Leserbriefe zum Thema

Muss ich es hinnehmen? ...

Muss ich es hinnehmen?

In welcher Gesellschaft wollen wir zusammen leben? Welche Wertvorstellungen sind uns dabei wichtig? Welche rechtlichen Konsequenzen hat das? - Fragen, die sich eine demokratische Gesellschaft stellen darf und muss. Mein Leben lang habe ich für eine Gesellschaft gekämpft, in der persönliche Integrität nicht verletzt, sondern gefördert wird - und dabei auch gegen das Patriarchat. Soll ich das jetzt plötzlich nicht mehr dürfen, weil es das Patriarchat von Einwanderern ist, das mich bedrängt? Muss ich es hinnehmen, dass mir als Frau in meinen Hauptschulklassen schon von 14-Jährigen unerträglicher männlicher Chauvinismus entgegen schlägt, nur weil er aus einer "anderen" Kultur stammt, die ich zu respektieren habe? Muss ich es hinnehmen, mich in meinem Lieblingsstadtteil nicht mehr wohl zu fühlen, weil männliche Omnipräsenz und fehlende Frauen im Stadtbild mir auf die Nerven gehen?

Ich kann Menschen aus patriarchalischen Kulturen respektieren, aber ich will nicht das Patriarchat respektieren und es nicht im Namen der Integration auch noch gesetzlich geschützt wissen. Es geht - Herr Massarrat - um Inhalte, nicht um Formen! Nein, ich will nicht zurück hinter das, was Frauen und Männer hier zu Lande im Blick auf die Gleichheit der Geschlechter erkämpft haben, auch rechtlich nicht. Übrigens stimmte die Mehrheit der Einwanderer in den ersten Jahrzehnten mit diesem Anspruch überein; viele meiner ausländischen Freunde belächelten oder bekämpften mich gar ob meiner Toleranz und meines Dialogbestrebens auch mit den konservativ-religiösen Einwanderern. "Du kennst diese Kultur nicht!" warnten sie mich.

Nicht alles, was sich gegen Veränderungen in diesem Land aufgrund von Einwanderung wehrt, ist Rassismus oder Kulturkampf. Humanisten und Demokraten haben bestimmte Ansprüche an das Zusammenleben - allen Menschen gegenüber, egal welcher Herkunft. Sollen wir sie im Namen der Integration aufgeben? Nicht alles, was ausländischen Mitbürger/innen an Unbill entgegenkommt, ist Rassismus. Ich bin auch schon von einer Passbehörde mit einem Foto zurück gewiesen worden, weil ich auf dem Foto ein zwei Millimeter dünnes Lederband um die Stirn trug.

Renate Röthlein, Nürnberg


Wo die Toleranz aufhört

Ich bin seit über 30 Jahren Lehrerin und unterrichte seit mindestens 25 Jahren vor allem türkische Schülerinnen und Schüler, und ich war zehn Jahre DKP-Stadträtin in der ehemaligen Zechenstadt Ahlen in Westfalen, die einen hohen Anteil an türkischen und damit muslimischen Immigranten hat. Herr Massarrat unterstellt Herrn Münch, er wolle Assimilation und nicht Integration der muslimischen Immigranten, den Beweis dafür sieht er in dessen Forderung, das Kopftuch in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen zu verbieten.

Welch ein Unsinn! In den achtziger Jahren gab es im Stadtrat hier wie in vielen anderen Städten Diskussionen um die Einrichtung einer Moschee und eines Minaretts. Die Moschee wurde der türkischen Bevölkerung zugestanden, bei den Rufen des Muezzins hörte die Toleranz auf. Die DKP-Fraktion stimmte damals als einzige für die Beschallung, weil wir der Meinung waren, dass dies zu den Ritualen der muslimischen Gemeinschaft gehört wie das Glockenläuten zu denen der christlichen Gemeinden. Bis heute sind die Rufe des Muezzins der muslimischen Gemeinde in Ahlen nicht erlaubt, das behindert die Integration.

Das Kopftuch ist aber nicht primär ein religiöses Symbol, sondern eines für die Unterdrückung der Frau. Selbst wenn man Stellen im Koran finden sollte, die auf die Notwendigkeit des Kopftuchtragens von Frauen hinweisen, so kann dies ein aufgeklärter Mensch wohl kaum als die Maxime seines Handelns auffassen. Muslimische Mädchen, die ein Kopftuch tragen (müssen), dürfen in aller Regel nicht an Klassenfahrten, am Sport- und insbesondere nicht am Schwimmunterricht, am Sexualkundeunterricht teilnehmen, das heißt, sie werden ausgegrenzt, bärtige, das heißt orthodoxe, männliche Mitglieder der muslimischen Gemeinde tauchen auf und "erklären" den nichtmuslimischen Schulleitungsmitgliedern, warum es muslimischen Mädchen nicht erlaubt ist, an den besagten Unterrichtsveranstaltungen teilzunehmen. Dies behindert die von Massarrat geforderte Integration. Selbstverständlich würde ich eine Schülerin mit Kopftuch auf Klassenfahrt mitnehmen, kann es aber in aller Regel nicht, da die Eltern dies verweigern.

Wenn Massarrat schreibt, dass in der laizistischen Türkei 50 Prozent der traditionellen islamischen Frauen aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verbannt sind, so hat dies gewiss nichts mit dem dortigen Kopftuchverbot zu tun, sondern mit der Nichtförderung der Emanzipation der Frauen.

Ulrike Hübel-Witulski, Ahlen


Lehrreich

Der Reaktion von Herrn Münch auf den Artikel von Mohssen Massarrat ist seit langem das Beste, was ich zum so genannten Kopftuchstreit gelesen habe. Er legt - wie ich finde - überzeugend dar, warum Frauen sich dazu bekennen, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen zu wollen. Vielen Dank für diesen lehrreichen Beitrag.

Nadine Stephan


Prokrustesbett

Wollen wir eine Parallelgesellschaft? Die Überschrift der Stellungnahme des Diplom-Sozialwirts Niels-Arne Münch macht mich stutzig. "Wollen wir" ...? "Wir" gleich Deutsche? Bilden die Deutschen eine geschlossene Gesellschaft mit einer gültigen Meinung für alle? Gibt es keine Minderheiten? Keinen Pluralismus?

Nicht nur stilistisch problematisch ist, wenn Herr Münch mit der Aussage beginnt: "Aus der Kommunikationsforschung wissen wir heute, wie wichtig Gesicht und Mimik für unsere Fähigkeit sind, mit anderen Menschen zu kommunizieren", und mit dem Slogan endet: "Unseren Kindern sollte etwas anderes vorgelebt werden". Der Autor erhebt den Anspruch, Sprachrohr der Kommunikationswissenschaftler und gar der deutschen Gesellschaft zu sein. Dieser anmaßenden Verallgemeinerung auf der einen Seite steht angeblich die "sich abgrenzende konservativ-religiöse Parallelgesellschaft" entgegen. Der Autor scheint diese so genannte "Parallelgesellschaft" weder zu kennen (Religion und Koran hat er offenbar nicht nur nicht "bemüht", auch nie studiert), noch ernst zu nehmen. Argumente seiner Kontrahenten nennt er "leeres Gerede", "Leerformel" oder "teilweise extrem repressiv". Für das, was als "repressiv", "konservativ", "traditionell", "rückschrittlich" und "fortschrittlich" zu gelten hat, ist der Diplom-Sozialwirt selbst die Norm. Er macht es "uns" leicht, "uns" über die repressiven Vergehen der islamischen Welt gegen die Frauen einheitlich zu empören, wenn er mit dem Kopftuch beginnt, es mit einem aufgezwungenen "Hüllen in Schweigen" gleichsetzt und mit der Frauenbeschneidung endet. Der Weg vom Kopftuch zur afghanischen Burka bis hin zum vollständigen Aussperren der muslimischen Frauen sei nicht weit. Das Tolerieren "der verschiedenen Formen des Kopftuchs" sei das Hinnehmen von Abgrenzungswünschen. Der Autor vergisst, dass Frau Fereshta Ludin eben für ihre Arbeit in der Öffentlichkeit kämpft. An immer mehr deutschen Schulen wird versucht, Lehrerinnen im Kopftuch "in Schweigen zu hüllen".

In seinem Bestreben, Frauen gegen ihren Willen vom Kopftuch zu entblößen, unterscheidet sich Herr Münch kaum von den Männern, die Frauen zwangsweise in Tücher und Schweigen hüllen. Hier wie da spricht daraus die männliche Überzeugung, aufgeklärter als Frauen zu sein. Hier wie da wird über Frauen als unmündige, nicht ernst zu nehmende Wesen bestimmt. Wirkliche Toleranz bedeutet, Frauen Freiheit einzuräumen, sich gegen die offensive männliche Dominanz und die vergänglichen Verbote durchzusetzen und ihre Köpftücher oder andere Kleidungsstücke nach eigenem Willen an- oder auszuziehen.

Die Lehrerin Fereshta Ludin hat die proklamierte deutsche Toleranz auf die Probe gestellt. Sie hat auf ihrem Weg zum Verfassungsgericht mehr geschafft als viele allgemein bewunderte Karrierefrauen. So eine Lehrerin wünsche ich meinen Kindern, damit sie mit einem guten gesunden Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen groß werden und sich in der Welt durchsetzen, auf den Gebieten, die sie sich selbst auswählen.

Offenbar kennt Herr Münch nicht die "Parallelgesellschaft", die er verneint. Er plädiert uneingeschränkt für die deutsche Gesellschaft. Hat er sich gefragt, ob ihre "säkulare[n] und individualistische[n] Werte" vorbildhaft und erstrebenswert sind? Weder die politische noch die wirtschaftliche Situation stimmen optimistisch. Von allgemeinen Kulturwerten kann in einer fortschreitend säkularen Welt ohne ein einheitliches Bildungsniveau keine Rede sein. Von außen betrachtet ist die aktuelle deutsche Gesellschaft orientierungslos und alles andere als ein Ideal. Nicht die muslimischen Frauen sind integrationsunfähig, sondern die deutsche Gesellschaft des Herrn Münch. Er propagiert eine geschlossene Gesellschaft, die nichts Fremdes erträgt. Eine intolerante Gesellschaft, der es an Selbstbewusstsein mangelt. Ich lese wieder die Überschrift: Wollen wir eine Parallelgesellschaft? Doch es muss anders heißen: "Was will der Göttinger Diplom-Sozialwirt?" Nicht Integration, sondern eine Nivellierung. Und wenn das Kopftuch nicht in sein Prokrustesbett passt, wird es abgeschnitten.

Irena Ostmeyer, Göttingen

00:00 05.03.2004

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