Leistungsempfänger, igittigitt

CDU Wie Friedrich Merz einmal bei sich selbst nachlas, was jetzt zu tun sei. Super Bücher waren das! Und so gerecht. Eine Lesereise

Gut, dachte Friedrich Merz und kippte eine extragroße Tasse von dem hundsteuren Katzenkaffee in den Ficus, dann wollte er mal wieder. Wollte antreten, loslegen und aufräumen, den Bolschewismus beenden und überhaupt endlich durchgreifen, als Parteivorsitzender der (er überlegte kurz, kam dann aber drauf) Christlich Demokratischen Union Deutschlands und, nach erfolgter sowie erfolgreicher Bundestagswahl, als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Das war sein Ziel, war es immer gewesen, schon als er damals, wie er sich ungenau und möglicherweise extrem falsch erinnerte, im heimatlichen Sauerland auf dem Mofa um die Ecken gepest war und an der Wurstbude Fritten rot-weiß geraucht hatte.

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Und jetzt: war es bald so weit bzw. würde es bald so weit sein, wo AKK, diese Hausfrau in Menschengestalt, diese saarländische Karnevalsprinzessin, aufgegeben, in den Sack gehauen, kapituliert hatte; und wie um sicherzugehen, dass nun wirklich er, FM, an der Reihe sei, katapultierte er sich durch herzhaft doppelten Armdruck aus der Chaiselongue LC4, die er sich nach einer Blackrock-Sonderzahlung dann auch noch gegönnt hatte, und kam wie von selbst vor der Bücherwand seines Arbeitszimmers zu stehen.

Gut, dachte er versehentlich abermals, Bücherwand, das war vielleicht zu viel gesagt. Regal traf es wohl eher. Die schwarze Kunst, sie blieb zwar wichtig, aber doch zuerst als christlich demokratische oder eben bei Blackrock; und wenn er in der Hauptsache Sachbücher las, dann weil er Sachpolitiker war, Sach- und Machpolitik betrieb. Hier, z. B. Stendhal, Rot und Schwarz, da hatte er die erste Hälfte aus programmatischen Gründen übersprungen und die zweite dann natürlich nicht kapiert. Oder Der Zauberberg, ein Geschenk seiner Frau: junge Männer, die jahrelang in Sanatorien auf der faulen Haut lagen, wo gab es denn so etwas!

Er fuhr zusammen, wie erwischt. Hier, dachte es abgrundtief und regelrecht gähnend in ihm, hier gab es das, in der Bundesrepublik Deutschland. Das Wort „Gesindel“ fiel ihm ein, aber damit hatte er ja neulich erst etwas anderes gemeint. Erst etwas anderes, und dann noch einmal etwas anderes; er hatte sich sogar entschuldigen müssen. Planvoll durchsuchte er die Oberstube nach einem Wort, das wieder Ordnung schüfe und die Erinnerung, ja Überzeugung untermauern hülfe, dass das Gesindel jedenfalls jene seien, die das Geld verfrühstückten, das die Leistungsträger verdienten, Leute wie er, Leute bei Blackrock oder im Vorstand von Daimler, Zahnärzte auch. Es musste dies in einem seiner so zahlreichen wie vergriffenen Bücher stehen, und zielgewiss schoss sein Arm hervor und fand gleich sein liebstes, mutmaßlich gelungenstes: Mehr Kapitalismus wagen. Wege zu einer gerechten Gesellschaft.

Er fasste es fast selber nicht. Was für ein Bombentitel! Was wichtig war, gab sich die Hand: Kapitalismus, Gerechtigkeit, Friedrich Merz, und dass sich Gerechtigkeit und Kapitalismus ausschlössen, war damit quasi ausgeschlossen. „Mehr Beefsteak wagen. Wege in die vegane Gesellschaft“, „Mehr Israelkritik wagen. Wege aus dem Antisemitismus“, das waren vielleicht oder sogar zweifellos ebenfalls brauchbare Buchtitel; doch seiner war bestimmt der beste.

Ungleichheit? Notwendig!

Geradezu gierig begann er zu blättern, es ging auch sofort sehr gut los: „Ich möchte … den Versuch unternehmen, einigen Vorurteilen und Fehleinschätzungen zu begegnen, die meiner Generation und vor allem der Generation meiner Kinder teuer zu stehen kommen, wenn sie endgültig zur Grundlage der Politik in Deutschland werden.“ Denn das würden seine Kinder werden, waren sie eigentlich schon: Grundlage der Politik in Deutschland, und da galt es erst recht, Vorurteile und Fehleinschätzungen auszuräumen. Etwa dass er, Merz, nicht der weltbeste Parteichef und Kanzlerkandidat von allen wäre! Lohend erbost, wie vorsorglich gekränkt las er weiter: „Der Kapitalismus hat in Deutschland einen schlechten Ruf. ,Kapitalist‘ ist ein böses Schimpfwort, und ,neoliberaler Turbokapitalismus‘ ist geradezu verachtenswert“, jaja, alles richtig, aber wo war das Wort, das Zauberwort?

Da war es, Gott sei Dank, auf Seite 13: „Die Zahl der Leistungsempfänger nimmt kontinuierlich zu, die Zahl der Beitragszahler kontinuierlich ab.“ Leistungsempfänger, und es schüttelte ihn innerlich, wie das schon klang; wie nach dem Gegenteil von (und ihm ging explosionsartig sein Lieblingslicht auf) Leistungsträger. Die trugen die Leistung, verdienten das Geld, während die anderen die Hand aufhielten, Leistungen empfingen. Hahaha!, lachte es bitter oder auch tendenziell teuflisch in ihm, eine Leistung empfangen, wie das wohl aussah! Schrecklich, schrecklich sah es aus, und gerecht war es auch nicht; und er erinnerte sich klingenscharf, wie er in der Schule nie wen hatte abschreiben lassen, seine, Merzens, Leistung zu empfangen, die er sich schließlich persönlich in die Birne gepaukt hatte, Satz des Thukydides, Kriegsschuldlüge, Kurvendebatte, den ganzen Quatsch und Quack, bloß dass irgendein Faulpelz, Schwächling und Leistungsempfänger sich an ihm, Merz, mästete und auf seine Kosten eine Eins plus …

Ungerecht. Das war es: ungerecht. Und in fliegender, gleichzeitig Merz-typisch kontrollierter Hast blätterte er weiter und hatte schon, was er suchte: „Aristoteles“, du lieber Himmel, wo hatte er denn diesen Penner damals her! Hatte es 2008 schon Wikipedia gegeben? Egal: Aristoteles „unterscheidet zwischen ,ausgleichender Gerechtigkeit‘ und ,verteilender Gerechtigkeit‘ ... Wenn wir bedenken, dass in der politischen Auseinandersetzung unserer Zeit nahezu nur noch von Verteilungsgerechtigkeit die Rede ist ..., dann lässt sich ansatzweise ermessen, was für ein verkümmerter Gerechtigkeitsbegriff unsere Köpfe und Diskussionen mittlerweile bestimmt.“

Er gab sich alle Mühe, nicht ansatzweise loszujuchzen; las stattdessen lieber weiter, der Mund wurde ihm trocken: „Soweit unsere Marktwirtschaft von Wettbewerb und Eigentum lebt, lebt sie zum einen von der natürlichen Ungleichheit, die uns alle zu einzigartigen, unterschiedlich begabten Individuen macht“, nämlich zu ihm, Merz, dem politischen Vollprofi und Bierdeckelvisionär einer- und Spacken wie Lasch und Jensi andererseits, die es nicht konnten, nie können würden.

Ungleichheit, das war es doch, hier lag des Pudels Pfirsichkern: „Und sie lebt zum anderen von der materiellen Ungleichheit, die sich aus dem freien Wettbewerb um die besten Ideen, Innovationen und Produkte notwendigerweise ergibt. Die Konsequenz, die daraus folgt, ist zwar nicht populär“, aber einer, dachte es gleichwie gurgelnd in ihm, muss den Leuten die Wahrheit sagen, die Wahrheit als daraus folgende Konsequenz!, „doch es ist ein Gebot der politischen Aufrichtigkeit, sie zu formulieren: Die Minderung materieller Ungleichheit ist in einem marktwirtschaftlich organisierten Gemeinwesen kein politischer Selbstzweck.“

Er stand erschüttert, vergaß das Atmen. Was für ein Satz. Er, Friedrich Merz, war ja – Gott! Oder jedenfalls, der Katholik in ihm besann sich rasch, ein Gott, ein Gott der unbequemen, gleichwohl glänzend formulierten Wahrheiten! Die Minderung materieller Ungleichheit kein politischer Selbstzweck – bums, da fiel die Lampe um, da biss der Kommunismus, diese lumpige Schweinerei, das Seil nicht durch, das die freien Menschen als freie Unternehmer fesselte, ja strangulierte. Die einen hatten viel, die anderen wenig, so war’s gerecht und folglich richtig.

Er, Merz, fühlte, wie es in ihm knisterte; denn diesmal, mit diesem Ei des Columbo in der Hose, würde es klappen, musste es klappen. Es ging praktisch gar nicht anders! Denn den Leuten die Wahrheit zu sagen, darauf kam es an, und wenn er erst einmal damit anfinge und mit der unbequemen Wahrheit über Leistungsempfänger, Faulpelze, Ausländer herausrückte, dann wären die 50 Prozent AfD-Wähler, die er heim ins Reich der Mitte zurückzuholen versprochen hatte, ja geradezu ein Klacks! Ein Witz wären die!

Klima? Wachstum!

„Gerechtigkeit, richtig verstanden, orientiert sich daher primär an der Schaffung von Arbeitsplätzen sowie an effizienten Anreizen für die Menschen, bestehende Arbeitsangebote wahrzunehmen.“ So war es prim- und sekundär; denn Gerechtigkeit war keine Einbahnstraße, war kein Sackbahnhof. Es gab den gerechten Unternehmer, der Arbeit schaffte, und es gab den armen Willi, der diese Arbeit gerechterweise anzunehmen hatte, weil er sonst ihm, Merz, und seinen Kindern auf der Tasche lag. – Hatte er das so in seinem Wahnsinnsbuch formuliert? So gut wie fast: „Wenn Gerechtigkeit ... nicht primär etwas mit staatlicher Fürsorge, sondern mit der Einsichtsfähigkeit und Lebensführung von Individuen zu tun hat, dann folgt daraus, dass wir den Menschen immer zuerst als mündigen und eigenverantwortlichen Bürger verstehen sollten, ihn auf diese Freiheit aber auch ausdrücklich verpflichten müssen.“

Glänzend. Das war der mündige, eigenverantwortliche Bürger, der einsah, dass er seine Lebensführung gefälligst so einzurichten hatte, dass er Geld brachte und keins kostete. So einfach war das! Und so einfach war es, dass er, Merz, gar nicht mehr recht bei der Sache war, als er, mehr aus Spaß und wie pro forma, noch in einem zweiten seiner Superseller blätterte, den er später mit dem verlässlichen Arbeiterverräter Clement zusammengenagelt hatte, Was jetzt zu tun ist. Deutschland 2.0, und wo es schon wieder „um Konsolidierung und um Wachstum“ ging: „Ohne Wirtschaftswachstum werden wir das Land nicht für die Zukunft rüsten können. Nur ein höheres Wachstum wird dafür sorgen, dass die Folgen der Krise, der demografische Wandel und die Herausforderungen der Umweltpolitik ordentlich bewältigt werden können.“

Wachstum. Wachstumwachstumwachstum. Wie oft sollte er es denn noch sagen! Sie hörten ja nicht auf ihn (2,04 Meter); hörten lieber auf irgendwelche Klimamädchen und -forscher mit „all den apokalyptischen Beschwörungen und Schreckensgemälden“, ja sogar „Schummeleien“, denn „Fragen und Fragwürdiges zu diesem Thema wurden auch in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen“, weil „die Debatte um die Erderwärmung aufgeladen ist“, nämlich mit „Leidenschaft und auch Hysterie“ – und er unterdrückte den Drang, einen Stift zu suchen, um den lang vermissten Leitgedanken, den neuen Claim und Slogan für die neue, die neue alte CDU zu notieren und unvergesslich zu machen, denn er konnte ihn genauso gut in seinem Kopf drin speichern, genauso gut und sicher wie, es war ihm eben zugeflogen, „Konjunkturklimakatastrophe“:

„Gerecht ist, was der Wirtschaft nutzt: CDU.“

Das war zwar vollinhaltlich richtig, klang aber zu sehr nach FDP; also vielleicht besser:

„Wirtschaft ist Heimat. CDU.“

Das war es noch nicht ganz, denn in der Wirtschaft zu Hause und am Stehausschank, das waren die Leistungsempfänger schließlich auch. Das sozusagen „Ganz Andere“ wollte beschworen, dabei das Heimatgefühl nicht vergessen sein, das eine mit dem andern aufzufangen – und da war es. Friedrich Merz fiel hintenüber in die Chaiselongue, streckte die langen Beine von sich und schloss erschöpft, gleichwohl zufrieden die Augen:

„CDU. Die Alternative für Deutschland.“

Jetzt ging es los.

Mehr Kapitalismus wagen. Wege zu einer gerechten Gesellschaft von Friedrich Merz erschien 2008 bei Piper, Was jetzt zu tun ist. Deutschland 2.0 (mit Wolfgang Clement) 2011 bei Herder

Stefan Gärtner ist Autor und Kolumnist, unter anderem beim Satiremagazin Titanic

06:00 25.02.2020

Ausgabe 22/2020

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