Lieblingshelden

A–Z Wir lieben und leiden, hoffen und bangen mit ihnen, selbst mit ultrabrutalen Soziopathen. Ein Hoch auf Frieda, Logan, Ditte und die anderen Romanfiguren im Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 11/2015

A

Alexander DeLarge Dieser Alex ist eigentlich niemand, den man gern haben kann. Moloko-Plus-schlürfend hängt er mit seinen Bandenkumpels, den droogs, in der Kohova-Milchbar herum, bereit für ein bisschen ultra-violence. Später schlägt, schlitzt und vergewaltigt er sich durch die Nacht – und läuft anschließend seelenruhig nach Hause, legt sich auf sein Bett und hört Mozart. Anthony Burgess lässt in „A Clockwork Orange“ wenig Zweifel an der Soziopathie seines erst 15 Jahre alten Protagonisten. Und trotzdem kann man Alex aus unerklärlichen Gründen nie ganz aufgeben oder verdammen. Als er schließlich „therapiert“ wird, bekommt man sogar etwas Mitleid mit ihm. Nicht, weil er gefoltert, sondern weil ihm die Freiheit genommen wird, selbst über Gut und Böse zu entscheiden. Im Gegensatz zu Kubricks Verfilmung hat Burgess’ Roman ein versöhnliches Ende: Der gealterte Alex will eine Frau finden und ein geregeltes Leben führen. In der US-Ausgabe fehlt das Kapitel. Wahrscheinlich war es einfach zu britisch. Simon Schaffhöfer

D

Der Reporter Es ist hier der richtige Ort für ein Geständnis: Ich führe nicht das Berufsleben, das ich führen möchte. Sitzungen leiten, Texte redigieren, Autoren besänftigen, ab und an ein Buch lesen und rezensieren: Ach, viel lieber würde ich raus in die Welt, hören, sehen, aufschreiben. Muss nicht die weite Welt sein, kann eine Kleinstadt in Brandenburg sein, sich in eine Pension einmieten und in die Kneipe setzen, später an der Tankstelle abhängen, im Boxclub, im Übungsraum der neuen Kumpels von „Five Teeth Less“. Ach, was hat man sich im meinen Kreisen nicht lustig gemacht über Moritz von Uslar und seine Großreportage Deutschboden. Der Mitte-Mann mit Hütchen im gnadenlos verklärten wilden Osten. Aber Freunde – er hat es getan. Nicht nur geschwätzt. Dafür meine reine, ehrliche Bewunderung. Irgendwann werde ich es ihm gleichtun. Aber jetzt erst mal den neuen Stasiuk lesen, es geht nach Transbaikalien. Michael Angele

Ditte Menschenkind Mit neun oder zehn Jahren las ich Ditte Menschenkind vom dänischen Schriftsteller Martin Andersen-Nexö. Geschrieben wurde der Roman über die lebenshungrige junge Ditte um 1920. Auf Deutsch erschien er 1948. Pelle der Eroberer ist Dittes berühmte Vorgänger. Nexö schildert im Menschenkind die Geschichte eines kurzen Lebens in Armut, Unrecht und Ausweglosigkeit, und er tut das in drastischen Bildern. Kein Wunder, war der Autor doch Mitglied der Kommunistischen Partei in Dänemark, politisch stets auf Seiten der Unterdrückten. 1941 wurde er während der deutschen Besetzung Dänemarks verhaftet, später floh er in die Sowjetunion. Schließlich ließ er sich in der DDR nieder, wo er 1954 starb.

Die Kälte, Dittes Hunger und die Demütigungen konnte ich förmlich spüren. Trotz ihres traurigen Schicksals ist sie ein mitfühlendes und uneigennütziges Wesen. Ich habe mit ihr gebangt, gehofft und gelitten, wollte sie beschützen, habe um sie geweint. Neulich tauschten eine Freundin und ich die jeweils wichtigsten Bücher unserer Jugend. Darum las ich Ditte nach so vielen Jahren jetzt noch einmal. Davor hatte ich etwas Angst: Was, wenn sie mir nach all der Zeit zu banal erscheinen würde? Aber nein, sie ist es immer noch: meine Heldin Ditte. Elke Allenstein

F

Ferdinand Bardamu Keiner bringt Menschenekel amüsanter auf den Punkt als Ferdinand Bardamu in Louis Ferdinand Célines Reise bis ans Ende der Nacht. Im Literaturseminar verfocht ich leidenschaftlich die Thesen des fiktiven Kulturpessimisten. Da sein Erfinder, Céline, auch antisemitische Pamphlete verfasste, wurde ich dafür als Quasinazi beschimpft. Aber Bardamus Menschenhass trägt nicht die rassistischen Züge, die in späteren Werke des Autors zu finden sind. Der Hass wurzelt in der Verzweiflung an der menschlichen Natur, die Bardamu unterwegs erlebt. Im Angesicht von Tod und Delirium, wie er sie vom Ersten Weltkrieg bis in die Langeweile eines Pariser Vororts erlebt, bleibt dem Misanthrop nur, sich mit beißendem Zynismus gegen die Welt zu wappnen. Milena Fee Hassenkamp

H

Hermine O nein – bitte keine Jubelarie auf Harry Potter! Aber nicht doch: Die Hermine, um die es hier geht, ist das Alter Ego von Harry Haller in Hermann Hesses Steppenwolf. Als ich das Buch mit 17 Jahren las, ließ mich die Hauptfigur Haller ziemlich ratlos zurück: ein Jammerlappen, an Verklemmtheit kaum zu überbieten, so leidend an seinem dualistischen Weltbild, dass er sich umbringen möchte. Hesse hat ihn absichtlich so angelegt – schließlich soll Haller all das überwinden und endlich etwas Leichtigkeit lernen. Also kommt Hermine ins Spiel, eine verruchte, blonde, junge Frau, tough wie ein ganz harter Typ. Sie bringt dem verzagten Harry H. bei, wie man mit Genuss Hühnerbeine verzehrt, tanzt und richtig guten Sex hat. So wie sie wäre ich mit 17 gern gewesen: sinnlich, selbstbewusst und unbeeindruckt von Geschlechterstereotypen. Sophie Elmenthaler

L

Lizzy Bennet Als Teenager ist man ja sehr empfänglich für Romantik (➝ Ziehen im Bauch). Und Romantik gepaart mit Rebellion ist unwiderstehlich. Genau diese Kombination fand ich mit 13 Jahren in Jane Austens Stolz und Vorurteil, in meiner Heldin für die kommenden Jahre: Elizabeth „Lizzy“ Bennet. Als zweitälteste von fünf Töchtern eines bürgerlichen Hauses im England des frühen 19. Jahrhunderts widersetzte sie sich jeglicher Bevormundung, erst recht in amourösen Belangen, um im Duktus der Zeit zu bleiben. Rebellisch, aber besonnen war sie, mit Witz, Intelligenz, einem gesunden Selbstbewusstsein und hohem Gerechtigkeitssinn. Auch wenn der Versuch, diese Attitüde in meine Teenierealität zu übertragen, nur zum Teil gelang, legte diese Lektüre doch den Grundstein für meine Schnulzenvorliebe. Jutta Zeise

Logan Mountstuart 1906 wird er geboren – und er fällt in ein Leben im Rausch des 20. Jahrhunderts, mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Logan Mountstuart wird zu einem recht erfolgreichen Jungautor in Großbritannien, berichtet als Journalist vom spanischen Bürgerkrieg und lernt Virginia Woolf, Ernest Hemingway, Pablo Picasso und viele andere prägende Gestalten der Epoche kennen. Er verheiratet sich unglücklich, verliebt sich, erleidet Schicksalsschläge im Zweiten Weltkrieg, versinkt im Drogenrausch, in der Bedeutungslosigkeit und schafft es schließlich erneut, Fuß zu fassen. Er wird Galerist, Geheimagent, Professor und politischer Aktivist. Klingt unwahrscheinlich? Kein Wunder, denn Mountstuart, dessen Biografie William Boyd in seinem Roman Eines Menschen Herz in Form von Tagebucheinträgen erzählt, hat nie wirklich existiert. Doch er ist ein fesselnder Romanheld, von dem man denkt: Ich würde zwar vieles anders machen, aber alles in allem sein Leben auch gern leben. Benjamin Knödler

P

Pippi Langstrumpf Wenn ein Typ Pippi Langstrumpf als Heldin seiner Kindheit erlebt hat, muss das ins Blatt – meinte die Redakteurin. Ich fand damals, und finde auch heute noch, nichts Ungewöhnliches daran. Wie kann man von so einem lebensklugen und starken, gewitzten und anarchischen Wesen wie Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter nicht beeindruckt sein? Sie wohnt allein und passt auf sich selbst auf, hat ein Äffchen. Und hey, wer kann schon Pferde hochheben? Pippis Freunde Thommy und Annika: langweilig, wie alle! Aber die Rotbezopfte ist auf Neugierde und Abenteuer gepolt. Warum hätte es mich stören sollen, dass sie ein Mädchen ist? Schon bevor ich das Grundgesetz kannte, wusste ich, dass alle Menschen gleich sind. Nur Pippi war cooler. Tobias Prüwer

M

Mehlreisende Frieda Geier Was ist denn das, eine Mehlreisende? Nun, eine Handelsvertreterin für Mehl. So klar, so schlicht ist es oft mit der Literatur der Neuen Sachlichkeit. Marieluise Fleißer war eine Meisterin dieses Stils, und Frieda Geier ist die Heldin ihres ersten Romans. Der trägt den Untertitel Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen und wurde 1935 auf die Liste „schädlichen Schrifttums“ gesetzt – was meist ein sicherer Hinweis auf hervorragende Literatur ist. Frieda heiratet den Tabakhändler Gustl. Aber der kommt mit Friedas Selbständigkeit nicht zurecht, „die natürlichen Machtmittel des Mannes“ haben bei ihr keine Wirkung. Nicht nur Gustl, auch den Nazis war Friedas Eigensinn dann also zu viel. Was sagt uns das? Ein 1a-Vorbild, diese Frau! Katja Kullmann

R

Rafael Horzon „Es ist auf jeden Fall ein Buch“, sagt der Autor. Der Wahrheitsgehalt von Rafael Horzons autobiografischem Roman Das weiße Buch ist nebensächlich. Diana Vreeland sagte einmal: „Truth is a hell of a big point with me. Now I exaggerate — always.“ Angeberei nennen manche das, ich nenne es Genius. Die Begebenheiten des eigenen Lebens zu einem Abenteuerroman zu überhöhen, ist so erstrebens- wie lesenswert. Die Quintessenz des Bohémiens, Akademiegründers, Paketboten, Clubbetreibers und Möbelhändlers Horzon lautet: Mach einfach. Glaub an deine Ideen! Die Schnittstelle zwischen Wahrheit und Fiktion ist sein Möbelgeschäft in Berlin-Mitte. Ich habe dort eines seiner Regale erworben und das amüsante Buch hineingestellt. Sophia Hoffmann

S

Spodeck Der Roman Horns Ende von Christoph Hein entwirft ein trauriges Bild von den Verhältnissen in einer ostdeutschen Kleinstadt – in der man vergeblich nach Helden sucht. Traurig ist vor allem die Figur des Dr. Spodeck: Er hegt die Vermutung, dass die gesundheitlichen Beschwerden des Historikers Horn in dessen Leipziger Vergangenheit wurzeln. Aber auch wenn sich Dr. Spodeck der Titelfigur Horn in gewisser Weise verbunden fühlt: Er weit davon entfernt, seinen Patienten vor dem Selbstmord bewahren zu können. Der Arzt ist zu sehr mit sich beschäftigt: Er hasst seinen Vater, seine Frau und sein kleinbürgerliches Leben. Mit Arroganz versucht er, über seine Ohnmacht hinwegzutäuschen. Und doch litt ich beim Lesen mit ihm. Denn er ist Teil einer Liebesgeschichte, die mich tief berührt, so zart und so traurig. Immer wenn ich das Buch aufschlage und noch einmal lese, wie vergeblich er liebt, schnürt es mir die Kehle zu. Ulrike Bewer

Z

Ziehen im Bauch Erotik, Romantik und Lust stellen sich beim Lesen leicht ein. Man muss einfach der Fantasie freien Lauf lassen und seine Lieblingsprotagonisten in all ihrer Pracht auf die innere Leinwand werfen. Da kommt man dann schon mal ins Schwitzen, unter der Bettdecke. Der Liedermacher Götz Widmann weiß die anregende Wirkung weiblicher Protagonistinnen zu schätzen und singt: „Salome, Athene, Ntschotschi und Hermine, fiktive Frauen vernascht man ohne Schuld und ohne Sühne.“ Kaum verwunderlich, dass die Enttäuschung bei Romanverfilmungen meist groß ausfällt. Kein Spiderman kam bislang an meine Vorstellung heran, und auch bei Romeo ist ja wohl noch mehr drin, als Leonardo DiCaprio 1996 in Baz Luhrmans Romeo and Juliet zeigte. Obwohl, ab und zu klappt es dann ja doch. Ich sage nur: You know nothing, Jon Snow. Madeleine Richter

06:00 25.03.2015

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