Lehrstück

Die "Diagonale" in Graz Was Porno und Kommunismus verbindet

Es ging ihm wie Saddam Hussein. Auch Ceaucescu war mal Liebkind der Amerikaner, eine Schachfigur im Politpoker mit den Russen. Demonstrierte doch der rumänische Diktator mehrfach seine Unabhängigkeit von Moskau, beteiligte sich zum Beispiel 1968 nicht an der Intervention des Ostblocks gegen den Prager Frühling. Zwanzig Jahre später verschwanden in Washingtoner Büros Bilder, die den Conducator beim Shakehands mit US-Politikern zeigten. Jetzt war der Starrkopf zum Hindernis bei der Neuordnung Europas unter Vormacht Amerikas geworden. CIA und andere Geheimdienste bereiteten im Zusammenwirken mit rumänischen Dissidenten, der ungarischen Minderheit im Lande, der Regierung in Budapest und Radio Free Europe seinen Sturz vor, fanden dabei schließlich auch im Bukarester Verteidigungsminister einen Verbündeten, der zuletzt das Tribunal gegen Ceaucescu und Ehefrau organisierte. Den genauen Ablauf der Aktion schildert in Interviews mit Beteiligten die spannende Dokumentation Checkmate - Strategy of a Revolution von Susanne Brandstätter, ein Lehrstück über Politik, Medien und Geheimdienste, das auch dazu beitragen könnte, Verschwörungstheorien weniger vorschnell zu diskreditieren.

Checkmate war einer von 170 Filmen der diesjährigen Diagonale. Beinahe wäre dieses Festival des österreichischen Films selbst Opfer einer Verschwörung geworden, doch statt dessen wurde es zum Lehrstück der Behauptung unabhängiger Bürger gegen regierungsamtliche Anmaßung. Österreichs Kulturstaatssekretär Franz Morak (ÖVP) hatte im Vorjahr die Leitung der Diagonale durch eine ihm genehme ersetzt - eine späte Rache, hatte sich doch das Festival bei Bildung der schwarz-blauen Regierung von Haiders Gnaden unter dem Motto "Die Kunst der Stunde ist Widerstand" eindeutig positioniert. Nun formierte sich der Widerstand der Filmemacher gegen die geplante "Morakonale". Trotz des Lockmittels eines mit 250.000 Euro höher als jeder andere europäische Filmpreis dotierten "Sunrise Austria Awards" blieben sie einig in dem Entschluss, das neue, mehr auf Business und Fernsehen orientierte Festival zu boykottieren, was schließlich zum Rücktritt der Morak-Mannschaft führte.

Reduziert auf vier Tage mit einem halbierten Budget (die Bundesmittel wurden zurückgehalten) und unter ehrenamtlichem Einsatz aller Mitarbeiter fand nun wieder die originale Diagonale statt. Zum Überraschungssieger kürte die Jury den an Multipler Sklerose leidenden Martin Bruch für seinen Film Handbikemovie, den sie für die "Kompromisslosigkeit" einer "provokant monotonen Achterbahnfahrt" rühmte, bei der die am Helm des Filmemachers befestigte Kamera seine Reisen mit einem Handbike durch Wien, Paris, London und New York dokumentiert.

Sicher spielte bei der Juryentscheidung auch der Behinderten-Bonus eine Rolle, denn es gab noch andere durchaus preiswürdige Beiträge. Zum Beispiel Antares von Götz Spielmann über drei Paare in kaputten Beziehungen in einem tristen Wiener Hochhaus. Die drei Geschichten über Leidenschaft, Eifersucht, Gewohnheit und Gewalt, deren Protagonisten sich irgendwann auch einmal treffen, stehen in einer schon gewissen Tradition Wiener Vorstadtfilme, zu denen auch Barbara Alberts mit einem Drehbuchpreis ausgezeichneter Film Böse Zellen gehört, der demnächst bei uns anläuft.

Das breite Spektrum der in Graz präsentierten landeseigenen Produktion reichte von Arbeiten wie Michael Hanekes Wolfzeit und Ulrich Seidls Jesus, Du weißt bis zum 91-jährigen Veteranen Franz Antel, dessen vierter Teil seiner Bockerer-Serie den zuletzt beim Ungarn-Aufstand abenteuerlich bewährten Helden nun auch noch über die russischen Interventen bei der Liquidierung des Prager Frühlings triumphieren lässt. Ein Erfolg an der Kinokasse blieb ihm allerdings versagt. Österreichischer Spitzenreiter mit über 165.000 Besuchern war da 2003 die ziemlich platte Beamtensatire MA 2412-Die Staatsdiener von Harald Sicheritz; ein weiterer Beweis, dass Heiteres beim ohnehin bescheidenen Marktanteil von unter zehn Prozent des österreichischen Films trotz ernsthafterer Konkurrenten immer wieder die größten Chancen beim heimischen Publikum hat.

Zum guten Diagonale-Schluss präsentierte der vor allem als Dokumentarist renommierte Grazer Michael Glawogger seine amüsanten Nacktschnecken: Zwei Ex-Studenten und eine Kommilitonin wollen mit einem selbstgedrehten Pornofilm zu Sex, Spaß und Geld kommen, scheitern samt zweier angeheuerter Laiendarstellerinnen dabei aber kläglich. Womit bewiesen wäre, dass Porno und Kommunismus etwas gemein haben: Beide sind das Einfache, das schwer zu machen ist. (Brecht)


00:00 12.03.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare