der mal zustimmend nickt, mal mit dem Kopf schüttelt. Bei der Heilsarmee sind die Rollläden heruntergelassen. Man habe den Eindruck, das Leben sei einem Krebsgang verfallen, meint die Künstlerin Frankie Riot, die in diesem Viertel zu Hause ist. Sie sei keine Anhängerin von Premier Boris Johnson. „Tory lies cost lives“, die Lügen der Tories kosten Leben, das müsse man wissen.

Frankie steuert auf eine Bank zu, bei der jemand die schwarze Folie abgerissen hat, die das Hinsetzen verbietet, noch gelten strikte Verhaltensregeln. Frankie trägt eine rote Baskenmütze auf ihrem langen blonden Haar und erzählt, mit 20 habe sie ihre kreative Seite sträflich vernachlässigt. „Drogen und Alkohol. Irgendwann hat dann mein Immunsystem versagt.“ Es habe depressive Tage gegeben, an denen sie das Haus nicht verlassen konnte. In dieser Phase sei sie im Internet auf Street-Art-Kunst gestoßen: „It blew me away!“ Und da habe sie sich geschworen, sollte sie eines Tages wieder bei Kräften und Gesundheit sein, werde sie „den Schwachen dieser Welt eine Stimme geben“. Sie kramt ihr Mobiltelefon aus der Tasche, um mir etwas auf ihrem Instagram-Account zu zeigen. Es ist ein Foto von Ex-Labourchef Jeremy Corbyn, der ein von ihr gestaltetes Plakat hochhält. Sie verehre Corbyn.

Der trägt auf dem Bild ein blaues Shirt mit der Aufschrift „Born in the NHS“, um die Kampagne „#ProtectNHSWorkers“ zu unterstützen, die auf eine prekäre Lage so vieler Mitarbeiter des Nationalen Gesundheitsdienstes aufmerksam macht. Frankie betrachtet sich als einen kreativen Generator des Projektes. Sie schildert die Lage von NHS-Angestellten, die abends zur Tafel gehen müssten, während sie tagsüber gegen das Virus ihr Leben aufs Spiel gesetzt hätten. Auf ihrem neuesten Poster ist oben die Aufforderung „PAY RISE“ zu lesen, darunter eine Frau, auf deren Maske der zweite Teil der Botschaft steht: „for our NHS workers“. Frankies aktionistische Kunst flackert mittlerweile auf den Displays an einem der bedeutendsten Orte in London, dem Oxford Circus.

In einer landesweiten Umfrage Ende 2020 erklärten 61 Prozent aus dem Teil des NHS-Pflegepersonals, das aus ethnischen Minderheiten besteht, sie müssten aus Geldnot immer mal wieder auf Mahlzeiten verzichten. Ganz allgemein hat Covid die schwarze und asiatische Community in Großbritannien besonders getroffen. Das habe natürlich keine genetischen Gründe, meint Adrienne Yong von der University of London, die zusammen mit ihrer Kollegin Sabrina Germain erforscht, warum diese Gruppen mehr als andere unter der Pandemie zu leiden haben. Vielfach gebe es sozioökonomische Ursachen, die Arbeitssituation spiele sicher eine Rolle.

Antons Oma wirbt fürs Impfen

Aber auch kulturelle Faktoren seien nicht zu unterschätzen: „Stichwort Impfskepsis“, fällt Anton Georgiou, dem Kommunalpolitiker, dazu ein. Eine Studie der University of Oxford und der London School of Hygiene and Tropical Medicine enthält Zahlen zu diesem Thema: Während sich in England bis Ende Februar bereits 86 Prozent der „white people“ zwischen 70 und 79 Jahren impfen ließen, lag der Anteil in der schwarzen und südasiatischen Community lediglich bei 55 bzw. 73 Prozent. „Das sind die Zahlen“, sagt Anton, er kenne dazu auch ein paar Anekdoten. In Alperton habe er von Leuten aus beiden Gruppen oft gehört, dass man sich nicht von Bill Gates chippen lassen wolle. Auch gäbe es angeblich tierische Stoffe im Impfserum, was mit der eigenen Religion unvereinbar sei. Oder man wolle nicht das Versuchskaninchen für ein Vakzin sein, das nicht ausreichend getestet wurde.

Anton hält eine kreative Antwort auf solche Fake News bereit. Er bat seine 83-jährige Großmutter, die im Januar geimpft wurde, einen Brief an die Bürger von Alperton zu schreiben. Darin stand: „Ich weiß von meinen eigenen Freunden, dass sich manche unsicher sind wegen der Impfung.“ In der oberen rechten Ecke des Briefes fand sich das Foto einer alten Dame platziert, auf dem sie stolz ihre Impfbestätigung in die Kamera hält. Schaut her, sollte das heißen, es geht mir gut!

Dorian Baganz arbeitet als freier Autor in London und studiert dort zurzeit Politische Ideengeschichte

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06:00 15.03.2021

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