Lieber Michel

Post aus der CSU Michael Glos muss nicht mehr Wirtschaftsminister spielen. CSU-Parteichef Horst Seehofer lässt ihn gehen. Wie es dazu kam - der Briefwechsel exklusiv im "Freitag"

Am Samstagvormittag gelangt ein Brief von Bundesminister Michael Glos (CSU) via Bild am Sonntag (Vorabmeldung) in die Öffentlichkeit: Darin ersucht Glos bei seinem Parteichef Horst Seehofer um seine Entlassung. Am Sonntagabend dann war es vollbracht. Der Freitag hat einen Brief- und Mailwechsel zwischen den beiden Politikern entdeckt, den wir exklusiv an dieser Stelle veröffentlichen:

* * *

An: Michael Glos

@bwm.de>

Betreff: Dein Rücktrittsgesuch

München, Samstag, den 7. Februar

Sehr geehrter Bundeswirtschaftsminister, lieber Michel,

hör zu: Du bleibst. Mit Verlaub: Wo samma denn?

Meinst Du denn, dass ich zum Spaß mit den gelben Bierdeckeln jetzt in der Landesregierung sitze? Meinst Du denn im Ernst, dass ich mich erst zu Ingoldstadt bekenne, die liebe Familie, ja, und die noch so viel liebere Heimat, und mich dann in Berlin zum Deppen mach, weil ich, der Bayerische Ministerpräsident, bei der Sicherheitskonferenz in unserer Landeshauptstadt vor den Kameras steh und mich zum Michl Glos „äußern“ muss? Was meinst Du denn, soll der Obama jetzt denken? Kannst Du Dir denn ned wenigstens an Blackberry zu legen und so Hirngspinste MAILEN? Nein, der Herr Minister schreibt einen Brief. Einen Brief! Den holt Dir die Bild-Zeitung doch aus dem Briefkasten, bevor Du überhaupt wieder im Büro bist! Bist Du denn von Gott und allen guten Geistern verlassen?
Du bleibst. Das sagt auch die Angela. Und ich, ich sag des auch. Und jetzt sag ich Dir auch noch, warum Du bleibst.

1. Wir haben keinen anderen.

2. Wir brauchen einen Minister für Wirtschaft und Technologie, der sich zur Weltwirtschafts- und Finanzkrise nur in der Main Post zu Wort meldet, weil den Rest der Steinbrück schon erledigt und der weiß wenigstens, dass er reden kann, auch wenn er nicht weiß, was er redet.

3. Wir brauchen einen Bundeswirtschaftsminister, der keine Mühen scheut und zweimal im Jahr mit den Russen Wodka trinkt und unsere deutsch-bayerische Umwelt-Energie-Technik an den Mann bringt – ja, sollen wir denn alles dem Schröder überlassen?!

4. Wir brauchen einen Familienvater in ordentlichen Verhältnissen, katholisch und trinkfest und schlagkräftig, wenn die Christiansen demnächst dann wieder in ihrer Glaskugel sitzt, meinst Du denn, dass ich da hingeh?

5. Wir brauchen einen Minister, der unserer CSU in den Klatsch- und Vermischtenmeldungen die Quote erhöht, und sei es, dass er einem Polizisten den Fuß abfährt, ja sollen wir denn zuschauen, wie die Uschi von der CDU es von der Couch bei „Wetten, dass ...“ irgendwann auch noch ins Dschungelcamp schafft?

6. Michel, wir haben keinen anderen.

Und jetzt sag ich Dir noch eins, im Guten: Ich seh doch, dass Du schlecht aussiehst. Ganz grau bist Du geworden. Und ganz still und ganz blass. Aber Michl, des geht schon alles seinen Gang. Und im September, weißt, da kannst doch dann wieder Getreide mahlen, im schönen bayerischen Prichsenstadt. Versprochen. Gott wird es Dir vergelten. Ich Dir auch.

Habe die Ehre

Dein Horst und Parteivorsitzender

* * *

Berlin, Sonntag, den 8. Februar

Sehr geehrter CSU-Parteivorsitzender, mein lieber Horst,

es reicht! Es langt. Ich gehe. Und zwar, wann und wie ich will. Und jetzt rufe ich nochmal die Angela an. Und dann den von und zu Guttenberg, den Jungschleimer, den schleimigen. Freiherr, dass ich ned lach. Der macht's. Weil er alles macht, was ma halt so machen muss, wenn man groß rauskommen will. Wirst schon sehen. Der wird ein Wirtschaftsminister sein, Du, da pass auf. Da wird euch noch Hören und Sehen vergehen. Weil, es ist ja so: der Mittelstand. Um den geht's. Finanzkrise, also dass ich ned nochmal lach. Aber mir hört ja keiner zu.

Immer hab ich zu Dir gehalten, immer, sogar wie Dir die Meute wegen Deinem Gschpusi, Deinem unehelichen, nachg'hetzt ist. Ja, wer hat denn die Karin daheim in Ingoldstadt überredet, dass sie Dich ned glei ganz rausschmeisst? Wer, ja wer? Und wer hat dem Edmund seinen Platz selbstverständlich und aufopfernd eingenommen, weil der dann doch g'merkt hat, dass der Platz größer war als alle Egos vom Edi miteinander, der Schisser, der? Wer hat des gemacht, für die Partei, für Bayern, und für Dich?!

Horst, jetzt hör Du gut zu: Du und ich, wir sind geschiedene Leut, das des fei klar ist. Bei mir, in Prichsenstadt, brauchst Du Dich nicht mehr sehen lassen. Weil ich lass mir nicht mehr über den Mund fahren von Dir. Ausputzer! Ausputzer! Des hast Du fei das letze Mal zu mir gesagt. Ich geh. Zu Fuß!

Mit freundlichen Grüßen

Michel

* * *

An: Michael Glos

@web.de>

Betreff: Ciao

München, Sonntag, den 8. Februar

Michel,

See you later, Aligator :)!

Es grüßt der Horst

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:10 09.02.2009

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare